Formel 1
„Turbo-Boy“ Antonelli auf dem Olymp: „Ich heule zu viel“
Kimi Antonelli ist jüngster Weltmeister der Formel‑1‑Geschichte. Die Dominanz des 20‑Jährigen beeindruckt – und sie könnte andauern.
Kimi Antonelli darf sich seit Sonntag Weltmeister nennen Foto: AFP
In Badeschlappen schlenderte Kimi Antonelli Stunden nach seinem Meisterwerk noch einmal ungläubig durch die Konfettireste im Autódromo Hermanos Rodríguez in Mexiko. „Es war so ein emotionaler Tag. Ich habe noch nie so viel geweint. Ich kann immer noch kaum fassen, was gerade passiert ist“, sagte der jüngste Weltmeister der Formel 1 überwältigt.
Unter dem Arm hatte er dabei ein Schild mit der Aufschrift „World Champion“ geklemmt. „Das werde ich klauen“, sagte der Italiener verschmitzt. Der Diebstahl sei ihm verziehen: Das Wunderkind hat den Olymp der Motorsport-Königsklasse erklommen – und könnte dort bleiben.
Zunächst aber kostete Antonelli die Feierlichkeiten seines ersten großen Triumphs aus. Unzählige Male wurde er in Champagner geduscht. Es flossen Tränen, sie trockneten – und es kamen neue hinzu. „Er wäre stolz auf mich“, schluchzte Antonelli, als er seines verstorbenen Opas gedachte. Schnell lächelte er wieder: „Ich heule heute zu viel.“
Starke Bilanz
Neun Siege und 16 Podien in 19 von 23 Rennen: Der WM-Triumph ist der vorläufige Höhepunkt von Antonellis verheißungsvoller Karriere. In seiner erst zweiten Formel-1-Saison raste er mit der Dominanz großer Champions zum verdienten Triumph. „Nicht viele haben es geglaubt, aber wir haben es geglaubt“, sagte Teamchef Toto Wolff bei Sky. Nach einem schwierigen Debütjahr hielt er an Antonelli fest, obwohl sich auch Sponsoren zurückgezogen hatten. „Sie haben gesagt: ‚Kimi Antonelli, wer ist das?‘ Sie sind weg“, blickte Wolff zurück. Nun ist Antonellis Name unauslöschlich verewigt.
Im Alter von 20 Jahren und 68 Tagen löste er Sebastian Vettel als jüngsten Weltmeister ab. Der Deutsche war bei seinem ersten Titel (2010) 23 Jahre und 134 Tage alt. „Weltmeister, Campione del Mondo, wow“, gratulierte der viermalige Champion eilig in einem Video: „Du hast einen einzigartigen Fahrstil, und wir genießen es, dir zuzusehen.“
Rennsieger Max Verstappen und Rekordchampion Lewis Hamilton sorgten auf dem Podest für eines der ikonischsten Bilder der jüngeren Formel‑1‑Geschichte. Die Mehrfach-Weltmeister mit insgesamt elf Titeln schulterten Antonelli und ließen den neuen Champion in Mexiko-Stadt hochleben. Das Bild werde er sich „auf jeden Fall einrahmen und bei mir zu Hause aufhängen“, sagte Antonelli begeistert.
„Kaiser Antonelli“
In seiner Heimat brachte der Erfolg von „Kaiser Antonelli“, wie ihn die Gazzetta dello Sport nannte und ihm am Montag gleich die ersten neun Seiten widmete, große Begeisterung. „Der kleine Turbo-Boy ist zum König der Formel 1 aufgestiegen“, schrieb der Corriere dello Sport: „Er siegt mit einem Talent, das beinahe etwas Göttliches an sich hat.“ La Stampa nannte den ersten italienischen Weltmeister seit Alberto Ascari 1953 gar ein „Weltwunder“.
Ausgerechnet am Día de Muertos, dem kunterbunten mexikanischen Totengedenktag, hat sich der lockige Lausbub aus Bologna unsterblich gemacht. An Zielen mangelt es nicht: Erst, sagte Antonelli, soll auch der Konstrukteurstitel mit Mercedes perfekt gemacht werden. Und 2027? Da will er als Titelverteidiger wieder vorne mitmischen: „Es wird ein knapper Kampf werden, daher wird es wichtig sein, in Topform zu sein.“
Im Überblick
Großer Preis von Mexiko, 19. von 23 Läufen zur Formel-1-WM 2026, 71 Runden = 305,354 km: 1. Max Verstappen (Niederlande) Red Bull 2:20:28,772 Stunden (130,419 km/h im Schnitt), 2. Lewis Hamilton (Großbritannien) Ferrari 0,799 Sekunden zurück, 3. Kimi Antonelli (Italien) Mercedes 4,006, 4. Charles Leclerc (Monaco) Ferrari 10,707, 5. Lando Norris (Großbritannien) McLaren 11,778, 6. George Russell (Großbritannien) Mercedes 12,263, 7. Liam Lawson (Neuseeland) Racing Bulls 20,899, 8. Gabriel Bortoleto (Brasilien) Audi 22,041, 9. Isack Hadjar (Frankreich) Red Bull 22,503, 10. Ryo Hirakawa (Japan) Haas-Ferrari 25,373, 11. Alexander Albon (Thailand) Williams 27,562, 12. Carlos Sainz (Spanien) Williams 28,638, 13. Oscar Piastri (Australien) McLaren 29,475, 14. Nico Hülkenberg (Deutschland) Audi 29,977, 15. Franco Colapinto (Argentinien) Alpine 30,204, 16. Sergio Perez (Mexiko) Cadillac 30,695, 17. Pierre Gasly (Frankreich) Alpine 51,483
ausgeschieden: Arvid Lindblad (Großbritannien) Racing Bulls (58. Runde/Unfall), Oliver Bearman (Großbritannien) Haas (47. Runde/Unfall), Valtteri Bottas (Finnland) Cadillac (42./Unfall), Fernando Alonso (Spanien) Aston Martin (5./Defekt), Lance Stroll (Kanada) Aston Martin (5./Defekt)
Schnellste Rennrunde: Hamilton 1:19,268 (50. Runde)
Fahrerwertung: 1. Antonelli 380, 2. Verstappen 261, 3. Hamilton 259, 4. Russell 250, 5. Leclerc 245, 6. Norris 221, 7. Piastri 144, 8. Hadjar 107, 9. Lawson 83, 10. Gasly 42, 11. Lindblad 38, 12. Colapinto 27, 13. Bearman 23, 14. Bortoleto 14, 15. Hülkenberg 13, 16. Ocon 7, 17. Alonso 7, 18. Sainz 7, 19. Albon 5, 20. Tsunoda 1, 21. Hirakawa 1
Teamwertung: 1. Mercedes 630 Punkte, 2. Ferrari 504, 3. Red Bull 382, 4. McLaren-Mercedes 365, 5. Racing Bulls-Red Bull 108, 6. Alpine-Mercedes 69, 7. Haas-Ferrari 31, 8. Audi 27, 9. Williams-Mercedes 12, 10. Aston Martin-Honda 7, 11. Cadillac-Ferrari 0