Tour de France
Weggeflogen: Pogacar verprügelt die Konkurrenz am Tourmalet
Die erste echte Berg-Herausforderung bei der Tour hat es in sich. Ausnahmefahrer Pogacar zeigt mal wieder seine Klasse. Der Konkurrent im Gelben Trikot stürzt auf der Abfahrt vom legendären Tourmalet.
Tadej Pogacar war auf der ersten Bergetappe nicht zu schlagen Foto: AFP/Loic Venance
Tadej Pogacar preschte mit Blick auf das spektakuläre Bergpanorama in den Pyrenäen den Schlussanstieg hoch, riss im Zielbereich beide Arme in die Höhe und verneigte sich nach seiner Solo-Show. Bei einer Machtdemonstration während der 113. Tour de France hat der Ausnahmefahrer wieder einmal seine ganze Klasse gezeigt und das Gelbe Trikot als Gesamtführender zurückerobert – und das trotz eines Abstands von fast acht Minuten vor Beginn der sechsten Etappe.
Der slowenische Superstar siegte bei der Bergankunft nach der ersten Hochgebirgsetappe und samt souveräner Überquerung des ikonischen Col du Tourmalet nach 186,2 Kilometern zwischen Pau und Gavarnie-Gédre mit mehr als 2:30 Minuten vor seinem Dauerrivalen Jonas Vingegaard und Teamkollege Isaac del Toro.
Pogacar: Unglaublicher Sieg
„Ein unglaublicher Sieg, einer der süßesten“, sagte Pogacar nach dem Rennen. Er gehöre zu den Top fünf bei seinen Auftritten an der Frankreich-Rundfahrt. Er musste oft an seinen Handbruch am Tourmalet zurückdenken, er habe einige „Flashbacks“ gehabt. „Es ging mir nicht um Sekunden in den Gedanken“, sagte er hinsichtlich des vergrößerten Abstands. „Ich wollte einfach voll durchfahren.“
Die Konkurrenz musste beobachten, wie der 27 Jahre alte Pogacar alle seine direkten Konkurrenten mit einer explosiven Attacke knapp 45 Kilometer vor dem Ziel am Tourmalet und einer langen Solofahrt abwatschte. Zudem feierte er seinen 23. Etappensieg bei der Frankreich-Rundfahrt.
Der überraschend zwei Tage in Gelb fahrende Torstein Traeen konnte am Tourmalet nicht mehr folgen. Zu allem Übel stürzte der Norweger bei der Abfahrt vom Berg und musste behandelt werden. Doch für den Skandinavier ging es später weiter.
In der Gesamtwertung liegt Pogacar 2:42 Minuten vor dem Dänen Vingegaard. Auf dem dritten Rang steht nun der Mexikaner del Toro mit einem Abstand von 3:27 Minuten auf Pogacar.
Macron verfolgt Etappe
Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron einen Teil der Etappe mit Tour-Chef Christian Prudhomme verfolgte, demoralisierte der starke Pogacar die Konkurrenz mächtig, als immer mehr der Verfolger abreißen lassen mussten. Früh im Anstieg zum Tourmalet fiel Gelb-Träger Traeen zurück.

Jonas Vingegaard musste Tadej Pogacars Dominanz anerkennen Foto: AFP/Jeff Pachoud
Fünf Kilometer vor der Spitze des Tour-Giganten attackierte Pogacar, flankiert von Tausenden Fans, am Berg und ließ die direkten Konkurrenten hinter sich, darunter Vingegaard, Remco Evenepoel, Florian Lipowitz und Paul Seixas. Vor allem in der Abfahrt vom Tourmalet konnte Vingegaard nicht folgen und der Abstand wuchs immer weiter. Evenepoel fiel ebenfalls an seinem gefürchteten Berg deutlich zurück, kam aber später zurück.
Zielort zum ersten Mal bei der Tour dabei
Eindrucksvolles Bergpanorama, Wasserfälle, Serpentinenstraßen: Die Bewohner der Gemeinde Gavarnie-Gédre kamen zum ersten Mal auf den Geschmack, in ihrer Heimat eine Etappe der Tour zu erleben. Die Radprofis erwarteten mit dem Col d’Aspin auf 1.489 Metern und dem Pyrenäen-Giganten Tourmalet – einem Anstieg der höchsten Kategorie mit durchschnittlich 7,3 Prozent Steigung auf 17,1 Kilometern – zwei anspruchsvolle Herausforderungen.
An den Tourmalet hat Evenepoel keine guten Erinnerungen. Im vergangenen Jahr stieg er auf der 14. Tour-Etappe aus, nachdem er während des Anstiegs zum Berg abgehängt worden war und kurz darauf erschöpft die Rundfahrt beendete.
Vingegaard mit Sturz am Vortag
Vor der Etappe war spekuliert worden, inwiefern der viermalige Tour-Champion und Gesamtsieg-Favorit Pogacar seinen Abstand von fast acht Minuten auf den Norweger Traeen verkürzen wird. Am ersten kniffligen Anstieg, dem Col d’Aspin, wurde deutlich, dass das Team von Pogacar den Tagessieg anstrebt.
Am Vortag erlebte Pogacars ärgster Rivale Vingegaard einen Schreckmoment, als er auf der für Sprinter ausgelegten Etappe in einen Sturz verwickelt war. Der 29-Jährige schnappte sich aber das Rad eines Teamkollegen und erreichte ohne Zeitverlust das Ziel.
Mit enormer Geschwindigkeit gingen die Profis trotz der Gebirgsetappe zu Werke. Vor dem zweiten kategorisierten Anstieg betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit um die 48 Kilometer pro Stunde – weit vor der geschätzt höchsten angenommenen Fahrzeit. Die spätere spektakuläre Pogacar-Show passte dazu.
Im Überblick
113. Tour de France, 6. Etappe: Pau - Gavarnie-Gèdre (186,2 km): 1. Tadej Pogacar (Slowenien/UAE) in 4:32:07 Stunden, 2. Jonas Vingegaard (Dänemark/Visma) 2:38 zurück, 3. Isaac del Toro (Mexiko/UAE) 2:57, 4. Remco Evenepoel (Belgien/Red Bull), 5. Paul Seixas (Frankreich/Decathlon), 6. Florian Lipowitz (Deutschland/Red Bull), 7. Juan Ayuso (Spanien/Lidl-Trek), 8. Mattias Skjelmose (Dänemark/Lidl-Trek) alle gleiche Zeit, 9. Lenny Martinez (Frankreich/Bahrain) 3:02, 10. Sepp Kuss (USA/Visma) 3:06, ... 79. Alex Kirsch (Luxemburg/Cofidis) 38:25
Gesamtwertung nach 6 von 21 Etappen: 1. Pogacar 21:11:57 Stunden, 2. Vingegaard 2:42, 3. Del Toro 3:27, 4. Evenepoel 3:30, 5. Ayuso 3:34, 6. Seixas 3:55, 7. Lipowitz 4:00, 8. Martinez 4:21, 9. Skjelmose 4:57, 10. Egan Bernal (Kolumbien/Ineos) 9:12, ... 116. Kirsch 1:23:19