Gespräch mit Experten von Deloitte
Die Spar- und Investmentunion: Eine Chance für Luxemburg
Bei der Spar- und Investmentunion (SIU) geht es um weit mehr, als nur um das Risiko einer Zentralisierung der Aufsicht der Finanzbranche in Paris, sagt Laurent Collet von Deloitte. Im Gegensatz zu Risiken ist er der Überzeugung, dass die Initiative eine große Chance für Luxemburg darstellt.
Kaum ein anderes Land ist besser positioniert als Luxemburg, um von einem europäischen Binnenmarkt für Finanzprodukte zu profitieren Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Die Finanzbranche in Luxemburg reagiert oft gereizt, wenn es um die Spar- und Investmentunion (SIU) geht. Beim Investmentfondsverband Alfi schaut man mit Sorge auf den französischen Vorstoß, die Aufsicht der Branche bei der ESMA in Paris anzusiedeln. Auch beim Luxemburger Finanzministerium sieht man das Risiko von „mehr Bürokratie, mehr Komplexität, mehr Kosten und weniger Wettbewerbsfähigkeit“.
Bei dem ganzen Projekt gehe es jedoch um viel mehr, als nur um die Frage der Aufsicht der Finanzmärkte, hebt Laurent Collet, Partner und Co-Autor eines Berichts von Deloitte Luxemburg über die SIU, hervor. „Es ist wichtig, die Strategie der EU zu verstehen, hier gibt es eine wichtige Rolle für Luxemburg zu spielen.“ Dafür habe man den Bericht erstellt und mit Akteuren wie der Spuerkees oder Clearstream geredet. Man wolle Teil der Überlegungen sein und die Rolle Luxemburgs in den Vordergrund rücken, so Collet, der laut eigenen Angaben dreißig Jahren Erfahrung im Finanzsektor hat. Deloitte, Anbieter von Dienstleistungen für Unternehmen, beschäftigt hierzulande rund 2.600 Mitarbeiter.
Europa leidet unter einem beachtlichen Widerspruch, erklärt er. Die Haushalte halten zusammen rund zehn Billionen Euro auf Bankkonten, während der Kontinent laut der Analyse von Mario Draghi jährlich rund 800 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen benötige, um in Wachstum, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu investieren. „Zwischen dem vorhandenen Sparkapital und dem Investitionsbedarf besteht jedoch kaum eine Verbindung“ , so Collet. „Die Gelder zirkulieren nicht — blockiert durch fragmentierte nationale Regelwerke und andere rechtliche Barrieren in den einzelnen Mitgliedstaaten.“
Brauchen würde Europa hingegen ein „Schengen für das Geld“, unterstreicht er. Damit Geld ohne Barrieren frei durch Europa fließen kann – damit Banken, Investoren und Privatleute da investieren können, wo das Geld gebraucht wird. „So etwas haben wir aktuell nicht.“
Barrieren abbauen
Mit der SIU gelte es jetzt, diese Barrieren abzubauen, erläutert er zur Vision hinter dem Projekt. Für die Bürger solle es attraktiv – und sicher – werden, ihr Geld grenzüberschreitend zu investieren, auch für die Rente. Künftig soll es spezielle Finanzprodukte für all dies geben, so Collet.
Um dieses große Ziel zu erreichen, stützt sich die Strategie der SIU auf vier Säulen, erläutert er weiter. Die erste zielt darauf ab, den europäischen Bürgern zugängliche und sichere Anlageprodukte anzubieten: persönliche Rentenpläne, gut gewichtete ETFs. Hinzu kommt die Förderung der „éducation financière“. Es nütze nichts, Produkte zu schaffen, wenn die Bürger weder das Vertrauen noch die Reflexe haben, sie zu nutzen, sagt er.
