Vuelta
Neuer Leader Enric Mas gewinnt den ersten Härtetest – Pogacar gibt sich nach Sturz-Aus kämpferisch
Superstar Tadej Pogacar stürzt bei der Vuelta heftig und muss das Rennen schwer verletzt beenden. Der neue Leader Enric Mas gewinnt im Roten Trikot am Sonntag den ersten Härtetest.
Enric Mas: Der neue Mann im Roten Trikot feierte am Sonntag den Tagessieg Foto: AFP/Josep Lago
Tadej Pogacar schaute kämpferisch. Die Halskrause? All die Verbände nach seinem Horror-Sturz? Kein Problem für den Radsport-Superstar. Und so formte Pogacar mit seiner rechten Hand das Devil-Horns-Zeichen, postete das Bild bei Instagram und unterlegte das Foto aus dem Krankenhaus mit dem Bee-Gees-Klassiker „Stayin‘ Alive“.
„Ein schrecklicher Crash“
Keine Frage, Pogacar will nach seinem Crash so schnell wie möglich zurück auf sein Rad. Doch sein Traum vom ersten Triumph bei der Vuelta ist erst einmal geplatzt. Nach einem schlimmen Sturz auf der achten Etappe musste der Dominator aus Slowenien, in Führung liegend, die Rundfahrt schwer verletzt beenden.
Es waren nur noch 33 Kilometer bis ins Ziel in Jaraco, als das Unglück geschah. Auf einem eigentlich unscheinbaren Straßenabschnitt fuhr Pogacar offenbar über einen Stein, verlor die Kontrolle und flog kopfüber über seinen Lenker. Der 27-Jährige landete krachend auf der linken Schulter und seinem Kopf. Mit blutverschmiertem Gesicht rappelte sich Pogacar zwar noch einmal auf, versuchte, wieder auf sein Rad zu steigen. Doch dann schrie er nur „Nein“. Sein Sportdirektor Matxin Joxean Fernandez meinte: „Ein schrecklicher Crash“.
Verschobener Bruch des linken Schlüsselbeins, Halswirbelbruch und eine Gehirnerschütterung – so lautete hinterher das medizinische Bulletin seines Teams UAE Emirates‑XRG. Doch der Rennstall gab auch leichte Entwarnung: „Glücklicherweise liegen keine weiteren schweren Verletzungen und keine neurologischen Folgen vor.“
Keine neurologischen Folgen
In der Nacht wurde Pogacar mit einem Krankenwagen vom Hospital Comarcal Francesc de Borja in Gandia nach Barcelona verlegt. Die nötige Operation am Schlüsselbein wird allerdings erst einmal verschoben – um keine Komplikationen wegen der Gehirnerschütterung zu riskieren. Pogacars Saison könnte damit gelaufen sein.
Die Vuelta hätte die Krönung seines außergewöhnlichen Jahres werden sollen, schließlich ist die Spanien-Rundfahrt die einzige Grand Tour, die Pogacar noch nicht gewinnen konnte. Und der fünfmalige Champion der Tour de France lag ja auch souverän auf Kurs. Beim Start am Samstag hatte er 3:50 Minuten Vorsprung auf den Spanier Enric Mas – doch dann passierte der Crash so kurz vor dem Etappenziel. Erstmals in seiner Karriere kann Pogacar eine große Rundfahrt nicht beenden. Als Mas am Abend das Rote Trikot des neuen Führenden in der Gesamtwertung überreicht bekam, streifte der Spanier es aus Respekt nicht über.
Mas wie beflügelt
Am Folgetag trug der 31-Jährige das Trikot jedoch auf der neunten Etappe – und es beflügelte ihn. Der Fahrer des Teams Movistar gewann den ersten Härtetest der Rundfahrt. An der schweren Bergankunft am Alto de Aitana siegte er im Zielsprint vor dem Briten Oscar Onley (Netcompany Ineos) und Primoz Roglic vom Team Red Bull Bora-hansgrohe (+12 Sekunden). Er baute seinen Vorsprung in der Gesamtwertung aus. Vor dem ersten Ruhetag liegt Mas mit 1:18 Minuten Vorsprung vor Roglic und darf weiter von seinem ersten Gesamtsieg bei einer Grand Tour träumen. 2018, 2021 und 2022 hatte er die Vuelta jeweils auf dem zweiten Platz beendet.
Pogacar hatte bei der Vuelta auf den ersten sieben Etappen insgesamt drei Tagessiege gefeiert und nur fünf Wochen nach seinem Triumph bei der Frankreich-Rundfahrt mit gewohnter Dominanz beeindruckt. Hinter seiner Teilnahme an der Ende September stattfindenden WM in Montreal, wo Pogacar eigentlich seinen dritten Weltmeistertitel in Folge gewinnen will, steht nun ein ganz dickes Fragezeichen. Auch einen Start bei der EM (3. bis 7. Oktober) in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana hatte der Nationalheld fest eingeplant, ebenso wieder die Lombardei-Rundfahrt (10. Oktober).
Wenzel und Kluckers
Aus luxemburgischer Sicht kamen Arthur Kluckers (Tudor Pro Cycling) und Mats Wenzel (Equipo Kern Pharma) am Samstag in der gleichen Zeit wie Sprintsieger Bryan Coquard (Cofidis) auf den Plätzen 96 bzw. 124 ins Ziel. Auf der schweren Bergetappe am Sonntag waren es die Ränge 149. und 163. Beide Luxemburger schafften es mit der letzten großen Gruppe und einem Rückstand von 40:33 Minuten ins Ziel. In der Gesamtwertung belegt Wenzel vor dem Ruhetag nun Position 106 (auf 1:30:26 Stunden) und Kluckers Rang 164 (auf 2:06:34 Stunden).
Resultate
81. Spanien-Rundfahrt, 8. Etappe: Puçol - Jaraco (171,6 km): 1. Bryan Coquard (Frankreich/Cofidis) 3:47:06 Stunden, 2. Mads Pedersen (Dänemark/Lidl-Trek), 3. Jordi Meeus (Belgien/Red Bull Bora-hansgrohe), 4. Ben Turner (Großbritannien/Netcompany Ineos), 5. Jordan Labrosse (Frankreich/Decathlon CMA CGM) ... 96. Arthur Kluckers (Tudor Pro Cycling), 124. Mats Wenzel (Equipo Kern Pharma) alle gleiche Zeit
9. Etappe: Villajoyosa - Serra d‘Aitana (187,4 km): 1. Enric Mas (Spanien/Movistar) 5:10:40 Stunden, 2. Oscar Onley (Großbritannien/Netcompany Ineos) gleiche Zeit, 3. Primoz Roglic (Slowenien/Red Bull Bora-hansgrohe) 0:12 Minuten zurück, 4. Felix Gall (Österreich/Decathlon-CMA CGM) 0:18, 5. Cristián Rodríguez (Spanien/XDS Astana) 0:20 ... 149. Kluckers, 163. Wenzel beide 40:33
Stand in der Gesamtwertung nach 9 von 21 Etappen: 1. Mas 28:34:03 Stunden, 2. Roglic 1:18 Minuten zurück, 3. Gall 1:39, 4. Onley 2:20, 5. Richard Carapaz (Ecuador/EF Education-EasyPost) 3:26 ... 106. Wenzel 1:30:26, 164. Kluckers 2:06:34