Radsport

Strade Bianche: Pogacar und der Triumph der Langeweile

Einfach immer weiter: Tadej Pogacar fährt bei den Strade Bianche die Konkurrenz in Grund und Boden. Doch ausgerechnet ein 19-Jähriger macht Hoffnung auf spannendere Zeiten.

Tadej Pogacar führt das Strade Bianche Radrennen am Samstag souverän auf den Schotterstraßen an

Tadej Pogacar dominierte die Strade Bianche am Samstag nach Belieben Foto: AFP/Marco Bertorello

Es sind Worte, die die nahezu chancenlose Konkurrenz von Tadej Pogacar eigentlich gar nicht hören möchte. „Tadej ist stärker als je zuvor, er wird immer besser. Er überrascht uns immer wieder“, sagte Mauro Gianetti nach dem historischen vierten Triumph Pogacars beim Schotter-Spektakel Strade Bianche.

Zugegebenermaßen ist Gianetti nicht unbedingt neutral, schließlich ist er der Teamchef des überragenden Slowenen. Doch was Pogacar auf den staubigen Pisten der Toskana veranstaltete, kann bei der lediglich um Platz zwei fahrenden Konkurrenz nur für Ernüchterung und bei Fans für Langeweile sorgen. Allein Frankreichs Wunderknabe Paul Seixas konnte Pogacar bei dessen Attacke rund 80 Kilometer vor dem Ziel kurz folgen, doch dann musste auch der 19-Jährige erst einmal Luft holen und sich zurückfallen lassen.

Fokus auf Sanremo und Roubaix

Es war letztlich ein Saison-Einstieg von Pogacar, der ein Duplikat der vergangenen beiden Jahre vermuten lässt. Auch da hatte der 27-Jährige auf der Piazza del Campo von Siena überlegene Siege geholt. „Mir gibt der Sieg Bestätigung und Motivation für den Rest der Saison“, sagte Pogacar, der nun als einziger Profi vier Strade-Erfolge aufweisen kann.

Dieser Rest der Saison ist es, der für den Weltmeister eigentlich zählt. Schon in zwei Wochen will er endlich eine Lücke in seinem Lebenslauf füllen. Dann steht er bei der 117. Ausgabe von Mailand–Sanremo am Start – einen Sieg bei La Primavera jagt Pogacar so vergeblich wie Kapitän Ahab den weißen Wal Moby Dick. Trotz mehrerer taktischer Varianten war immer mindestens ein anderer Profi auf der Via Roma von Sanremo schneller.

Drei Wochen später soll dann im zweiten Versuch das nächste Radsport-Monument gewonnen werden. Pogacar startet erneut bei Paris-Roubaix. Im Vorjahr kostete ihn ein Fahrfehler im Duell mit Mathieu van der Poel einen möglichen Sieg in der Hölle des Nordens. Der Niederländer wird sowohl in Sanremo als auch in Roubaix der wohl größte Konkurrent Pogacars sein.

Entdeckung Seixas

Bei der Strade Bianche bekam Pogacar trotz seiner Überlegenheit einen kleinen Blick in die Zukunft präsentiert. Denn Seixas wurde nicht nur Zweiter, der Teenager präsentierte sich in herausragender Form – und heimste ein Lob des großen Meisters ein. „Ich war von Paul beeindruckt“, sagte Pogacar. „Er hat gezeigt, dass er unter Druck fahren und ein Resultat erzielen kann. Er ist eine große Maschine.“

Im Überblick

20. Strade Bianche, Eintagesrennen in Italien rund um Siena über 203 km:
1. Tadej Pogacar (Slowenien/UAE Team Emirates-XRG) 4:45:15 Stunden, 2. Paul Seixas (Frankreich/Decathlon Ag2r La Mondiale) 1:00 Minuten zurück, 3. Isaac del Toro (Mexiko/UAE Emirates-XRG) 1:09, 4. Romain Grégoire (Frankreich/Groupama-FDJ) 2:04, 5. Gianni Vermeersch (Belgien/Red Bull-Bora-hansgrohe) gleiche Zeit, 6. Jan Christen (Schweiz/UAE Emirates-XRG) 2:07, 7. Thomas Pidcock (Großbritannien/Q36.5) 2:14, 8. Matteo Jorgenson (USA/Visma Lease a Bike) 2:20, 9. Andreas Kron (Dänemark/Uno-X) 3:46, 10. Wout van Aert (Belgien/Visma Lease a Bike) 3:46, ... 49. Kevin Geniets (Luxemburg/Groupama-FDJ) 10:15
DNF Mathieu Kockelmann (Lotto Intermarché), Luc Wirtgen (Tudor)

Auch Gianetti stimmte in das Loblied ein. „Paul Seixas war unglaublich und vielleicht die Entdeckung der diesjährigen Strade Bianche. Er ist erst 19 und man kann sich vorstellen, was er in der Zukunft leisten wird“, sagte der 61-Jährige.

Pogacar selbst dürfte die neue Konkurrenz ganz lieb sein. Trotz seiner Überlegenheit liebt der Slowene das direkte Duell mit der Konkurrenz, zieht daraus viel Motivation. Und auch dem Radsport dürfte es guttun, auf absehbare Zeit keine One-Man-Show mehr zu haben.

Luxemburger ohne große Rollen

Drei Luxemburger waren am Samstag außerdem am Start der Strade Bianche. Im ersten Teil des Rennens sah man vor allem Kevin Geniets (Groupama-FDJ) viel Arbeit an der Spitze des Pelotons verrichten, um seinen Teamkapitän Romain Grégoire, der das Rennen auf dem vierten Platz beendete, zu unterstützen. Der ehemalige Landesmeister, der vor seiner Teilnahme am Montag bei Tirreno-Adriatico offenbar in guter Form ist, belegte in Siena den 49. Platz, mit einem Rückstand von 10:15 Minuten auf Pogacar. Die beiden anderen Luxemburger, Luc Wirtgen (Tudor) und Mathieu Kockelmann (Lotto Intermarché), beendeten das Rennen vorzeitig.

Chabbey überrascht bei den Damen

Die Schweizerin Elise Chabbey profitierte am Samstag vom Missgeschick der Favoritinnen, die viel Pech hatten, und gewann die Strade Bianche.
Chabbey (FDJ United-Suez) setzte sich nach einem spannenden Finale in Siena durch – vor der Polin Kasia Niewiadoma, die zum vierten Mal in ihrer Karriere beim italienischen Eintagesrennen Zweite wurde, und der Deutschen Franziska Koch, die den dritten Platz belegte. Nachdem sie zwischenzeitlich durch die Attacken der Italienerin Elisa Longo Borghini – am Ende Vierte – abgehängt worden war, konnte die 32-jährige Chabbey sechs Kilometer vor dem Ziel wieder zur Spitzengruppe aufschließen.

Die ehemalige Schweizer Meisterin machte den Unterschied auf den letzten Metern des Anstiegs der Via Santa Caterina. Mit einem harten Schulter-an-Schulter-Duell setzte sie sich kurz vor dem Ziel auf dem Kopfsteinpflaster der Piazza del Campo an die Spitze. „Das ist eines meiner Lieblingsrennen (…). Mehrmals war ich kurz davor, einzubrechen, und dachte, es sei vorbei – aber jedes Mal konnte ich noch einmal angreifen“, erklärte sie.

Die Luxemburgerin Nina Berton (EF Education), die zu Beginn des Rennens für ihre Teamleaderinnen arbeitete, belegte den 52. Platz mit 15 Minuten und 54 Sekunden Rückstand.

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