Gold, Medaillenpannen und ein Geburtstagsständchen
Diese Geschichten prägten die Leichtathletik-EM
Von historischen Siegen über epische Duelle bis zu kuriosen Medaillenpannen: Die Leichtathletik-Europameisterschaft in Birmingham ging am Sonntagabend zu Ende. Diese Geschichten haben die Titelkämpfe geprägt.
Die Frage, wer mit dem EM-Titel nach Hause reist, stellte sich bei den Stabhochspringern gar nicht Foto: AFP/Ben Stansall
Historischer Ruben Querinjean
Aus luxemburgischer Sicht ist zweifelsohne die Medaille von Ruben Querinjean der prägendste Moment der Europameisterschaften in Birmingham. In einem spannenden 3.000-Meter-Hindernis-Finale sicherte sich der Luxemburger am Sonntagabend Silber hinter dem europäischen Rekordhalter Frederik Ruppert. Für Luxemburg hat die Medaille historischen Wert: Es ist erst das zweite Edelmetall bei einer Freiluft-EM für das Großherzogtum nach Silber von David Fiegen im Jahr 2006 über 800 m.
Vier Sprint-Titel für Lokalmatadorin Hunt
Lokalmatadorin Amy Hunt hat ihr heimisches Publikum verzückt und gleich vier Titel geholt. Am Montag setzte sich die Britin erst im 100-Meter-Finale in 11,00 Sekunden gegen Van der Weken und Co. durch und sicherte sich Gold. Drei Tage später legte sie über 200 Meter nach und holte in 22,19 Sekunden ihren zweiten Titel. Zum krönenden Abschluss triumphierte Hunt auch noch mit der britischen Frauen- und Mixed-Staffel über 4x100 Meter. Vier Goldmedaillen bei einer EM, das ist vor ihr noch niemandem gelungen.

Amy Hunt gewann vier EM-Titel Foto: AFP/Ben Stansall
Weitspringer vergisst EM-Medaille
Dem zweimaligen Weitsprung-Olympiasieger Miltiadis Tentoglou aus Griechenland ist ein kurioser Fauxpas unterlaufen. Der 28-Jährige bemerkte im Interview beim griechischen Sender ERT 2 Sport, dass er seine Goldmedaille vergessen hatte. Auf die Frage, ob er keine Medaille bekommen habe, antwortete Tentoglou: „Oh, ich habe Mist gebaut. Sie haben uns die Medaillen gegeben und ich habe sie dort gelassen.“ Tentoglou nahm das Wort „Malakia“ in den Mund, was im Griechischen als vulgärer Ausdruck üblich ist. Tentoglou, der in Birmingham seinen vierten EM-Titel in Folge feierte, brach das Interview erst mal ab und begab sich auf die Suche nach der Plakette. Der Grieche fand seine Goldmedaille zum Glück dann aber schnell wieder.
Tamberis Geburtstagsständchen für Tochter Camilla
Nachdem Gianmarco Tamberi seine Gold-Freude rausgeschrien hatte, stimmte der Italiener über das Stadionmikrofon ein Geburtstagsständchen für seine Tochter an. Das ganze Stadion sang mit. „Es war ein besonderer Abend, Camillas erster Geburtstag“, schwärmte der europäische Hochsprung-König und Fanliebling nach seinem dritten EM-Titel in Serie mit Blick auf die besondere Unterstützung auf der Tribüne. Das „Ausnahmetalent“ (Gazzetta dello Sport) mit dem halben Bart inspirierte die Zuschauer im Alexander Stadium am Freitagabend mit seiner Show. Der Olympiasieger von Tokio verwies mit seinen übersprungenen 2,32 m Oleh Doroschtschuk (2,30/Ukraine) und seinen jungen Landsmann Matteo Sioli (2,27) auf die Plätze und jubelte zehn Jahre nach seinem ersten Gold in Amsterdam über seinen insgesamt vierten EM-Titel. Der Ex-Weltmeister hatte in diesem Jahr vor der EM nur zwei Wettkämpfe bestritten und war dabei nie höher als 2,23 m gesprungen.

Gianmarco Tamberi stimmte nach seinem Sieg ein Geburtstagsständchen für seine Tochter an Foto: AFP/Ben Stansall
Unterbrechung durch Drohnencrash
Für einen ungewöhnlichen Zwischenfall sorgte eine Kameradrohne beim Siebenkampf der Frauen. Kurz vor dem Start des 100-Meter-Hürdenlaufs, der die Morgensession am Freitag eröffnen sollte, wurden mit dem Fluggerät noch spektakuläre Bilder aufgenommen. Dabei prallte die Drohne gegen eine Hürde und stürzte auf die Laufbahn. Trümmerteile verteilten sich auf der Strecke und bewirkten einen Fehlstart – die Athletinnen wurden zurückgerufen. Erst nachdem die Bahn geräumt worden war, konnte der Wettkampf fortgesetzt werden.
Falsche Medaillengravur
Norwegens 4x400-Meter-Staffel im Mixed hat ihre Goldmedaillen zurückgegeben. Zwar triumphierte das Quartett um Hürden-Star Karsten Warholm in 3:09,62 Minuten vor Gastgeber Großbritannien und den Niederlanden, musste dann jedoch feststellen, dass auf dem Edelmetall die Zeit der Zweitplatzierten eingraviert war. „Wir haben uns geweigert, sie anzunehmen“, erklärte Warholm gegenüber dem norwegischen Fernsehsender NRK und fuhr angefasst fort: „Für diesen großen Erfolg haben wir sehr hart gearbeitet, insbesondere für die erreichte Zeit, die sowohl ein norwegischer Rekord als auch ein Europameisterschaftsrekord ist. Diese Situation ist daher absurd, das ist inakzeptabel.“ Die Organisatoren reagierten umgehend und überreichten tags darauf die passenden Goldmedaillen.

