Luxemburg
Nutznießer und Geisel zugleich – Wie abhängig ist der Finanzplatz von den USA?
Während geopolitische Spannungen zunehmen und die USA dem alten Kontinent zunehmend den Rücken kehren, stellt sich für Luxemburg eine zentrale Frage: Wie abhängig ist der Finanzplatz von den USA? Das Tageblatt hat Sabine Dörry vom Forschungszentrum Liser um ihre Meinung gefragt.
Der Erfolg des Finanzplatzes Luxemburg ist tief in der „Amerikanisierung“ der globalen Finanzwelt verankert Illustration: Tageblatt
„Der Finanzplatz Luxemburg ist seit langem sowohl Nutznießer als auch Geisel der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen globalen Ordnung“, so Forscherin Sabine Dörry auf Tageblatt-Nachfrage. „Diese Ordnung wurde entscheidend von den USA geprägt, und Luxemburg als kleiner, aber global vernetzter Knotenpunkt befindet sich innerhalb von Strukturen, (…) mit denen es nicht zuletzt dank seiner bemerkenswerten Finanzdiplomatie sehr geschickt umzugehen gelernt hat.“
Dass die USA mehr als nur wichtig für den Finanzplatz sind, sei daher klar. „Der Finanzplatz Luxemburg ist in hohem Maße von den USA abhängig“, unterstreicht sie und verweist auf die Geschichte. „Nach 1945 wurde das internationale Wirtschafts- und Politiksystem eng mit der Macht der USA (und ihrem auf fossilen Brennstoffen basierenden Wachstumsmodell) verknüpft.“
Luxemburgs Finanzzentrum ist seit langem sowohl Nutznießer als auch Geisel der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Weltordnung
Sabine Dörry
Senior Research Scientist, Liser
Sie erinnert an die historisch wichtige Rolle des „Eurodollar-Marktes“ in den 1960er Jahren, der wesentlich zur Entwicklung des Finanzplatzes beigetragen hat. Das Großherzogtum hatte damals geschickt internationale Regulierungsmöglichkeiten genutzt, und sich als zentrale Drehscheibe für US-Dollar-Geschäfte außerhalb der Vereinigten Staaten positioniert.
Die globale Finanzarchitektur, die aus dieser Zeit hervorgegangen ist, ist auch heute noch immer stark auf die USA ausgerichtet, erklärt Dörry. „Der US-Dollar ist nach wie vor die dominierende Reserve- und Transaktionswährung; wichtige Zahlungsinfrastrukturen, darunter Swift und Korrespondenzbankennetzwerke, wurden in der Vergangenheit um eine kleine Anzahl führender amerikanischer Investmentbanken herum organisiert; und globale Kartensysteme wie Visa und Mastercard haben ihren Sitz in den USA.“
Ebenfalls im Bereich der Vermögensverwaltung, der einen Großteil des Erfolges Luxemburgs ausmacht, sind die größten und einflussreichsten Unternehmen amerikanisch, so Dörry. Auch meist in den USA beheimatet seien die für den Finanzplatz überaus wichtigen Anbieter von Risikokapital.
Dollar-Dominanz und technische Infrastruktur
Doch die Abhängigkeit von den USA geht noch viel weiter: Sie betrifft auch die Technologie- und Cloud-Anbieter, auf die moderne Finanzgeschäfte angewiesen sind, von der Datenspeicherung über den Handel bis hin zum Risikomanagement, so die Expertin. Hinzugekommen sind in den letzten Jahren weitere dollargebundene Instrumente – und Kryptowährungen, die an den US-Dollar gekoppelt sind.
„Vereinfacht ausgedrückt“, schlussfolgert sie: „Die zugrunde liegende „Infrastruktur“ der internationalen Finanzwelt und viele ihrer dominierenden Unternehmensakteure sind amerikanisch – und die Finanzwirtschaft Luxemburgs ist tief in diesem System verankert.“

Sabine Dörry Foto: Flavie Hengen
Die Rolle, die das Großherzogtum für sich in diesem System erarbeitet hat, beschreibt sie wie folgt: Das Land habe sich als eine Art „globale Schaltzentrale“ in den Netzwerken der grenzüberschreitenden Finanzwelt positioniert. Es „ist ein kleines, offenes, nach außen orientiertes Modell, das darauf basiert, ausländisches Kapital und Finanzdienstleister anzuziehen.“ Sein Erfolg beruhe darauf, dass es internationalen Investoren und Intermediären einen stabilen rechtlichen und regulatorischen Rahmen, kompetente Dienstleistungen und politische Verlässlichkeit bietet.
„Diese Position hat es Luxemburg in der Vergangenheit ermöglicht, von der US-zentrierten Globalisierung zu profitieren und gleichzeitig ein relativ niedriges politisches Profil zu bewahren“, so die Forscherin.
Im Gegenzug bedeute dies natürlich auch, „dass Luxemburg strukturell von Entscheidungen in Washington, New York, London und anderen wichtigen Zentren abhängig ist und sich ständig an externe regulatorische und geopolitische Schocks anpassen muss“. Jahrzehntelang habe die luxemburgische Finanzdiplomatie diesen Balanceakt geschickt gemeistert – in einer Zeit, als Finanzströme weniger explizit als Waffe eingesetzt wurden als heute.
