WM-Kolumne „Hasta La Visa“
Warum Sportredakteur Pascal Gillens Herz bei der WM blutet
Wo sind wir eigentlich gelandet? Ein Präsident, der es ohne jegliche Ahnung von Fußball schafft, eine Rote Karte aufzuheben. Diskussionen, die sich mehr um Politik, Geld und Macht drehen als um Fußball. Schiedsrichter, die mit ihren gefühlten zwei Promillen besser bei einer Dorfkirmes als in einem Stadion aufgehoben wären. Fußball-WM, du bist längst nicht mehr das Turnier, das ich als Kind mit großen Augen verfolgt habe.
Seit rund 24 Jahren spiele ich selbst Fußball. Mit meiner Kreisliga-Truppe habe ich Abstiege erlebt, Aufstiege gefeiert und Last-Minute-Derbys bejubelt. Ich kenne bittere Niederlagen genauso wie gerissene Kreuzbänder oder kaputte Menisken. Mindestens genauso lange schlägt mein Herz als Fan. 2006 war ich zum ersten Mal am Bruchweg, seitdem begleite ich Mainz 05 durch Deutschland und ab und zu auch voller Stolz durch Europa. Und dank meiner französischen Wurzeln fiebere ich bei großen Turnieren genauso mit „Les Bleus“ mit. Auch dort liegen Freud und Leid nah beieinander. Was ich sagen will: Fußball war schon immer ein großer Teil meines Lebens. Eine Weltmeisterschaft war für mich das Größte überhaupt.
2026 fühlt es sich zum ersten Mal anders an. Natürlich bin ich älter geworden und nicht mehr der kleine Junge, der mit großen Augen die erste Halbzeit schauen durfte, bevor er ins Bett geschickt wurde. Aber dieses Turnier fühlt sich einfach nicht mehr richtig an. „Hydration Breaks“, die kein Mensch braucht, die zunehmende Politisierung des Sports und Inszenierungen, die oft wichtiger wirken als das Spiel selbst. Es geht um Macht, Einfluss und vor allem um Geld. Geld, Geld, Geld.
Dass Donald Trump die Sperre von Folarin Balogun mittels Anruf bei FIFA-Präsident Gianni Infantino aufheben lässt, ist eine absolute Superkatastrophe für den Fußball. Dass es Paraguay gegen Frankreich schaffte, mit seinem Zerstörer-Fußball ohne Karte durchzukommen, ist bei weitem nicht die einzige skandalöse Schiedsrichter-Leistung. Und irgendwie kommt auch das Gefühl auf, dass viel dafür getan wird, dass Lionel Messi Weltmeister werden soll. Fußball-WM, du bist längst nicht mehr das Turnier, das ich als Kind mit großen Augen verfolgt habe.
Ich freue mich einfach nur noch auf die Rückkehr des Amateurfußballs. Dort übersieht der Schiedsrichter auch mal eine hüfthohe Grätsche oder hebt die Fahne zu spät – nicht, weil jemand nachhilft, sondern weil er es schlicht nicht sieht. Dort jagt der Stürmer den Ball aus zwei Metern übers Tor, und danach wird trotzdem gemeinsam gelacht.
Nach dem Spiel gibt es ein Bier im Vereinsheim. Niemand verdient Millionen, niemand kämpft um Macht oder Einfluss. Es geht um Zusammenhalt, Leidenschaft und Respekt. Das ist der Fußball, in den ich mich vor vielen Jahren verliebt habe. Und genau deshalb blutet mein Herz, wenn ich sehe, was aus der größten Bühne dieses Sports geworden ist.