Fußball-WM
Ein Blick auf die sportlichen Erkenntnisse des Turniers
Die Fußball-WM neigt sich dem Ende entgegen. Vor dem großen Höhepunkt, dem Finale zwischen Spanien und Argentinien am Sonntag (21.00 Uhr MESZ/ZDF und MagentaTV), blickt der SID auf die sportlichen Erkenntnisse aus fünf Wochen Turniergeschehen.
In der WM sind bislang 296 Tore gefallen Foto: Tom Weller/dpa
Tore, Tore, noch mehr Tore
In den bislang 102 WM-Spielen sind 296 Tore gefallen. Rekord. Kein Wunder: Durch die Aufstockung auf 48 Teams gibt es natürlich auch so viele Partien wie nie zuvor. Dennoch: 2,90 Treffer pro Spiel sind der höchste Durchschnittswert seit der WM 1970 (2,97), wobei die WM 1954 (5,38) den unangefochtenen Höchstwert hält. Bisweilen stand der Spielball, Österreichs Coach Ralf Rangnick nannte ihn eine „Kanonenkugel“, im Verdacht, für die Torflut mitverantwortlich zu sein. Die vielen Weitschusstore legen diesen Schluss zumindest nahe.
Ohne Stars kein Erfolg
In der NBA ist es ein ungeschriebenes Gesetz. Für den Titel braucht es diesen einen Spieler mit dem X-Faktor, den Stephen Curry oder LeBron James, der im entscheidenden Moment den Unterschied macht. Und dies ließ sich zuletzt auf den Soccer übertragen. Lionel Messi, Kylian Mbappé (je 8 Turniertore), Erling Haaland (7) und Harry Kane (6) lieferten sich zeitweise ein wildes Wettschießen um die Torjägerkrone, drei von ihnen erreichten das Halbfinale. Interessanterweise spielt mit Spanien wohl die Mannschaft den bislang komplettesten Fußball, aus der kein Spieler klar herausragt. Selbst ein Lamine Yamal hat sich voll und ganz der taktischen Idee seines Trainers Luis de la Fuente verschrieben.
Kleine Teams mit großem Mut
Sich hinten reinstellen, den Bus parken, wie man sagt, und auf das Beste hoffen? Das geht selten gut, wie England und Thomas Tuchel im Halbfinale gegen Argentinien leidvoll erfahren mussten. Deswegen ließen sich die „Kleinen“ dieser WM dazu oft gar nicht erst hinreißen. Kap Verde begeisterte im Sechzehntelfinale mit Offensivfußball, der die Argentinier (2:3 n. V.) an den Rand einer Blamage brachte. Auch die DR Kongo überraschte in der ersten K.o.-Runde gegen England (1:2) mit ihrem mutigen Auftreten. Wirklich weit kam von den krassen Außenseitern jedoch keiner, letztlich setzte sich fast immer die höhere individuelle Qualität durch.
Und doch gab es sie – die Überraschungen
Sensationen waren bei dieser WM rar gesät. Die vier Halbfinalisten Spanien, Argentinien, England und Frankreich hatten wohl viele Fans auf dem Zettel. Doch auf die deutsche Mannschaft, durch 2018 und 2022 in Übung in Sachen WM-Desaster, war Verlass. Das Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay (3:4 i. E.) dürfte zweifelsohne – auch im internationalen Vergleich – der größte „Was zur Hölle“-Moment dieses Turniers gewesen sein. Trösten durften sich Deutschland-Fans damit, dass es auch Erzfeind Niederlande nicht weiter schaffte und an Marokko (2:3 i. E.) scheiterte. Auch Brasiliens Ausscheiden im Achtelfinale gegen Norwegen (1:2), wohl die größte WM-Überraschung positiver Natur, sorgte für Tränen am Zuckerhut.
Die Trinkpausen beeinflussen das Spiel
Es dauerte nicht lange, bis die Buhrufe durch die WM-Stadien hallten, wenn der Schiedsrichter die Spieler zu ihren Ersatzbänken schickte. Zweimal pro Halbzeit wird auf Geheiß des Weltverbandes FIFA getrunken, die TV-Sender dürfen Werbung zeigen. Plötzlich dauerte ein Fußballspiel nicht mehr zwei Halbzeiten, sondern vier Viertel, was sich durchaus auf den Spielrhythmus auswirkte. „Ich wünsche mir, dass das wieder aus dem Fußball verschwindet, ganz ehrlich“, schimpfte MagentaTV-Experte Mats Hummels: „So ein erzwungenes Time-out, künstlich, manchmal in Drangphasen einer Mannschaft hinein, das gefällt mir gar nicht. Weil es das Spiel beeinflusst.“
Die Superjoker prägen die WM
Die Bilder von Deniz Undav, wie er das zweite Vorrundenspiel Deutschlands gegen die Elfenbeinküste nach seiner Einwechslung drehte, wirken mittlerweile eine Ewigkeit entfernt. Damals schien es, als könne die deutsche Mannschaft mit ihrem „Superjoker“ vielleicht doch zu Großem fähig sein. Dies war zwar nicht der Fall, die Bedeutung der Einwechselspieler blieb jedoch enorm. Ganze 55 der 296 Turniertore wurden von Spielern erzielt, die von der Bank kamen. Mit knapp 18,6 Prozent steht diese WM damit nur minimal hinter dem Bestwert von 2014 zurück (18,7 Prozent). Im Gedächtnis blieb Spaniens Mikel Merino, der sowohl das Achtelfinale gegen Portugal als auch das Viertelfinale gegen Belgien entschied. Oder Argentiniens Lautaro Martínez im Halbfinale gegen England.