Tour de France
Tückisches Teamzeitfahren: Gelb-Gelegenheit und Fehler-Falle
Die Tour startet taktisch anspruchsvoll: Beim Auftakt-Teamzeitfahren drohen auch Topstars empfindliche Rückschläge. Die Lipowitz-Mannschaft tüftelte deshalb monatelang.
Bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes hatten die Radsportler schon die Chance, den neuen Modus des Teamzeitfahrens zu testen Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat
Wunderkind Paul Seixas und sein Decathlon-Team testeten noch am Donnerstag auf der Formel-1-Strecke des Circuit de Catalunya den Formationsflug bei Höchstgeschwindigkeit, Remco Evenepoel und die Red-Bull-Mannschaft verlassen sich stattdessen auf die Tüfteleien von Taktik-Guru Dan Bigham. Das Teamzeitfahren zum Auftakt der 113. Tour de France in Barcelona am Samstag mit dem Kampf ums erste Gelbe Trikot sorgte bei den 23 Rennställen für viel Betriebsamkeit. Die strategischen Möglichkeiten sind dabei so zahlreich wie mögliche Fehlerquellen.
„Ich finde so ein Zeitfahren cool und viel spannender zum Auftakt als eine klassische Flachetappe“, sagt Ralph Denk, Teamchef von Red Bull-Bora-hansgrohe: „Ich glaube, dass das ein Spektakel wird. Für uns ist das aber deutlich mehr Arbeit, dies vorzubereiten.“
Neuer Modus
Erstmals kommt bei der Tour der neue Modus zur Anwendung, der das Zeitfahren zu einer Mischung aus Einzel- und Team-Wettbewerb werden lässt: War früher die Zeit des vierten bzw. fünften Fahrers für die gewertete Zeit des Teams maßgeblich (die dann für alle Fahrer, die als geschlossene Gruppe ins Ziel kamen, in die Einzel-Gesamtwertung einfloss), zählt nun die Zeit des schnellsten Fahrers für die Team-Tageswertung. Jeder Fahrer wird jedoch mit seiner individuellen Zeit für die Gesamtwertung berücksichtigt.
Für die Teams bedeutet das: Gehe ich mit dem stärksten Zeitfahrer auf den Tagessieg (sowie Gelb) und riskiere eventuell einen Rückstand für einen Klassementfahrer? Oder richte ich alles auf den Kapitän aus? Red Bull beispielsweise hat im belgischen Olympiasieger Remco Evenepoel den weltbesten Zeitfahrer in seinen Reihen, der Gesamtpodest-Kandidat Lipowitz ziehen, aber auch abhängen könnte. Die Planung erschwert, dass die ersten 15 von 19,6 km klassisch flaches Zeitfahr-Terrain sind, es danach aber bergauf geht.
Große Abstände innerhalb eines Teams
Bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes Mitte Juni, wo nach dem gleichen Teamzeitfahr-Modus gefahren wurde, bröckelten selbst Topteams unterwegs auseinander. Nur bei drei von 22 Teams – darunter Red Bull – kamen die schnellsten beiden Fahrer zeitgleich an. Teilweise lag Fahrer eins anderthalb Minuten vor Fahrer zwei. Beim Visma-Team verlor ein Könner wie Wout Van Aert früh den Anschluss – und letztlich über 28 km fünf Minuten.
Anders als andere Teams schickte Denk in Barcelona seinen „Zug“ nicht mehr auf die F1-Rennstrecke: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.“ Vor allem der Brite Bigham als „Head of Engineering“ war seit der Streckenpräsentation im Oktober 2025 mit dem Thema befasst, im Januar testete er mit dem Tour-Team den Ernstfall auf Mallorca.
„Podium wird definitiv nicht entschieden“
„Die paar Tage davor und der eigentliche Tag selbst werden sehr, sehr streng geregelt, sehr gut organisiert und sehr gut aufeinander abgestimmt sein“, sagte Bigham bei cyclingmagazine.de: „Welchen Fahrer packt man an welche Position? Fährt der physisch stärkste Mann hinter Evenepoel, oder jemand, der mental stark ist?
So sehr er Bigham auch tüfteln ließ, so gelassen gibt sich Denk: „Es wird definitiv nicht auf Etappe eins die Tour oder das Tour-Podium entschieden“, sagt er: „Wir reden hier über Sekunden. Und in der letzten Tour-Woche werden wir dann über Minuten reden.“