Neue Konkurrenz in Europa
Auch nicht vergessen dürfe man die Mobilität der Finanzen, so Dörry. Im Gegensatz zu Autofabriken, Weinbergen oder Immobilien können Finanzdienstleistungen relativ leicht an andere Orte verlagert werden. Als Beispiel nennt sie den Brexit, als viele Aktivitäten von London in EU-Finanzzentren wie Luxemburg, Dublin, Paris und Frankfurt umgezogen sind. „Luxemburg hat von dieser Umstrukturierung nach dem Brexit profitiert und seine Fondsbranche und seine regulatorische Infrastruktur gestärkt.“
Finanzdiplomatie
Wie wichtig die USA für den Finanzplatz sind, hatte zuletzt auch eine gemeinsame Pressekonferenz von Außenminister Xavier Bettel und Finanzminister Gilles Roth gezeigt. Sie kündigten an, dass Luxemburg künftig in zehn ausgewählten diplomatischen Vertretungen neben Diplomaten auch Experten des Finanzministeriums einsetzen werden. Es gelte, den für das Land so wichtigen Sektor besser zu vertreten. Zu den Vertretungen, in denen diese neuen Posten geschaffen werden, zählen: London, Singapur, Mumbai, São Paulo, Hongkong, Zürich und vier Standorte in den USA (San Francisco, Washington DC, New York und Austin, Texas. Dass der Standort USA, trotz der aktuellen geopolitischen Spannungen, weiter ausgebaut wird, erklären beide Minister damit, dass man die wirtschaftliche Realität nicht ignorieren könne.
Gleichzeitig haben sich jedoch auch andere europäischen Volkswirtschaften im Finanzbereich zunehmend spezialisiert und produzieren nun selber Finanzprodukte für den Export und für den Gebrauch innerhalb ihrer Landesgrenzen, hebt die Expertin hervor. „Dies hat den innereuropäischen Wettbewerb zwischen den Finanzzentren verschärft. Größere Länder mit historisch starken Bankensektoren wie Frankreich und Deutschland bauen nun aktiver ihre eigenen Hubs in Paris und Frankfurt auf.“
Luxemburg, das nie über eine große inländische Industriebasis zur Finanzierung verfügte, setzt weiterhin auf seine Agilität, seine grenzüberschreitende Expertise und seine internationalen Netzwerke, so Dörry. „Allerdings muss es nun seinen Marktanteil nicht nur gegenüber London und New York verteidigen, sondern auch gegenüber selbstbewussteren europäischen und außereuropäischen Konkurrenten, von Paris und Frankfurt bis Dubai und Singapur.“
Risiko und Chance zugleich
Zugute kommt Luxemburg, dass es stets versucht hat, sich eine breite internationale Ausrichtung zu sichern, auch wenn der Erfolg nicht immer eintrat. „Chinesische Banken haben nicht so viel Geschäft gebracht wie einst erhofft, und russische Institutionen sind derzeit durch Sanktionen ausgeschlossen“, so die Forscherin. Trotzdem spiegele ihre Präsenz „Luxemburgs Strategie der Diversifizierung innerhalb der Grenzen westlicher Allianzen wider“. Die Kernkompetenz der luxemburgischen Finanzdiplomatie habe immer darin bestanden, ein Gleichgewicht zwischen Großmächten und Regulierungssystemen herzustellen und den Zugang zu globalen Märkten aufrechtzuerhalten, ohne dabei offene Konfrontationen zu provozieren.
Dörry sieht das aktuelle geopolitische Umfeld als zweischneidiges Schwert: sowohl als Risiko als auch Chance. Ein Risiko, weil eine stärkere Fragmentierung, Sanktionen und die Politisierung der Zahlungs- und Finanzinfrastrukturen deutlich machen, wie abhängig Luxemburg von einem von den USA dominierten System ist, das es nicht kontrolliert. „Jede abrupte Änderung der US-Politik, der Vorschriften oder der geopolitischen Prioritäten kann unverhältnismäßige Auswirkungen auf eine so kleine, spezialisierte Wirtschaft haben.“
Gleichzeitig sei das neue Umfeld jedoch auch eine Chance, sagt sie. „Da die globale Finanzwelt zunehmend umkämpft und multipolarer wird, wächst die Nachfrage nach Rechtsordnungen, die Rechtssicherheit, technisches Fachwissen und einen Ruf für Zuverlässigkeit bieten und gleichzeitig fest im europäischen Projekt verankert sind.“
Was nun speziell die Rolle der USA für den Finanzplatz angeht, so sei das Land „gleichzeitig Rückgrat und Hauptdruckpunkt für Luxemburg“. Die Frage sei nicht, ob Luxemburg sich aus dieser Abhängigkeit befreien kann – das könne es nicht, zumindest nicht kurz- oder mittelfristig –, sondern wie es mit dieser Abhängigkeit umgeht.
Zur Person
Sabine Dörry ist „Senior Research Scientist“ am Luxemburger Institut für sozioökonomische Forschung (Liser) und lehrt an den Universitäten Luxemburg und Bonn. In ihrer Arbeit untersucht sie, wie Finanzsysteme, Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit zusammenwirken und wie diese Kräfte Orte und Volkswirtschaften prägen.
Im Rahmen der Antworten, die sie dem Tageblatt gegeben hat, verweist sie auf ihr Buch Future Finance: Legal geographies of financial centres and the asset economy (2025) sowie auf die Fachartikel Global networks of money and information at the crossroads: Correspondent banking and SWIFT (2023) sowie Luxembourg and Ireland in global financial networks: Analysing the changing structure of European investment funds (2022).

Es ist die Geschichte, die sowohl die Schwächen des Finanzplatzes als auch seine Stärken erklärt Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante