Radsport
Ein Dopingtest als Lebensretter: Träens Märchen bewegt die Tour
Vom Krebspatienten zum Tour-Spitzenreiter – Torstein Träen setzt Norwegens traumhaften Sportsommer fort.
Torstein Träen fuhr am Mittwoch erstmals im Gelben Trikot Foto: AFP/Jeff Pachoud
Jemanden, der einem positiven Dopingtest sein Leben zu verdanken hat, kann auch das berühmteste Stoffteil der Sportwelt nicht großartig beeindrucken. Das Gelbe Trikot? Ach, sagte Torstein Träen und lümmelte hinter dem Siegerpodest auf einem Sessel herum, „das ist ja von der Farbe her nicht so anders als unser Team-Outfit.“ Na dann.
Träen, 30, ist Norweger, natürlich fährt er für das norwegische Team Uno-X Mobility und deshalb ließ ihn die Euphorie um das schönste Märchen dieser Tour de France einigermaßen ungerührt. Klar: „Das ist alles schwer in Worte zu fassen“, sagte Träen. Und weil das so ist, versuchte es Träen gar nicht erst.
„Fühlt sich unerwatet an“
Ausgerechnet der kühle Norweger aus Hönefoss am Tyrifjord hatte am heißesten Tour-Tag Tadej Pogacar Gelb abgenommen. Und während sich der große Slowene als vorerst letzte Amtshandlung in seinem Lieblingstrikot vollbekleidet ins Eiswasser hockte, winkte Träen vom Podium. „Es fühlt sich, na ja, unerwartet an“, sagte er. Und das ging dann für seine Verhältnisse fast als Euphorie durch.
Träens unwahrscheinliche Geschichte kann nicht erzählt werden, ohne mit jenem Mai-Tag 2022 zu beginnen. Eine zuvor bei der Katalonien-Rundfahrt genommene Urinprobe wies auffällige Werte auf – die Nachricht erreichte Träen im Trainingslager. „Es war Freitag, der 13. – wir hatten gewitzelt, was heute alles passieren könnte“, sagte Träen: „Dann rief unser Teamarzt an. Er sagte, du könntest krank sein. Richtig krank.“
Träen flog heim, ließ sich untersuchen. Diagnose: Hodenkrebs. „Der Doktor sagte: Ich bin hier, damit Sie nicht am Krebs sterben. Da wusste ich, es ist ernst“, erzählte Träen. 41 Tage nach dem Trainingslager-Anruf wurde er operiert. Zwei Wochen später erfuhr er, dass der Tumor restlos entfernt worden sei. Am 18. August fuhr Träen sein erstes Rennen im neuen Leben.
Und 14 Monate nach seiner Krebsdiagnose durfte Träen 2023 sein Tour-Debüt bestreiten, brach sich auf der ersten Etappe den Ellbogen. „Nicht schlimm. Ich weiß nicht mal, wie der Knochen heißt“, sagte er und hielt bis Paris durch. Träen? Hart!
Schon bei der Vuelta vorne
Zur Saison 2024 verließ Träen Uno-X nach fast zehn Jahren und wechselte zur Bahrain-Mannschaft, die ein Jahr zuvor den Schweizer Gino Mäder durch einen schrecklichen Sturz bei der Tour de Suisse verloren hatte. Und fast genau am Todestag Mäders feierte Träen bei der folgenden Tour de Suisse seinen bis heute einzigen Profisieg und widmete ihn Mäder. Träen ist ein Mann weniger, aber auch richtiger Worte.
Seit 2026 ist er zurück bei Uno-X, gewissermaßen Norwegens Nationalmannschaft. Und holte als dritter Norweger nach Alexander Kristoff und Thor Hushovd Tour-Gelb. Hushovd ist mittlerweile Uno-X-Teammanager. „Und er war immer mein Vorbild“, sagt Träen, der mit den „Velo-Wikingern“ Norwegens rauschendes Sportjahr nach dem Olympia-Jubel um Johannes Hösflot Kläbo und den Fußball-Festen der Haaland-Elf fortsetzt. Und das wohl noch für einige Tage.
Träen, bereits im Vorjahr Vuelta-Führender, ist ein exzellenter Bergfahrer. Sein Polster auf Pogacar: fast acht Minuten. Das dürfte bis weit in Tour-Woche zwei reichen. „In ein paar Tagen“, sagte Träen, „werde ich vielleicht aufwachen und begreifen, wie groß das ist.“