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Wie ein 80.000-Mitarbeiter-Konzern von Luxemburg aus die globale Rohstoffversorgung mitbestimmt

Eine ganze Reihe spannender Unternehmen sind in Luxemburg beheimatet. Ein besonders ungewöhnliches unter ihnen ist die Eurasian Resources Group (ERG). Der Rohstoffkonzern mit rund 80.000 Mitarbeitern ist weltweit aktiv, doch besonders dominant in Kasachstan. Das Tageblatt hat sich mit Geschäftsführer Shukhrat Ibragimov unterhalten.

Porträt von Shukhrat Ibragimov, Geschäftsführer eines luxemburgischen Rohstoffkonzerns, mit internationalem Hintergrund.

Shukhrat Ibragimov wurde 1986 in Kirgisistan geboren, ist in Kasachstan aufgewachsen, hat in Großbritannien studiert und ist heute Geschäftsführer eines in Luxemburg beheimateten Rohstoffkonzerns Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Tageblatt: Im Jahr 2024 wurden Sie zum CEO von ERG ernannt. Können Sie uns erzählen, wer Sie sind und wie Ihre Reise mit ERG begann?

Shukhrat Ibragimov: Meine Familie zählt zu den Gründern von ERG, daher ist mein Leben seit über 30 Jahren mit dem Unternehmen verbunden. Bereits als Student kam ich regelmäßig zu unseren Werken in Kasachstan, machte in den Sommerferien dort Praktika, bereiste die Standorte und lernte das Unternehmen meines Vaters kennen. 2013 trat ich offiziell mit ein. In diesen zehn Jahren bei ERG habe ich in verschiedenen Funktionen gearbeitet – von Grund auf, von der Produktionsplanung und Technologie bis hin zum Finanzwesen und strategischen Management. Ich habe die Entwicklung und Einführung der wichtigsten Projekte der Gruppe in Kasachstan, Afrika und anderen Regionen betreut, beim Aufbau unserer Aktivitäten in der Demokratischen Republik Kongo, vor allem im Bereich Kupfer und Kobalt, mitgewirkt und die Zusammenarbeit mit den internationalen Partnern von ERG koordiniert. 2024 wurde ich zum CEO und Vorsitzenden ernannt.

Können Sie uns einen Überblick über die ERG-Gruppe geben – Umsatz, Mitarbeiter, Produktion?

Wir beschäftigen über 80.000 Mitarbeiter weltweit, davon etwa 60.000 in Kasachstan. Unser Jahresumsatz liegt bei über sechs Milliarden Dollar – und er wächst kontinuierlich. Unser Fokus liegt auf verschiedenen Rohstoffen. Die Hauptproduktion ist Ferrochrom – wir fördern in Kasachstan über sechs Millionen Tonnen Chromerz, das zu mehr als 1,8 Millionen Tonnen Ferrochrom verarbeitet wird. Ferrochrom ist wesentlich für die Edelstahlproduktion. Jeder Edelstahl, den Sie sehen – von Besteck bis zu Wolkenkratzern – enthält mindestens ein Zehntel unseres Chroms. Die Ferrolegierungsprodukte von ERG werden von Kunden aus mehr als 40 Ländern verwendet, darunter auch Unternehmen wie ArcelorMittal, ThyssenKrupp und US Steel. Daneben produzieren wir elf Millionen Tonnen Eisenerz-Pellets, hauptsächlich für den chinesischen Markt, 266.000 Tonnen Aluminiummetall sowie 160.000 Tonnen Kupfer und 23.000 Tonnen Kobalthydroxid. Wir sind vertikal integriert: Wir fördern 34 Millionen Tonnen Kohle und erzeugen damit mehr als nur unsere eigene Energie, 18 Prozent der gesamten Stromerzeugung Kasachstans. Wir haben unsere eigene Abteilung für Logistik. In Kasachstan besitzen wir alles selbst und sind damit vollkommen unabhängig.

Shukhrat Ibragimov steht vor einem Foto von Kasachstans Präsident Qassym-Schomart Toqajew in offizieller Umgebung

Shukhrat Ibragimov vor einem Foto von Kasachstans Präsidenten Qassym-Schomart Toqajew Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Sie investieren aber auch in erneuerbare Energien. Was sind Ihre Pläne?

