Geheimfavorit
„Niemand kann uns aufhalten“: Marokkos neues Selbstbewusstsein
Die werden doch nicht schon wieder…? Marokko schlägt die Niederlande und schaltet damit ein Schwergewicht aus. Der WM-Vierte von 2022 muss auch in diesem Jahr als Geheimfavorit gelten.
Marokko ist längst im Kreis der Geheimfavoriten angekommen Foto: AFP/Alfredo Estrella
Niemand schlief in Rabat. Es war 5.00 Uhr morgens in Marokkos Hauptstadt, die Straßen waren verstopft mit hupenden Autos und feiernden Menschen, Leuchtraketen schossen in den dunklen Himmel. Und aus dem fernen Mexiko lieferte der Nationaltrainer bald den Untertitel zu diesen Bildern.
„Was wir uns klarmachen müssen, ist: Niemand kann uns aufhalten“, ließ Mohamed Ouahbi seine Landsleute wissen: „Wir sind nicht zu stoppen, wenn wir den Fußball spielen, den wir spielen können.“
Marokko hatte da gerade die Niederlande aus der WM entfernt, ein Schwergewicht also, 3:2 im Elfmeterschießen hieß es nach einem rasanten Spiel auf Augenhöhe – und Ouahbis Worte sind Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins, welches Marokkos Fußball sich in den vergangenen Jahren erarbeitet hat.
„Können ganz weit kommen“
2022 in Katar stürmten die „Löwen vom Atlas“ sensationell bis ins Halbfinale, dreieinhalb Jahre später scheint Marokko sich dauerhaft einzurichten im Kreise der Geheimfavoriten. Sie stehen damit auch exemplarisch für den Aufschwung der afrikanischen Teams, und Gernot Rohr, Experte für den Fußball des riesigen Kontinents, sieht in Marokko – irgendwann – den ersten afrikanischen Weltmeister.
„Selbst wenn es bei dieser WM noch nichts werden sollte: Die Marokkaner sind momentan am nächsten dran und werden immer besser“, sagte er dem SID noch vor dem Sechzehntelfinale: „Wenn sie die Hürde Niederlande überspringen, können sie ganz weit kommen.“
Frankreich und Spanien
Das gelang nun, und der Blick nach vorn lohnt: Im Achtelfinale geht es am kommenden Samstag gegen den Co-Gastgeber Kanada, der mittlerweile seines Heimvorteils beraubt ist: Das Spiel steigt in Houston, Marokko ist klarer Favorit. Für das Viertelfinale hält der Turnierbaum dann schon Frankreich bereit, einen der Topfavoriten, außerdem auf Marokkos Seite des Tableaus: Spanien.
Doch Marokko ist mittlerweile eben selbst auch ein Gegner, den sich kein Team wünscht. Die Mannschaft um Kapitän Achraf Hakimi vom Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain und Bayern Münchens Wunschspieler Ismael Saibari ist hochtalentiert. Nicht zuletzt gegen die Niederlande zeigte sie, dass sie auch ganz schön widerstandsfähig ist. In Monterrey hatte es recht spät durch Cody Gakpos Treffer (72.) einen Rückstand gegeben – Marokko kam in der Nachspielzeit durch Issa Diop (90.+1) zurück.
U20-Weltmeister
Auch die ganz Großen sind mittlerweile also gewarnt vor dem WM-Vierten von 2022. Damals schaltete Marokko bereits Spanien und Portugal aus, bevor das Aus im Halbfinale gegen Frankreich kam. „Die WM in Katar hat unsere Mentalität geändert“, sagt Ouahbi, „die Spieler glauben an sich, die Fans glauben an sie.“
Es wird also groß geträumt, nicht nur in Rabat. Amtierender Weltmeister ist Marokko übrigens schon: Die Junioren gewannen im vergangenen Jahr die U20-WM – trainiert von Mohamed Ouahbi.