Giro d‘Italia
Rosa in der Faust, Gelb im Kopf: Vingegaard fährt beim Giro in Tour-Form
Jonas Vingegaard dominiert den Giro und wird wohl in einen erlesenen Kreis aufsteigen. Doch eigentlich ist es nur das Aufwärmprogramm für das Tour-Duell mit Tadej Pogacar.
Das Rosa Trikot dürfte Jonas Vingegaard bei diesem Giro nicht mehr hergeben Foto: AFP/Luca Bettini
Nach dem nervenaufreibenden Ritt in Rosa durch die Mailänder Innenstadt kam der Ruhetag für Jonas Vingegaard gerade recht. Beine hochlegen, den Kopf frei bekommen, um in der letzten Giro-Woche den Gesamtsieg festzurren zu können. So der Plan für den Dänen, der dabei auch weiter an seiner Topform feilen will – denn die Italien-Rundfahrt ist trotz aller Bedeutung ja nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum Gigantenduell mit Tadej Pogacar.
Der unantastbare Vingegaard wird, wenn ihn nicht der Blitzschlag ereilt, am Ende der Woche in Rom im berühmten Maglia Rosa triumphieren. Die hektische Flachetappe in der Modemetropole am Sonntag konnte daran keine Zweifel säen. Auch weil Vingegaard gemeinsam mit anderen Fahrern bei der Jury eine vorzeitige Zeitnahme erwirkte, um das Highspeed-Finale ein wenig zu entschärfen.
Und am Berg, da steht er, wie sein dritter Etappensieg bei der dritten Gipfelankunft am Samstag belegt hatte, ohnehin mindestens eine Klasse über den Konkurrenten. 2:26 Minuten beträgt sein Vorsprung bereits vor den schweren Dolomiten-Exkursionen der Schlusswoche.
„Ich habe mich sehr stark gefühlt“, sagte Vingegaard nach seiner Gala. Was eigentlich unnötig war, weil es jeder gesehen hatte. „Er hat Rosa nun fest in seiner Faust“, titelte La Gazzetta dello Sport.
Erlesener Klub
Mit dem wohl unabwendbaren Giro-Sieg wird Vingegaard seine Grand-Tour-Titelsammlung komplettieren – die Tour de France hatte er 2022 und 2023 gewonnen, die Vuelta 2025. Es wäre ein weiterer Schritt in Vingegaards wunderbarer Wandlung vom Fischfabrik-Arbeiter in Hanstholm zu einem der erfolgreichsten Radprofis der Welt.
Erst acht Fahrer haben alle drei großen Landesrundfahrten mindestens einmal gewonnen, vornehmlich Giganten wie Merckx, Hinault und Anquetil. Als bislang letztes Mitglied gehört seit 2018 Chris Froome zu diesem erlesenen Herrenklub.
Wer nicht dazu gehört: Pogacar. Der fünfmalige Toursieger und Giro-Champion von 2024 hat dieses Ziel aber schlichtweg noch nie ernsthaft verfolgt – seine einzige Vuelta bestritt er 2019 als erste große Rundfahrt überhaupt, wurde damals Dritter. Doch auch wenn Pogacar nach einem pickepackevollen Klassikerfrühjahr nun beim Giro fehlt – Vingegaard wird ihn nicht los.
Pogacar nämlich, so führen die Kritiker des Dänen nun wieder an, fehlten bei seinem Giro-Sieg zwar gleichermaßen ernst zu nehmende Rivalen. Der Slowene aber bot damals unabhängig davon eine große Show, fuhr angriffslustig, gewann schließlich mit zehn Minuten Vorsprung und triumphierte wenig später auch bei der Tour. Weit vor Vingegaard, der beim damaligen Giro – noch verletzt – fehlte.
Vingegaard fährt in diesen Tagen anders als Pogacar: Analytisch, vorausschauend – maximaler Erfolg mit Mindestaufwand, so lautet im Hinblick auf das Tour-Duell ab Anfang Juli mit Pogacar die Übereinkunft. „Das Wichtigste ist, dass wir den Giro gewinnen. Es ist nicht unser Ziel, zu dominieren“, sagte Visma-Sportdirektor Marc Reef.
Es dürfte letztlich auf beides hinauslaufen: Vingegaard dominiert den Giro qua seiner Fähigkeiten fast zwangsläufig, sich noch mehr einzubremsen, wäre nicht zielführend. Denn auch das zeigt diese Rundfahrt überdeutlich: Er ist der mit großem Abstand beste aller Radprofis, die nicht Pogacar heißen. Und der Kampf um Rosa ist deswegen nicht ansatzweise so aufregend, wie es der Kampf um Gelb im Juli zu werden verspricht. (SID)
Im Überblick
109. Giro d’Italia, 14. Etappe: Aosta - Pila (133 km): 1. Jonas Vingegaard (Dänemark/Visma-Lease a Bike) 3:53:01 Stunden, 2. Felix Gall (Österreich/Decathlon-CMA CGM) 0:49 Minuten zurück, 3. Jai Hindley (Australien/Red Bull-Bora-hansgrohe) 0:58, 4. Davide Piganzoli (Italien/Visma-Lease a Bike) 1:03, 5. Giulio Pellizzari (Italien/Red Bull Bora-hansgrohe) gleiche Zeit
15. Etappe: Voghera - Mailand (157 km): 1. Fredrik Dversnes Lavik (Norwegen/Uno-X Mobility) 3:03:18 Stunden, 2. Mirco Maestri (Italien/Polti Visit Malta), 3. Martin Marcellusi (Italien/Bardiani CSF 7 Saber), 4. Mattia Bais (Italien/Polti Visit Malta) alle gleiche Zeit, 5. Paul Magnier (Frankreich/Soudal Quick-Step 0:57 Minuten zurück
Stand in der Gesamtwertung nach 15 von 21 Etappen: 1. Vingegaard 59:12:56 Stunden, 2. Afonso Eulálio (Portugal/Bahrain-Victorious) 2:26 Minuten zurück, 3. Gall 2:50, 4. Thymen Arensman (Niederlande/Netcompany Ineos) 3:03, 5. Hindley 3:43