Formel 1

„Star Wars, Episode zwei“: Antonelli lässt Russell keine Luft zum Atmen

Kimi Antonelli reißt die Führungsrolle bei Mercedes aggressiv an sich. Zehn Jahre nach Rosberg gegen Hamilton haben die Silberpfeile endlich wieder ein echtes Teamduell – liegt der nächste große Knall in der Luft?

Kimi Antonelli sitzt nach seinem Sieg in Montréal auf den Schultern von Lewis Hamilton, Formel 1 Jubelmoment

Da kann man auch einmal auf den Schultern von Lewis Hamilton sitzen: Kimi Antonelli nach seinem Sieg in Montréal Foto: AFP/Rudy Carezzevoli

Der Helm war weg, und Kimi Antonelli war plötzlich wieder dieser freundliche Junge aus Italien. Ein schüchternes Lächeln, eher kleinlaute Töne, keine Kampfansage nach seinem historischen vierten Sieg in Serie. Auf der Strecke in Kanada hatte der 19-Jährige zuvor allerdings mal wieder sein Rennfahrer-Ich präsentiert – und das ist das genaue Gegenteil.

Ein „Löwe“ sei Antonelli eben, kein „Welpe“, sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff an diesem Formel-1-Wochenende in Montréal. Bei den Silberpfeilen weiß man das schon länger, die Öffentlichkeit lernt derzeit aber mit jedem Rennen mehr über den Ehrgeiz dieses Teenagers, der die WM nach einem weiteren harten Duell mit dem Teamrivalen George Russell mittlerweile deutlich anführt. Und Wolff fühlt sich durchaus an komplizierte Zeiten im eigenen Rennstall erinnert.

„Ich will nicht, dass das zu einer Star-Wars-Schlacht wird, dass die Sache dann ausartet“, sagte der Österreicher. Denn am Sonntag wurden unweigerlich Erinnerungen wach an das letzte wilde Titelduell zweier Mercedes-Fahrer: Genau zehn Jahre liegt das zurück, Nico Rosberg rang Lewis Hamilton 2016 nieder, der monatelange Zweikampf brachte das Team in verschiedener Hinsicht an seine Grenzen.

„Kimi gegen George“

Und so nahm es auch die Presse in Antonellis Heimat auf. „Star Wars, Episode zwei“, titelte etwa La Repubblica: „Kimi gegen George“. Der Große Preis von Kanada wurde dabei zu einer Charakterstudie Antonellis in mehreren Akten. Schon im Sprint am Samstag attackierte er Russell immer wieder hart, teilweise überhart, Ähnliches wiederholte sich im Grand Prix am Sonntag. Zudem forderte er im Teamfunk wiederholt sein Recht gegenüber dem prominenten Teamkollegen ein, so entschieden und hartnäckig, dass Wolff irgendwann einschreiten und um Ruhe bitten musste.

Im Überblick

Großer Preis von Kanada, 5. von 22 Rennen zur Formel-1-WM 2026, 68 Runden = 296,548 km: 1. Kimi Antonelli (Italien) Mercedes 1:28:15,758 Stunden (201,590 km/h im Schnitt), 2. Lewis Hamilton (Großbritannien) Ferrari 10,768 Sekunden zurück, 3. Max Verstappen (Niederlande) Red Bull 11,276, 4. Charles Leclerc (Monaco) Ferrari 44,151, eine Runde zurück: 5. Isack Hadjar (Frankreich) Red Bull, 6. Franco Colapinto (Argentinien) Alpine, 7. Liam Lawson (Neuseeland) Racing Bulls, 8. Pierre Gasly (Frankreich) Alpine, 9. Carlos Sainz (Spanien) Williams, 10. Oliver Bearman (Großbritannien) Haas, 2 Runden zurück: 11. Oscar Piastri (Australien) McLaren, 12. Nico Hülkenberg (Deutschland) Audi, 13. Gabriel Bortoleto (Brasilien) Audi, 14. Esteban Ocon (Frankreich) Haas, 4 Runden zurück: 15. Lance Stroll (Kanada) Aston Martin, 16. Valtteri Bottas (Finnland) Cadillac 1:16,272

ausgeschieden: Alexander Albon (Thailand) Williams (11. Runde/Unfall), Fernando Alonso (Spanien) Aston Martin (23./Defekt), George Russell (Großbritannien) Mercedes (29./Defekt), Lando Norris (Großbritannien) McLaren (38./Defekt), Sergio Perez (Mexiko) Cadillac (39./Defekt)

nicht gestartet: Arvid Lindblad (Großbritannien) Racing Bulls (technische Probleme nach der Installationsrunde)

Schnellste Rennrunde: Antonelli 1:14,210 Minuten (68. Runde)

Fahrerwertung: 1. Antonelli 131 Punkte, 2. Russell 88, 3. Leclerc 75, 4. Hamilton 72, 5. Norris 58, 6. Piastri 48, 7. Verstappen 43, 8. Gasly 20, 9. Bearman 18, 10. Lawson 16, 11. Colapinto 15, 12. Hadjar 14, 13. Sainz 6, 14. Lindblad 5, 15. Bortoleto 2, 16. Ocon 1, 17. Albon 1 (Bei Punktgleichheit werden für die Ermittlung der jeweiligen Platzierung die besten Einzelresultate hinzugezogen)

Teamwertung: 1. Mercedes 219 Punkte, 2. Ferrari 147, 3. McLaren-Mercedes 106, 4. Red Bull 57, 5. Alpine-Mercedes 35, 6. Racing Bulls-Red Bull 21, 7. Haas-Ferrari 19, 8. Williams-Mercedes 7, 9. Audi 2

Diese Kombination aus ungestümem Tempo und dem wohl nötigen Eigensinn erinnert auch stark an den jungen Max Verstappen. Genau dieser Gedanke kam auch Ralf Schumacher am Sonntag. „Er geht nach vorne, er will jetzt das Team anführen, er lässt Russell keine Luft zum Atmen“, sagte der Sky-Experte, „wenn es so weitergeht, haben wir da wirklich einen Nachfolger von Verstappen.“

All das sind natürlich hervorragende Nachrichten für Mercedes, Wolff darf sich bestätigt fühlen für sein Vertrauen in Antonelli, den er 2025 mit gerade mal 18 Jahren ins Werkscockpit befördert hatte. Allerdings könnte Antonellis Ehrgeiz auch der Nährboden sein für eine neue Eskalation innerhalb des Teams. Krieg der Sterne, Teil zwei eben.

„Nachfolger von Verstappen“

Denn für Russell geht es ja ebenfalls um so viel. Er selbst kam 2019 als Ausnahmetalent in die Formel 1, war dann Kronprinz von Hamilton und wartete geduldig darauf, in einem titelfähigen Mercedes zu sitzen. Das ist nun endlich der Fall, doch der überraschend schnelle Aufstieg Antonellis könnte ihn am Ende schon wieder mit leeren Händen dastehen lassen.

Kanada war dabei ein großer Rückschlag, nach einem intensiven Duell über etwa 30 Runden streikte sein Mercedes. Nicht zum ersten Mal hat Russell Pech in diesem Jahr. „Es fühlt sich an, als wollten die Götter mich nicht in diesem Kampf“, sagte er. 43 Punkte beträgt der Rückstand – in noch 17 weiteren Rennen kann allerdings viel passieren. Auch Russell ist bislang nicht für übertriebene Zurückhaltung bekannt.

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