Im Jahr 2025 haben wir, in Rekordzeit, neben unseren Ferrochrom-Aktivitäten im Nordwesten Kasachstans einen 150-Megawatt-Windpark gebaut – eine Investition von 160 Millionen Dollar. Das ist erst der Anfang: Unser strategischer Plan sieht weitere Erneuerbare Projekte in den nächsten Jahren vor. Damit können wir uns, neben Kohle, auch in Richtung nachhaltiger, grüner Stromerzeugung diversifizieren.

In Kasachstan machen wir mehr als drei Prozent des nationalen BIP aus und stehen für zwei Prozent der Beschäftigten

Shukhrat Ibragimov

Welche Rolle spielt ERG in Kasachstan?

Eine enorme. ERG ist ein gewaltiges Ökosystem und alles muss passen. Wir sind in mehr als zehn verschiedenen Städten tätig, und mindestens vier davon sind exklusiv auf uns angewiesen – wir sind dort der stadtbildende Arbeitgeber. Wir finanzieren und bauen Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Infrastrukturprojekte, die wir dann an die Regionalregierungen übergeben. Allein in den letzten drei Jahren haben wir drei Schulen gebaut. Wir machen mehr als drei Prozent des nationalen BIP aus, und stehen für zwei Prozent der Beschäftigten. Kasachstan ist die strategisch wichtigste Region für ERG. Wir haben unsere jährlichen Investitionen dort erheblich erhöht – im Jahr 2025 beliefen sie sich auf knapp eine Milliarde US-Dollar, etwa 40 Prozent mehr als vor der Umsetzung unserer neuen Strategie.

Was bedeutet Luxemburg für Ihr Unternehmen?

Wir sind seit über zehn Jahren in Luxemburg und führen von hier aus unsere globalen Operationen. Luxemburg ist für uns zu einem Zuhause geworden – nicht nur wegen des investitionsfreundlichen Klimas und der Einfachheit des Geschäftemachens, sondern auch wegen der Kultur und der Freundlichkeit der Menschen. Wir unterstützen aktiv Kulturprogramme, arbeiten eng mit der Botschaft Kasachstans für Belgien und Luxemburg zusammen und sind eine Brücke zwischen beiden Ländern – sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf kultureller und diplomatischer Ebene. Beispielsweise befindet sich das kasachische Konsulat in Luxemburg, an dessen Aufbau wir mitgewirkt haben, im selben Gebäude wie unsere Büros.

Wir sind seit über zehn Jahren in Luxemburg und führen von hier aus unsere globalen Operationen

Shukhrat Ibragimov

Der Staat Kasachstan hält rund 40 Prozent der Aktien von ERG … Dann sind immer wieder Vertreter der Regierung hier in Luxemburg?

Alle Vorstandssitzungen finden hier statt, wobei die Minister, die dem Vorstand angehören, persönlich anwesend sind. Ihre Reisen nach Luxemburg sind unabhängig von offiziellen diplomatischen Besuchen – hier geht es um geschäftliche Angelegenheiten. Eine Luxemburger Delegation war vor nicht allzu langer Zeit im Kasachstan. Unser Außenminister war kürzlich zu Besuch in Luxemburg. Bei der UNO-Vollversammlung im September 2025 in New York gab es ein Treffen zwischen Kasachstans Präsidenten Qassym-Schomart Toqajew und Luc Frieden.

Wie sieht die wirtschaftliche Beziehung zwischen Luxemburg und Kasachstan aus?

Historisch gesehen war Luxemburg eine Industriemacht. Das Land hat es geschafft, Industrie und Technologie zu halten und neue Investitionen anzuziehen. Wie heute auch Kasachstan. Der bilaterale Handel konzentriert sich dabei vor allem auf finanzielle Zusammenarbeit, etwa auf das Finanzieren von Projekten in Bereichen wie Industrie, Bergbau, Weltraum und Landwirtschaft. Auch wenn die Länder weit auseinanderliegen, betragen die Investitionen aus Luxemburg in Kasachstan zusammen mehr als drei Milliarden Dollar, allein 2024 waren es fast 500 Millionen Dollar. Daneben besteht ein zunehmendes Interesse an Technologie und IT aus Luxemburg. In Luxemburg ist ERG der größte Vertreter der kasachischen Wirtschaft.

Was sind Ihre Hauptziele für ERG?

