Fußball

WM im Viervierteltakt: Wie Trinkpausen zweckentfremdet werden

WM-Spiele dauern nicht mehr zwei Halbzeiten, sondern vier Viertel: Das freut vor allem Trainer und Fernsehsender.

Japanische Fußballspieler versammeln sich nach 22 und 67 Minuten zur Trinkpause während eines Spiels

Nach etwa 22 und 67 Minuten versammeln sich die Spieler zur Trinkpause, wie hier die japanische Mannschaft Foto: Kyodo/dpa

Die „Trinkpause“ kam Deutschlands Trainer Julian Nagelsmann gerade recht. Schon vorher hatte er Hinweise auf das Feld gerufen, weil Curaçao zur Überraschung der DFB-Auswahl mit einer Raute im Mittelfeld spielte. Zwei Minuten nach dem Ausgleich des Außenseiters zum 1:1 (20.) konnte der Coach seine Spieler in Ruhe instruieren. Ja, berichtete er nach dem 7:1, „die Trinkpause hat tatsächlich geholfen“. Mit dem Griff zur Taktiktafel habe er den Spielern verdeutlichen können, „was wir schon vorher angepasst haben“.

Was auch beim Spiel der deutschen Mannschaft erkennbar war: Die sogenannten Trinkpausen, offiziell „Kühlpausen“, haben Auswirkungen auf das Spiel, sie dienen längst einem höheren Zweck. „Ich finde das gut, weil wir dann im Trainerstab noch mal die Möglichkeit haben, ein paar Dinge anzusprechen, vielleicht auch ein paar Dinge zu korrigieren und anzupassen“, erklärt etwa der österreichische Teamchef Ralf Rangnick. „Jetzt hast du zweimal im Spiel zusätzlich die Chance“, sagte Deutschlands Nationalspieler Deniz Undav, „taktisch etwas zu verändern“.

Pause nach etwa 22 Minuten

Dabei entsprang die WM im Viervierteltakt der Sorge um die Spieler. Im vergangenen Dezember legte die FIFA fest, dass alle Spiele beim Turnier in den USA, Mexiko und Kanada aus vier Vierteln bestehen sollen. Jede Halbzeit sollte jeweils nach etwa 22 Minuten bei einer ohnehin erforderlichen Unterbrechung gestoppt werden, um damit Zeit für eine dreiminütige Pause zu haben. Betonung auf: alle Spiele – unabhängig von den örtlichen Bedingungen. Die Chancengleichheit sollte gewahrt werden.

ARD-Experte Bastian Schweinsteiger bezeichnete die Regelung beim Spiel zwischen Co-Gastgeber Kanada und Bosnien-Herzegowina in der ARD als „fragwürdig“: In Toronto wurde bei 26 Grad gespielt. Auch beim Auftakt der DFB-Auswahl hätten es zweimal 45 Minuten getan: Das Spiel gegen Curacao (7:1) fand im geschlossenen und voll klimatisierten Stadion von Houston statt, weshalb Kai Havertz anmerkte: „Die Trinkpause war jetzt nicht so notwendig“, es sei in der Arena „relativ kühl“ gewesen.

Pochettino sieht Nachteile

Und so erfüllt die Trinkpause eben andere Zwecke. Fernsehsender haben nun zweimal drei Minuten mehr zur Verfügung, um Werbung zu schalten. Vor allem aber kommt die Trinkpause den Trainern entgegen – besonders jenen, die ihre Mannschaft dringend neu ausrichten müssen nach 22, 23 Minuten, oder nochmal nach 67, 68 Minuten. „Es kann den Mannschaften auf jeden Fall helfen“, sagt Undav – vor allem, wenn Schreie aufs Feld nichts bringen.

Der Vorteil kann freilich auch zum Nachteil werden, wie US-Cheftrainer Mauricio Pochettino betont. Ginge es nach ihm, gäbe es Trinkpausen nur, „wenn die Bedingungen extrem sind. Aber so hat der Gegner die Chance, etwas an seinem Spiel zu ändern, wenn es nicht so läuft für ihn.“ Zu beobachten war das etwa beim Spiel zwischen Südkorea und Tschechien: Die Tschechen waren zunächst überlegen, die Trinkpause aber beendete ihre Druckphase dann abrupt. Am Ende verloren sie 1:2.

Brasiliens Trainer Carlo Ancelotti sagte nach dem 1:1 gegen Marokko, die Pausen seien hilfreich, „um das Problem zu finden, es den Spielern zu erklären, aus taktischer Sicht ist es ein sehr guter Zeitpunkt.“ Zumindest bei seiner Mannschaft aber haperte es offensichtlich an der Umsetzung.

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