„Hat zu Spaltung geführt“

Infantino gibt umstrittenen Investorenplan auf – UEFA greift ihn frontal an

Nach massiver Kritik hat Gianni Infantino seine Investorenpläne vorerst gestoppt. Der FIFA-Boss fühlt sich missverstanden. Die UEFA erhebt derweil schwere Vorwürfe.

Gianni Infantino hat seine umstrittenen Pläne zurückgezogen

Gianni Infantino hat seine umstrittenen Pläne zurückgezogen Foto: Bradley Collyer/PA Wire/dpa

Aus den Worten Gianni Infantinos waren verletzter Stolz und Unverständnis herauszulesen. Er habe doch nur das Beste gewollt, und zwar für alle. Und wenn ihr das nicht wollt, kann ich euch auch nicht helfen. Nach beispielloser Kritik beendete der FIFA-Präsident damit sein Vorhaben, Anteile an Turnieren des Weltverbandes an private Investoren zu verkaufen. Die Erklärung, die Infantino tief in der europäischen Nacht versenden ließ, stoppte zwar die jüngste Eskalation. Die tiefen Gräben im Weltfußball aber bleiben.

„Unser Ziel war und ist es stets, zu vereinen und Verbesserungen zu bewirken“, versicherte Infantino treuherzig: „Nach sorgfältiger Abwägung aller Standpunkte ist deutlich geworden, dass das Projekt zu einer Spaltung geführt hat, die – ungeachtet des Ausmaßes der Unterstützung – nicht mehr im Sinne des ursprünglich verfolgten Ziels ist.“

Appell an den Zusammenhalt

Zum Wohle des Fußballs habe der 56-jährige Schweizer die Weltmeisterschaften zumindest teilweise für Milliardensummen an private Finanzmächte verkaufen wollen. Und zum Wohle des Fußballs sehe er nun davon ab. Zumindest vorerst. So stellte es Infantino dar, gegen den sich in den rund 100 Stunden zuvor zuvorderst eine Front der Empörten formiert hatte.

In den kommenden Tagen wolle Infantino „alle interessierten Parteien wieder zusammenbringen“, schrieb er, „geleitet von unserem gemeinsamen Interesse am Fußball und mit dem Ziel, den Fußball überall weiter voranzubringen, insbesondere in jenen Ländern, die unsere Unterstützung am meisten benötigen.“

Image des Vermittlers beschädigt

Die Rolle des globalen Wohltäters wird Infantino dabei aber kaum noch glaubhaft spielen können. Der passionierte Weltbürger mit den mächtigen Verbündeten wie US-Präsident Donald Trump hat mindestens deutliche Lackschäden davongetragen.

Das Ausmaß der Rebellion, die er vor allem in den mächtigen Kontinental-Verbänden Europas und Asiens ausgelöst hat und die auch die Androhung eines Boykotts von Weltmeisterschaften beinhaltete, dürfte Infantino zutiefst beunruhigen. Auch wenn sich die ersten Kritiker zunächst in Ansätzen besänftigt gaben.

Rote Linie überschritten

Man „begrüße“ Infantinos Schritt, teilte Asiens Verband AFC mit, forderte für künftige Prozesse aber ein „rechtzeitiges, transparentes und konstruktives“ Vorgehen. Die UEFA hatte angekündigt, erst dann befriedigt zu sein, wenn „dieser Vorschlag vollständig verworfen wird und verbindliche Zusicherungen gegeben werden, dass die FIFA ihre Führungsstrukturen oder Wettbewerbe niemals wieder für private Eigentümer öffnen wird“.

Die harsche Reaktion von diversen Kontinenten zeigte eindrücklich, dass Infantino mit seinem klandestinen und ichbezogenen Handeln eine Rote Linie überschritten hatte. Der Weltverband hatte am Dienstag mitgeteilt, dass dieser die Gründung der FIFA Forward Enterprise (FFE), einer Tochtergesellschaft, die alle kommerziellen Aktivitäten und Turnierorganisationen bündeln sollte, plane. Private Investoren hätten über diesen Weg Anteile an FIFA-Events erwerben können.

