WM-Kolumne „Hasta la Visa“

Lokalredakteur Marco Goetz über den Ball und das Leben

Von italienischen Freunden, neu erworbenem Expertenwissen und der erstaunlichen Fähigkeit des Fußballs, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Lokalredakteur Marco Goetz über den Ball und das Leben

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Ich habe mein Fußballwissen erweitert. Dank einer instruktiven Tageblatt-Doppelseite. Fachbegriffe und Zahlen kann ich nun mühelos einstreuen, die Größe des Turniers einordnen und über Favoriten philosophieren. Es ist erstaunlich, wie schnell man zum Experten wird, wenn die anderen noch weniger wissen als man selbst.

Meine italienischen Freunde sind begeistert. Wenn die eigene Nationalmannschaft schon nicht dabei ist, will man wenigstens mitreden können. Zur Weltmeisterschaft reisen kommt ohnehin nicht infrage. Troppo caro. Zu teuer. Also verfolgt man das Turnier aus sicherer Entfernung und erklärt den anderen, wie man es besser gemacht hätte. Auch das gehört bekanntlich zur Fußballkultur.

Und genau darin liegt vielleicht das große Geheimnis des Fußballs. Man muss ihn nicht spielen. Man muss ihn nicht einmal verstehen. Es reicht, wenn er die Menschen zum Reden bringt.

Plötzlich diskutieren Menschen miteinander, die sonst kaum ein Wort wechseln würden. Kollegen werden zu Nationaltrainern. Nachbarn zu Taktikexperten. Fremde nicken sich verschwörerisch in Cafés zu. Und für vier Wochen rückt die Welt ein wenig zusammen.

Die Menschheit hat Kathedralen gebaut, den Mond erreicht und das Internet erfunden. Und trotzdem kann ein Treffer in der Nachspielzeit Millionen Menschen gleichzeitig in Ekstase oder Verzweiflung versetzen. Vielleicht braucht eine Gesellschaft gerade solche Momente, in denen viele Menschen dasselbe fühlen.

Der französische Schriftsteller Albert Camus wusste das. Bevor er den Nobelpreis erhielt, stand er als Torwart in Algerien zwischen den Pfosten. Von ihm stammt der Satz: „Alles, was ich über Moral und die Verpflichtungen des Menschen weiß, verdanke ich dem Fußball.“

Fußball als Schule des Lebens. Ein Spiel über Regeln und Freiheit, über Hoffnung und Enttäuschung, über Gemeinschaft und die Kunst, Niederlagen auszuhalten.

Und so werde ich diese Weltmeisterschaft verfolgen. Nicht als Experte. Dafür gibt es andere. Sondern als Beobachter eines Spiels, das trotz aller Merkwürdigkeiten des modernen Fußballs noch immer etwas Erstaunliches vermag: Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Portugal drücke ich selbstverständlich die Daumen. Doch das ist eine andere Geschichte.

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