Radsport
Tour-Debütant Seixas: Messias mit Monsterkontakt
Paul Seixas soll Frankreich den ersten Tour-Sieg seit 1985 schenken. Der Druck auf dem 19 Jahre alten Debütanten ist immens.
Paul Seixas trägt mit nur 19 Jahren bereits die Hoffnung einer ganzen Nation auf seinen Schultern Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat
Als wäre der Rummel um Paul Seixas nicht gewaltig genug, machte L‘Equipe den Teenager auch noch zum Filmstar. Am Mittwochabend feierte der Streifen „L‘Irrésistible Ascension“ pünktlich zur Tour de France schrill beworben Premiere, und eben jenen unaufhaltsamen Aufstieg schildert Frankreichs Sportfachblatt dort unter Missachtung jedes Neutralitätsgebots: Seixas, das „Radsport-Wunderkind“, die „Hauptattraktion“, das „Ausnahmetalent“. Seixas, „in dessen Welt wir sechs Monate lang eintauchen durften“. Kleiner ging es nicht.
19 Jahre alt ist Paul Seixas. Und doch lastet bei seiner Tour-Premiere ein mit Tragödien und Tränen aus vier Jahrzehnten gefüllter Rucksack auf ihm. Die Franzosen haben den spindeldürren Burschen aus Lyon in messianischer Erwartungshaltung auserkoren, als erster Landsmann seit Bernard Hinault 1985 beim wichtigsten Sportereignis der Grande Nation zu triumphieren. Und einzig die Tatsache, dass die Tour am Samstag in Barcelona und damit außerhalb der Landesgrenzen startet, rettet Seixas derzeit davor, von nationaler Vorschussliebe zerquetscht zu werden.
„Kindheitstraum wird wahr“
„Für mich wird ein Kindheitstraum wahr. Ich sage mir immer wieder, dass ich es genießen muss, auch wenn es ein sehr hartes, sehr schwieriges Rennen ist“, sagte Seixas im Interview bei L’Equipe, die ihm – Fußball-WM hin, Allez les Bleus her – am Donnerstag die ersten vier Seiten inklusive Titelblatt mit James-Dean-artigem Porträtfoto widmete.
Der stärkste Teenager der Radsport-Historie, der noch bis 2027 beim französischen Decathlon-Team unter Vertrag steht, aber von allen Top-Mannschaften von UAE bis Red Bull gejagt werden soll, gibt sich erstaunlich reflektiert. „Ich möchte Frankreich in diesem Sommer vibrieren lassen“, sagt er, aber: „Ich muss die Balance finden zwischen dem Wunsch, die Fans zu begeistern, und meiner eigenen Kraft.“
Jüngster Tourstarter seit 1937
Dass er wirklich schon jetzt dazu bereit ist, bei seiner ersten dreiwöchigen Rundfahrt dem in monströser Form angereisten Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard Gegenwehr zu leisten, ohne dabei zermahlen zu werden, zumal nach üblem Crash vor drei Wochen, bezweifeln manche. Auch sein deutscher Kontrahent Florian Lipowitz reagiert zögerlich beim Thema Seixas.
„Ich glaube schon, dass er auch drei Wochen gut überstehen kann. Ich hoffe nur, dass er sich selbst nicht zu viel Druck macht“, sagte der Tour-Dritte des Vorjahres. Lipowitz wurde im April Zeuge von Seixas’ Stärke und mit großem Rückstand Zweiter bei der Baskenland-Rundfahrt hinter dem entfesselt fahrenden Franzosen.
Natürlich ist Seixas, der jüngste Tourstarter seit Adrien Cento 1937, eine Offenbarung. Niemand vor ihm war als 19-Jähriger derart weit, selbst Pogacar fuhr gleichaltrig für einen slowenischen Zwergrennstall. Doch die Tour ist eben: anders.
Hinault pessimistisch
„Es ist viel zu früh zu sagen, dass er einmal die Tour gewinnen wird“, sagt Hinault persönlich. Der 71-Jährige hält den Start seines designierten Nachfolgers für keine Spitzenidee: „An seiner Stelle wäre ich erst mal Giro oder Vuelta gefahren. Und dann wüsste ich, ob ich das Zeug habe, es bei der Tour mit einem Monster wie Pogacar aufzunehmen.“
Doch Zeit ist etwas, das einem Erlöser selten zugestanden wird. „Paul ist ein Auserwählter“, sagt Marc Madiot, Chef des französischen FDJ-Teams: „In diesem Sinne ist er der Messias.“