WM-Kolumne „Hasta La Visa“
„No Scotland, No Party“ – Warum die „Tartan Army“ laut Redakteur Tun Stemper Boston begeistert
Die Fans der schottischen Nationalmannschaft haben die Amerikaner begeistert. Sie brachten Stimmung in eine Stadt auf dem sportlichen Tiefpunkt. Die Reise scheint aber, wie immer, demnächst vorbei zu sein.
Ein Aspekt, der mich bei Fußballweltmeisterschaften schon immer fasziniert hat, sind die verschiedensten Arten, wie die Fans ihre Mannschaften anfeuern und ihre Heimat repräsentieren. Die Niederlande ganz in Orange, die Japaner, die das Stadion sauber machen, oder die Schotten mit Kilt und Dudelsack. Letztere haben die Bostoner begeistert. Dort hatten die „Bravehearts“ zwei ihrer drei Gruppenspiele absolviert.
Die erste WM-Teilnahme seit 1998 feierten die Anhänger bereits an den Flughäfen. Von Dudelsäcken lautstark begleitet, stiegen sie in die Maschinen, die sie über den großen Teich bringen sollten. In Boston angekommen, sorgte der Anblick Tausender Schotten in Kilts für Staunen unter den Einheimischen. Beim Singen der Nationalhymne vor dem ersten Spiel gegen Haiti wurden Medienberichten zufolge 125 Dezibel gemessen – Rekord bei einer WM. Zum Vergleich: Ein Presslufthammer erreicht 130 Dezibel.
Was die Schotten seit jeher ausmacht, ist ihre Art, friedlich zu feiern – und ihre Trinkfestigkeit. Zwei Pubs alleine setzten über 10.000 Liter Bier ab, Notfalllieferungen mussten her. Überall in der Stadt tauchten Verkehrshütchen auf Statuen auf – Tradition in Glasgow, wo die Statue vom Duke of Wellington kaum ohne orangefarbenen Kopfschutz zu sehen ist. 6.000 Schotten pilgerten zum Baseball in den Fenway Park. Und sorgten, laut den Einheimischen, für die beste Stimmung jemals. Immer dabei: Dudelsack und Trommeln, die traditionellen Klänge des Landes. Und: Als Dank für die Unterstützung bei der Quartiersuche spendeten die Schotten fast 30.000 Dollar an soziale Einrichtungen in Providence.
Die Bostoner vermissen die Schotten bereits, seit sie gen Süden, nach Miami, gezogen sind. Und wahrscheinlich wird die Mannschaft die Vorrunde nicht überstehen. Neben Kilt und Dudelsack eine weitere Tradition: Schottland hat noch nie die K.o.-Runde bei einer EM oder WM erreicht. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Und falls sie stirbt, feiern die Schotten eben beim nächsten Turnier. Dann sogar in der Heimat – bei der EM 2028 in Großbritannien und Irland.