Radsport

Mit lieben Grüßen an „Pogi“: Hungriger Vingegaard vollendet seine Giro-Show

Jonas Vingegaard dominierte den Giro nach Belieben. Für Tadej Pogacar kann er bei der Tour Herausforderer auf Augenhöhe sein.

Jonas Vingegaard feiert als achter Radprofi den Gewinn aller drei großen Landesrundfahrten – Tour, Giro, Vuelta.

Jonas Vingegaard hat als achter Radsportler alle drei großen Landesrundfahrten gewonnen Foto: Luca Bettini/AFP

Jonas Vingegaard ließ die waghalsigen Männer mit den schnellen Beinen um den prestigeträchtigen letzten Etappensieg in Rom sprinten, der unantastbare Däne rollte lieber gemächlich Arm in Arm mit seinen Teamkollegen über den Zielstrich, ehe er seine ebenfalls in Rosa gekleidete Familie in die Arme schloss. Der 29-Jährige konnte es entspannt angehen lassen, er hatte sich auf den Etappen zuvor in beeindruckender Manier zum „Giro-Kaiser“ gekrönt und mit seinem Erfolg bei der Italien-Rundfahrt auch eine Grußbotschaft an Tadej Pogacar gesendet: Der Slowene, der ansonsten alles Menschenmögliche gewinnt, wird sich bei der kommenden Tour de France mit dem wohl stärksten „Vingo“ der Geschichte auseinandersetzen müssen.

Jener Vingegaard hat am Samstag bei der letzten schweren Giro-Etappe ein Ausrufezeichen hinter ein dreiwöchiges Machtwort gesetzt. „Eigentlich wollte ich das Rosa Trikot holen und eine Etappe gewinnen. Jetzt ist es Rosa plus fünf Etappen geworden. Das lief besser, als ich es mir vorstellen konnte“, sagte Vingegaard im Ziel droben in Piancavallo am Dolomitenrand.

Aufstieg in einen Elite-Kreis

Dort hatte der Visma-Lease-a-Bike-Profi die letzten Zweifel an seinem ersten Giro-Erfolg beseitigt, mit dem er in einen Elite-Kreis aufsteigt: Als achter Radsportler hat der zweimalige Toursieger und amtierende Vuelta-Champion alle drei großen Landesrundfahrten mindestens einmal gewonnen. Unter anderem Legenden wie Eddy Merckx, Bernard Hinault und Jacques Anquetil gelang dies zuvor.

Wem es (noch) nicht gelungen ist: Tadej Pogacar. Und der Slowene dürfte zur Kenntnis genommen haben, mit welcher Dominanz sein Rivale bei der Tour ab dem 4. Juli nun durch den Giro gebrettert ist.

Vingegaard gewann die letzte Bergankunft mit 1:15 Minuten Vorsprung auf den Österreicher Felix Gall, der als Einziger noch dauerhaft im Ansatz als Bergrivale durchging. Fast sechs Minuten lag Gall letztlich als Gesamtzweiter zurück, schrieb obgleich nationale Radsport-Geschichte: Zuvor hatte Adolf Christian, Tour-Dritter 1957, als einziger Österreicher ein großes Rundfahrt-Podest erreicht – Doper Bernhard Kohl verlor Tour-Platz drei 2008 nachträglich.

Form des Lebens

Mit 29 Jahren fährt Vingegaard in der Form seines Lebens, agierte nach den Siegen bei Paris-Nice und Katalonien-Rundfahrt erneut in seiner eigenen Liga. Und muss dennoch damit leben, dass er bei der Tour nur Außenseiter sein wird. „Ich glaube, dass Pogacar dieses Jahr noch die Nase vorne hat“, sagte auch der deutsche Tour-Dritte Florian Lipowitz dem SID. Lipowitz verfolgte den Giro aus dem Höhentrainingslager heraus beeindruckt und mit Höchstinteresse. „Vingegaard hat genug Zeit, sich zu erholen. Er wird in Topform bei der Tour am Start stehen“, sagte er.

Dass der Tour-Giro-Doppelschlag möglich ist, zeigte der diesmal nach dem Klassiker-Frühling pausierende Pogacar 2024. Damals gewann er sechs Giro-Etappen und die Rundfahrt mit fast zehn Minuten Vorsprung, dominierte also noch deutlicher als Vingegaard nun. Bei der Tour siegte er klar vor dem aus einer Verletzungspause zurückgekehrten Dänen.

Enges Gigantenduell?

Diesmal kann es Vingegaard seinem Rivalen schwerer machen, bei der womöglich ersten wirklich engen Tour-Entscheidung im Gigantenduell – bislang lagen mindestens 2:43 Minuten (2022) zwischen beiden. Mit Frankreich-Gedanken wollte sich der Mann in Rosa am Sonntag aber noch nicht befassen: „Wir werden erst mal unseren Feiertag in Rom genießen.“ Veni, Vidi, Vingo – gewissermaßen.

Im Überblick

20. Etappe: Gemona del Friuli 1976-2026 - Piancavallo (200 km): 1. Jonas Vingegaard (Dänemark/Visma-Lease a Bike) 5:03:55 Stunden, 2. Felix Gall (Österreich/Decathlon-CMA CGM) 1:15 Minuten zurück, 3. Jai Hindley (Australien/Red Bull-Bora-hansgrohe), 4. Derek Gee-West (Kanada/Lidl-Trek) alle gleiche Zeit, 5. Thymen Arensman (Niederlande/Netcompany Ineos) 1:19, 6. Egan Bernal (Kolumbien/Netcompany Ineos) 1:25, 7. Afonso Eulálio (Portugal/Bahrain-Victorious) 2:03, 8. Damiano Caruso (Italien/Bahrain-Victorious) 2:13, 9. Michael Storer (Australien/Tudor Pro Cycling), 10. Davide Piganzoli (Italien/Visma-Lease a Bike) alle gleiche Zeit

21. (letzte) Etappe: Rom - Rom (131 km): 1. Jonathan Milan (Italien/Lidl-Trek) 3:05:50 Stunden, 2. Giovanni Lonardi (Italien/Polti VisitMalta), 3. Paul Penhoet (Frankreich/Groupama-FDJ United), 4. Dylan Groenewegen (Niederlande/Unibet Rose Rockets), 5. Madis Mihkels (Estland/EF Education-EasyPost), 6. Jensen Plowright (Australien/Alpecin-Premier Tech), 7. Tobias Lund Andresen (Dänemark/Decathlon - CMA CGM), 8. Corbin Strong (Neuseeland/NSN Cycling), 9. Toon Aerts (Belgien/Lotto Intermarché), 10. Luca Mozzato (Italien/Tudor Pro Cycling) alle gleiche Zeit

Endstand in der Gesamtwertung nach 21 Etappen: 1. Vingegaard 83:22:51 Stunden, 2. Gall 5:22 Minuten zurück, 3. Hindley 6:25, 4. Arensman 7:02, 5. Gee-West 7:56, 6. Eulálio 9:39, 7. Storer 10:13, 8. Piganzoli 10:52, 9. Caruso 11:24, 10. Bernal 12:54

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