Machtfrage hinter dem Vorhaben

Im Klartext: Die Männer-WM, Filetstück der Fußballvermarktung und sportliches Weltkulturerbe, stand zum Verkauf. Das sollte einerseits auch kleinen Landesverbänden viele Millionen an Zusatzeinnahmen bringen. Andererseits hätte dies Infantino geholfen, seine Macht zu sichern. Durch den größeren Rückhalt der versorgten Verbände. Und womöglich durch den leitenden Posten in der FFE.

Infantino will sich im kommenden Jahr in Marokko, wo er während der Eskalationstage auf „Staatsbesuch“ weilte, im Amt bestätigen lassen. Nach derzeitigem Reglement zum letzten Mal – 2031 wäre dann für ihn Schluss. Die Leitung der FFE wäre somit für Infantino eine Möglichkeit, als eine Art Schattenpräsident weiter an der Macht zu bleiben.

Infantinos Einfluss stößt an Grenzen

Das zumindest vorerst am gewaltigen Widerstand großer Teile der Fußballwelt gescheiterte Projekt könnte nun die Machtverhältnisse verschieben. Vor allem die UEFA zeigte erneut sehr entschiedene Handlungsbereitschaft – wie 2021 bei der „Niederschlagung“ der Super-League-Rebellen. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin zeigte nun eine auffallend kompromisslose Haltung gegen den früheren UEFA-Generalsekretär Infantino.

Diesem bleibt nun die Erkenntnis, dass sein Spielraum Grenzen hat. Und die Rolle als missverstandener Wohltäter. „Niemand verkauft den Fußball“, hatte er beschwichtigt und „fehlerhafte Berichterstattung in den Medien“ für eine anderweitige Wahrnehmung verantwortlich gemacht. Als Taktik wird dies womöglich nun nicht ausreichen.

Aus für „schäbigen Deal“: UEFA greift Infantino frontal an

Die Europäische Fußball-Union UEFA hat nach dem vorläufigen Ende der FIFA-Investorenpläne mit erstaunlich deutlichen Worten einen Kulturwechsel im Weltverband gefordert. Dem FIFA-Präsidenten Gianni Infantino warf die UEFA vor, einen „schäbigen und undurchsichtigen Deal“ eingefädelt zu haben.

„Die aktuelle FIFA-Führung hat nicht nur das Vertrauen der UEFA, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie verloren“, hieß es in einer UEFA-Stellungnahme am Samstagmittag: „Wir können nicht länger so weitermachen mit geheimen, in Windeseile durchgepeitschten Plänen, die von anonymen Akteuren ausgeheckt werden und dem Fußball nur zweifelhaften Nutzen bringen. Wir müssen die Verantwortlichen ermitteln und zur Rechenschaft ziehen.“

Die UEFA dankte all jenen, „die dem FIFA-Präsidenten deutlich gemacht haben, dass Fußball nicht käuflich ist“. Es sei „ein Sieg für den gesamten Fußball. Doch das darf nicht das Ende der Geschichte sein.“

Infantino warf die UEFA zudem vor, gegen zwei seiner Wahlversprechen eklatant verstoßen zu haben: Der Schweizer hatte 2015 Transparenz angekündigt sowie die Verwendung der FIFA-Gelder zum Wohle sowie zur Entwicklung des Fußballs.

„Beide Versprechen hat er nicht eingehalten. Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte und undurchsichtige Deal, den er durchzusetzen versuchte, war alles andere als transparent. Und trotz Reserven von über fünf Milliarden Dollar hat er es auch versäumt, das Geld der Verbände zum Wohle des Fußballs einzusetzen“, hieß es in dem Statement.

Deshalb werde die UEFA „unverzüglich mit Partnern und Interessengruppen weltweit und aus allen Bereichen des Fußballs zusammenarbeiten, um einen neuen Weg für die Verteilung der Ressourcen im Rahmen des bestehenden FIFA Forward-Programms vorzuschlagen“.

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