Wir wollen das zuverlässigste Unternehmen der Branche sein. Immer bereit zu handeln und das Versprochene zu liefern – unabhängig von allen Krisen. Gleichzeitig will ich, in Übereinstimmung mit Präsident Toqajew, dass ERG nicht nur ein Zulieferer von Rohstoffen ist. Wir wollen hochwertige Produkte selber herstellen, die beispielsweise in der Energiewende benötigt werden. Mehr Mehrwert schaffen. Ein Beispiel: Wir werden bald der zweitgrößte Galliumproduzent außerhalb Chinas sein. Gallium wird für Chips, LEDs, Laser, Sensoren und Halbleiter verwendet. Das entspricht auch sehr stark den Vorstellungen meines Vaters.

Welche Auswirkungen haben der Krieg und die Sanktionen auf ERG?

Viele unserer Kunden in Russland wurden sanktioniert. Wir durften ihnen keine Produkte mehr liefern. Das war schmerzhaft, denn als wir diesen Markt verließen, sind andere nachgerückt. Wir konnten nichts mehr verkaufen und somit auch keine Einnahmen mehr erwirtschaften. Hinzu kamen logistische Einschränkungen. Wir beliefern 40 Länder von Kasachstan aus, und der Weg zum Meer ist schwierig. Die Lieferzeiten erhöhten sich erheblich. Später mussten wir zudem plötzlich Logistik, Versicherung und Finanzierung selbst übernehmen, was früher internationale Banken und Partner erledigten. Ein Großteil unseres Betriebskapitals, das wir für Produktion und Verbesserungen verwendet haben, mussten wir nun hierfür aufwenden.

In Europa ist Energie einfach zu teuer

Shukhrat Ibragimov

Wie glauben Sie, wird es da weitergehen?

Das ist eine politische Frage. Ich bin aber ein Geschäftsmann. Wir tragen die Last unglücklicher Geschehnisse und müssen mit der Realität arbeiten, in der wir leben.

Wie sehen Sie die Wettbewerbsfähigkeit Europas?

Europa hat sich technologisch hervorragend entwickelt und sitzt am hochwertigen Ende der Lieferkette. In allen Bereichen, von Raumfahrt bis Landwirtschaft. Fachwissen und Geld sind da. Aber eine Sache wurde verpasst: die Unabhängigkeit bei Rohstoffen, wie auch bei der ersten Stufe der Verarbeitung. Europa muss sich nun langfristige strategische Partner suchen. Kasachstan ist hier ideal positioniert: Das Land hat geschätzte Ressourcen im Wert von 46 Billionen Dollar und mehr als 5.000 noch nicht erkundete Lagerstätten verschiedener strategischer Mineralien. Kasachstan ist das stabilste Land in der Region.

Wie ein 80.000-Mitarbeiter-Konzern von Luxemburg aus die globale Rohstoffversorgung mitbestimmt

Was sollte Europa tun, um unabhängiger zu werden?

Es überrascht mich: Warum gibt es in Europa nicht mehr Batterieproduktionsanlagen? Europa hat die Technologie, aber solche Anlagen wurden nie aufgebaut. Das passierte in einer anderen Weltregion. Doch es ist strategisch wichtig, nicht nur Rohstoffe zu importieren, sondern auch eine eigene Produktion zu haben. Es fehlen drei Etappen: die Minen, die erste Verarbeitung und die Produktion. Technik, Software und Geld gibt es.

Würden Sie auch Minen in Europa betreiben?

Zuletzt wurden uns zwei Minen in West- und eine in Osteuropa angeboten. Wir hatten das dann in Erwägung gezogen, es analysiert, aber die Energiekosten sind ein Problem. Bergbau und Verarbeitung sind extrem energieintensiv. Hier ist Energie einfach zu teuer. Im Durchschnitt machen Energiekosten 25 bis 30 Prozent der Produktionskosten aus. In Europa wären diese Kosten 40 Prozent. Deutlich höher als in Kasachstan oder China.

Innenansicht eines Kazchrome-Ferrolegierungswerks in Kasachstan mit Industrieanlagen und Produktionslinien

Blick in ein Kazchrome-Ferrolegierungswerk in Kasachstan Foto: ERG/Anatoly Ustinenko

ERG Energieproduktion mit Kohle und erneuerbaren Energien für nachhaltige Stromversorgung

ERG produziert seine eigene Energie, vor allem mit Kohle, diversifiziert sich aber auch in Richtung Erneuerbare Foto: ERG

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