Audrey Werro entschied das spannende Finale über 800 m für sich Foto: AFP/Paul Ellis
Episches 800-m-Duell: Werro ringt Hodgkinson nieder
Shootingstar Audrey Werro hat den packenden Showdown über 800 m gewonnen. In einem epischen Duell rang die 22-jährige Schweizerin mit dem Meisterschaftsrekord von 1:54,81 Minuten Lokalmatadorin und Olympiasiegerin Keely Hodgkinson (1:55,01) nieder und stürmte zu Gold. Bronze gewann die Hürden-Weltmeisterin Femke Broeders-Bol aus den Niederlanden. Dem Sieg war großes Drama vorangegangen: Werro war im Halbfinale durch Fremdeinwirkung gestürzt und nur nachträglich in den Endlauf gesetzt worden – dort legte sie dann den Turbo ein.
Warholm schreibt Geschichte
Der norwegische Hürden-Star und Weltrekordhalter Karsten Warholm schrieb mit einem Meisterschaftsrekord von 46,63 Sekunden Geschichte. Er ist der erste Mann, der bei Europameisterschaften über 400 Meter Hürden zum vierten Mal Gold gewann – und das gelang ihm auch noch in Serie. In Birmingham triumphierte der Ausnahmeathlet außerdem mit der Mixed-Staffel über 4x400 Meter.
Zoff bei den deutschen Hindernisläuferinnen
Hindernisläuferin Lea Meyer hat nach einem verhängnisvollen Sturz in einem trotzigen Interview die Europameisterin Gesa Krause kritisiert. „Es ist einem ja bewusst: Gesa will keinen Meter was machen“, sagte Meyer, die das Finale am Donnerstagabend lange von vorne bestimmt hatte, im ZDF. „Die sitzt das aus und rennt dann hinten raus.“ Meyer war in Birmingham als Vorlaufschnellste auf Medaillenkurs, sie stürzte aber auf der letzten Runde kopfüber in den Wassergraben. „Ich behaupte trotzdem, ich bin die beste Hindernisläuferin Europas mit Alice Finot (Silbermedaillengewinnerin, d. Red.), definitiv, einhundert Prozent“, sagte sie. „Ich finde, ich hätte die Medaille verdient. Nichtsdestotrotz: So ein Sturz darf nicht passieren, ist dämlich.“ Bereits bei der WM 2022 war sie in den Wassergraben gestürzt.

Lea Meyer stürzte kopfüber in den Wassergraben Foto: dpa/Annabel Lee-Ellis
Schatten über Gold
Owen Ansah strahlte. Nach seinem spektakulären Sturmlauf zu EM-Gold über 200 m sprudelte es nur so aus ihm heraus. Weitere Medaillen gewinnen, auch bei Weltmeisterschaften, immer besser werden – Ansah hat viel vor in der Zukunft. Aber „über negative Sachen“ wollte der neue Europameister im Moment seines größten Erfolges nicht sprechen. Dabei könnte Ansah seinen 200-m-Titel und auch die Bronzemedaille über die 100 m wieder verlieren, schließlich fordert die deutsche Anti-Doping-Agentur (NADA) eine Sperre von vier Jahren für den Hamburger wegen einer nicht zustande gekommenen Dopingprobe.
Nächste Flug-Show, aber kein Weltrekord
Stabhochsprung-Überflieger Armand Duplantis (Schweden) hat in Birmingham seinen vierten EM-Titel in Serie perfekt gemacht. Der 26-Jährige zeigte keine Schwäche und kürte sich mit neuem Meisterschaftsrekord von 6,15 m erneut zum Europameister. Danach verzichtete der Olympiasieger und Weltmeister aber darauf, sich an einem möglichen neuen Weltrekord von 6,32 m zu versuchen. Für den starken Griechen Emmanouil Karalis (6,00) blieb wie schon bei der WM in Tokio nur Silber übrig, Bronze gewann der Franzose Baptiste Thiery (5,85). Vor sechs Jahren bei der WM in Doha wurde Duplantis das letzte Mal bei einer großen Meisterschaft bezwungen, danach begann bei Olympia in Tokio sein Siegeszug – und in Birmingham bewies der 26-Jährige nun wieder seine Ausnahmestellung. Die Frage, wer mit dem EM-Titel nach Hause reist, stellte sich gar nicht. (SID/jw)