Die zweite Säule richtet sich an Unternehmer und KMU: Sie sollen leichteren Zugang zu europäischem Kapital erhalten – über Private Equity und Wagniskapital – damit sie ihre Finanzierung nicht länger in Übersee suchen müssen. Die dritte Säule will die Markt-Infrastruktur, Börsen und Technik europaweit besser integrieren. Die vierte Säule befasst sich mit der Harmonisierung und der Aufsicht des Finanzmarktes. Diese ist es, die für Sorgen am Finanzplatz Luxemburg sorgt.

Laurent Collet: Die SIU ist eine Gelegenheit für Luxemburg, die Expertise unter Beweis zu stellen, die in einem halben Jahrhundert aufgebaut wurde Foto: Deloitte
Collet will sich auf das politisch sensible Terrain der Aufsichtsfrage nicht zu weit vorwagen. Unabhängig davon, welche Organisationsform letztlich gewählt werde, müsse auch die ESMA sich auf Akteure stützen, die über Expertise, Produktkenntnis und Sektorerfahrung verfügen, sagt er beruhigend. „Man muss eine Lösung finden, die alle Akteure respektiert.“ Schlussendlich werde „sich nicht alles verändern“. Er verweist auf die Erfahrung mit der 2014 erfolgten Errichtung der europäischen Banken-Aufsichtsbehörde in Frankfurt.
Bei den ersten drei Säulen lässt Laurent Collet seinem Optimismus freien Lauf. Luxemburg habe nicht auf die SIU gewartet, um europäisch zu denken, betont er. Seit die ersten Eurobonds in den Sechzigerjahren von der Luxemburger Börse zugelassen wurden, hat der Platz stets Instrumente mit grenzüberschreitender Ausrichtung entwickelt. Luxemburg ist heute das größte Fondszentrum Europas und das zweitgrößte weltweit, nach den Vereinigten Staaten, hebt er hervor. Diese Stellung wurde über Jahrzehnte aufgebaut – durch regulatorische Expertise, Flexibilität und ein einzigartiges Ökosystem, in dem Regierung, Beratungsbüros, Anwälte und internationale Banken eng zusammenarbeiten. Kaum ein anderes Land sei demnach besser positioniert, um von einem europäischen Binnenmarkt für Finanzprodukte – wie die SIU ihn schaffen will - zu profitieren.
Beim Zeitplan ist allerdings Vorsicht geboten. Mittelfristig wolle sich die EU-Kommission alle bestehenden Regelungen und Richtlinien aus dem Bereich unter die Lupe nehmen, und alle Barrieren abbauen, so Collet. Das werde aber wohl zwei bis drei Jahre dauern. Im Gegensatz zum Vorgängerprojekt „Kapitalmarktunion“ gebe es aber nun den Willen voranzukommen.
Finanzprodukte aus Luxemburg sollen in ganz Europa verkauft werden können
Laurent Collet
Deloitte
Ein erstes Teil des SIU, das „Market Integration Package“, soll in den kommenden Wochen dem Europäischen Parlament zur Abstimmung vorgelegt werden. Danach haben die Länder dann ein Jahr Zeit zur Umsetzung. Andere Teile folgen später. „Es wird stückchenweise gehen. Genaue Daten kennen wir nicht.“
Alle Hindernisse werden dabei nicht verschwinden: Bei einigen Gesetzen, wie etwa bei Steuern werden die Länder ihre Hoheitsrechte behalten. Trotzdem soll alles „einfacher und besser“ werden. „Finanzprodukte aus Luxemburg sollen in ganz Europa verkauft werden können.“
Die DNA des Finanzplatzes, wie Collet es formuliert, ist genau jene, die Europa überall zu verankern versucht: Offenheit, Flexibilität, grenzüberschreitende Expertise. Für Luxemburg ist die SIU daher keine Bedrohung, die es abzuwehren gilt, sondern eine Welle, die es zu nutzen gilt. „Luxemburg ist gut vorbereitet. (…) Es muss nur auf das Bestehende aufbauen.“