WM-Kolumne „Hasta la Visa“

Marco Goetz über bellende Hunde und einen Fußball, der weiterzieht

Wurde bei dieser Weltmeisterschaft mehr über den Fußball gesprochen oder über alles andere? Eine Glosse über Debatten, Zweifel und einen Ball, der trotzdem weiterrollt.

Marco Goetz über bellende Hunde und einen Fußball, der weiterzieht

Grafik: Editpress

Ist die Weltmeisterschaft erst heute zum Spiegelbild der Gesellschaft geworden? War sie es nicht immer schon? Wer sich heute empört, und Empörung ist bekanntlich eine der beliebtesten Disziplinen unserer Zeit, vergisst vielleicht, dass sportliche Großereignisse seit jeher mehr waren als Sport. Sie dienten Diktatoren als Propagandabühne, politischen Machthabern als Prestigeprojekt und Unternehmen als gigantische Werbefläche. Die WM 1978 in Argentinien wurde unter der Militärjunta ausgetragen. Während im Estadio Monumental gejubelt wurde, befand sich nur wenige Kilometer entfernt eines der berüchtigsten Folterzentren.

Neu ist nicht der Spiegel. Neu ist, dass die Debatte das Spiel immer häufiger übertönt und ihm so hartnäckig den Ball streitig macht.

Die Debatten dieser Weltmeisterschaft verlaufen auf zwei Ebenen. Da sind zum einen die klassischen Fußballstreitigkeiten. Zum anderen jene Debatte, die mit Fußball oft nur noch am Rande zu tun hat. Mit einer Wucht, die den Fußball in den Hintergrund drängt, geht es um politische Einflussnahme, um Macht, Kommerz und die Vermutung, hinter mancher Entscheidung könnten verborgene Interessen stehen. Der Ball rollt zwar noch über den Rasen. Doch daneben rollt eine zweite Geschichte: eine über Misstrauen.

Das ist nicht nur ein Fußballthema. Es ist ein Zeitphänomen. Es wird so lange gezweifelt, relativiert und neu interpretiert, bis Gewissheiten zu bloßen Meinungen werden. Wahrheit verliert an Gewicht, Zweifel gewinnt an Aufmerksamkeit. Das spielt jenen in die Hände, die von permanenter Empörung leben.

Wer hinter jeder Niederlage eine Verschwörung vermutet, nimmt dem Sport das, was ihn groß macht: die Fähigkeit, anzuerkennen, dass der Gegner an diesem Tag schlicht besser war.

Gewinnen möchten alle. Verlieren können die wenigsten.

Doch bei aller Empörung: Die Hunde bellen, der Fußball zieht weiter. Bei der Frauen-WM 2027 und der Europameisterschaft 2028 werden wieder 22 Spieler einem Ball nachjagen. Millionen werden zuschauen. Und mindestens ebenso viele werden darüber diskutieren.

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