Radsport

Zwischenbilanz der Tour: „Pogi“ steht über allen – „Evenewitz“ ist ein Krisenherd

Die 113. Tour de France ist neun ereignisreiche Etappen alt. Der SID nutzt den ersten Ruhetag, um eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Tadej Pogacar fährt mühelos Richtung Toursieg, während Jonas Vingegaard ihm im Radrennen hinterherfährt

Tadej Pogacar (r.) fährt scheinbar problemlos Richtung Tour-Sieg, während Jonas Vingegaard (l.) kaum etwas entgegenzusetzen hat Foto: AFP/Loic Venance

Gewinner und Glückliche

Tadej Pogacar: Wer sich grämt, zu jung zu sein, um Eddy Merckx erlebt zu haben, darf sich damit trösten, Pogacar nun erleben zu können. Der Slowene ist ein Naturereignis, ein Radgenie, wie es nie zuvor existierte. Und er vermittelte schon in der ersten Tour-Woche seinem Herausforderer Jonas Vingegaard, was sich am besten mit Mario Adorf sagen lässt: „Ich bin dir einfach über. Begreifst du das denn nicht, mein Junge?“

Isaac del Toro: Klare Nummer zwei in Pogacars UAE-Team und trotzdem Gesamtdritter: Der 22-Jährige begeistert als Etappensieger bei seiner ersten Tour, entfacht Euphorie in seinem Heimatland Mexiko und stellt auch das Debüt von Frankreichs Wunderkind Paul Seixas in den Schatten. Es bleibt die Frage: Wann wird del Toro die Rolle als loyaler Helfer zu klein?

Tim Merlier und Soudal Quick-Step: Seit Jahren verliert das belgische Team seine Stars, zuletzt Remco Evenepoel an Red Bull, und dennoch nicht an Qualität. Der bereits 33 Jahre alte Merlier gewann zwei der drei Massensprints, auf 31 Tour-Etappensiege bringt es Quick-Step in den vergangenen zehn Jahren – absolute Spitze, zwei mehr als selbst Pogacars UAE-Team.

Torstein Träen: Natürlich: Der Schmerzensmann des Radsports stürzte wieder einmal übel und schied aus. Im Gelben Trikot, das er zwei Tage vorher erobert hatte. Aber eben zwei Tage lang eroberte der Norwegern mit trocken-humoriger Art auch die Herzen. Und so ein Tour-Aus ist doch ein Klacks für jemanden, der während seiner Karriere den Krebs besiegt hat.

Enttäuschte und Enttäuschende

Jonas Vingegaard: Es ist ein wenig wie bei Jan Ullrichs Kampf gegen Lance Armstrong dereinst. Jetzt sei der Däne wirklich in der Form seines Lebens, hieß es nicht zum ersten Mal, diesmal kann er wirklich Pogacar knacken. Und doch reichte eine schwere Bergetappe, um recht hoffnungslos hinter seinen Rivalen zurückzufallen. Ein Giro ohne Pogacar ist – wer konnte das ahnen – eben leichter zu gewinnen als eine Tour gegen ihn.

Red Bull-Bora-hansgrohe: Starzugang Remco Evenepoel drei Sekunden hinter dem Podest, Florian Lipowitz 33 – eigentlich sieht das ganz gut aus. Doch die Darstellung des deutschen Teams mit seiner Doppelspitze, deren Funktionalität berechtigt angezweifelt wurde, ist besorgniserregend. Nach Evenepoels öffentlicher Kritik an Lipowitz stellte Boss Ralph Denk dies als Medien- und nicht als Teamproblem dar. Die nicht geklärte Hierarchie ist ein großes Manko, der nächste Krach vorprogrammiert.

Movistar: Movistar hieß einst Banesto und gewann mit Miguel Indurain fünfmal die Tour. Diesmal fiel Spaniens prominentestes Team neben konsequentem Misserfolg vor allem dadurch auf, es für eine schlaue Idee zu halten, den belgischen Klassementfahrer Cian Uijtdebroeks mit Magenschleimhautentzündung, Durchfall und Fieber in der Gluthitze fahren zu lassen. „Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich das gehört habe“, sagte Tom Teulingkx, Chef der Vereinigung belgischer Sportärzte.

Netcompany Ineos: Einst unter dem Namen Sky die Großmacht im Tour-Feld und zwischen 2012 und 2019 mit vier Fahrern (Wiggins, Froome, Thomas, Bernal) mit sieben Gesamtsiegen in acht Jahren, heute eine teure Baustelle ohne wirkliche (Zeit-)Planung – quasi das Stuttgart 21 des Radsports. Keine Ansprüche im Gesamtklassement, kein Etappensieg, insgesamt sehr wenig. Egan Bernal kann am wenigsten dafür: Der Mann, der kurz vor Pogacar als Radsport-Herrscher der kommenden Dekade galt, fährt nach einem fürchterlichen Unfall zumindest wieder in der erweiterten Tourspitze mit.

Tudor und Pinarello: Der Blick auf die Startliste bestätigt: Ja, beide Teams fahren wirklich bei dieser Tour mit. Nur: Wozu? Denn die beiden Schweizer Mannschaften vermittelten bis zum Sonntag, als sie kleine bis mittelgroße Lebenszeichen sendeten, kaum den Eindruck, irgendetwas Konstruktives beitragen zu wollen. Anders als die mutigen Spanier von Caja Rural bestreitet Pinarello mit Mountainbike-Olympiasieger Tom Pidcock eine insgesamt inspirationslose Tour-Premiere. Und bei Tudor mit Ex-Weltmeister Julian Alaphilippe sind bestenfalls die schicken Teamfahrzeuge vorne dabei.

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