IOC-Vollversammlung
Zwischen Reformen und der Russland-Frage
Während die Fußball-Weltmeisterschaft derzeit die Schlagzeilen beherrscht, richten sich die Blicke der olympischen Sportwelt nach Lausanne. Dort stehen in den kommenden Tagen wegweisende IOC-Sitzungen an, bei denen es unter anderem um Reformen, die Zukunft der Olympischen Spiele, den Umgang mit Russland und die Vergabe künftiger Sommerspiele gehen wird.
Am Dienstag ist IOC-Präsidentin Kirsty Coventry ein Jahr im Amt Foto: AFP/Fabrice Coffrini
Was steht an?
Während die Fußball-Weltmeisterschaft die Sport-Schlagzeilen dominiert, tritt das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Lausanne zu Sitzungen zusammen, die größeren Einfluss auf die Sportwelt – auch auf die deutsche Olympia-Bewerbung – haben dürften.
Warum das Datum?
Die olympische Welt steckt voller Symbole, auch fernab von Fackelläufen, Flaggen oder Eiden. Am Dienstag ist „Olympic Day“, dann jährt sich die Gründung des IOC zum 132. Mal, es ist gewissermaßen der höchste Feiertag in der Welt der fünf Ringe. Und: IOC-Präsidentin Kirsty Coventry ist am 23. Juni exakt ein Jahr im Amt.
Wie verlief das erste Amtsjahr von Coventry?
Die anstehenden vier Tage werden die bis dato wichtigsten für die Nachfolgerin von Thomas Bach, sie werden auch ihr Profil schärfen. Bislang ist die 42-jährige Simbabwerin oft unverbindlich, bei den Winterspielen im Februar in Italien auch brüsk aufgetreten, stets mit dem Verweis auf laufende Reformprozesse. Eines ist aber zutage getreten: Obwohl Coventry Schwimm-Olympiasiegerin ist und Athletensprecherin war, begegnet sie den Wünschen der Aktiven nach direkter finanzieller Partizipation an den milliardenschweren IOC-Einnahmen konsequent mit Ablehnung.
Worum geht es bei den Sitzungen?
Am Montag und Dienstag tritt zunächst die IOC-Exekutive, gewissermaßen Coventrys Kabinett, zusammen. Hier werden Entscheidungen auf den Weg gebracht. Diese müssen durch die Vollversammlung beschlossen werden. Die Session der derzeit 104 IOC-Mitglieder ist für Mittwoch (ab 13.30 Uhr) und Donnerstag (9 bis 12 Uhr) im SwissTech Convention Centre in Lausanne angesetzt. Der entscheidende Tag wird der Mittwoch, auch wenn das IOC-Programm nicht sonderlich detailreich formuliert ist. Doch sowohl die Updates zum „Fit for the future“-Prozess als auch die „Änderungen der Olympischen Charta“ haben es in sich.
Was ist bezüglich der IOC-Reformen zu erwarten?
„Fit for the future“ umfasst die Reformprozesse im IOC, die unter Coventry angestoßen wurden. Bereits abgeräumt sind der IOC-Kurs zum Frauensport (Rückkehr der Geschlechtstests, einmaliges SRY-Gen-Screening wird für Los Angeles 2028 obligatorisch) und der weitere Umgang mit Belarus: Der Verbündete Russlands im Angriffskrieg gegen die Ukraine ist seit Mai begnadigt, Sportler des Landes dürfen wieder unter eigener Flagge und Hymne starten. Noch offen ist aber u.a. die Frage, was das Sportarten-Programm bei den Winterspielen 2030 umfassen soll – unter anderem die Nordische Kombination muss um ihren Olympia-Status bangen. Und, größer gedacht: Wie sollen Olympische Spiele der Zukunft überhaupt aussehen, um relevant zu bleiben?
Aus deutscher Sicht ist angesichts der Bewerbungen um Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 noch etwas anderes bedeutsam: Der Prozess der Vergabe von zukünftigen Spielen soll eine Zwischenstufe erhalten, um transparenter zu werden und die IOC-Mitglieder wieder stärker einzubeziehen. Welche Folgen das konkret hat, ist noch offen. Der Deutsche Olympische Sportbund aber ist hoffnungsfroh. „Wir erwarten, dass es für alle an der Ausrichtung interessierten Kandidaten noch einmal mehr Orientierung im Bewerbungsprozess geben wird, was zu mehr Klarheit und besserer Strukturierung führen kann“, sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert auf SID-Anfrage.
Wie geht es mit Russland weiter?
Durch die beantragten Änderungen der IOC-Charta könnte nach Belarus auch Russland die Rückkehr in den Weltsport geebnet werden. Coventry will schließlich die „Autonomie des Sports“ schützen und sicherstellen, dass Athleten nicht für das Handeln ihrer Regierungen bestraft werden. „Der Sport muss neutral bleiben, damit wir allen Athleten, unabhängig von ihrer Herkunft, sagen können: Ihr seid willkommen, hier zu spielen und die Welt zu inspirieren – aufgrund eurer sportlichen Leistungen und nicht aufgrund eurer Herkunft“, sagte Coventry zuletzt. Anfang Mai allerdings hatte sie noch beteuert, dass es in der Russland-Frage „keinen Zeitplan“ gebe und vage auf Bedenken hinsichtlich der Anti-Doping-Arbeit im Land verwiesen, die es auszuräumen gelte. (SID)