Wm 2026
Die Beatles feiern ihren Jude: Bellingham führt England ins Halbfinale
Trotz des Einzugs ins Halbfinale ist Thomas Tuchel nicht zufrieden. Der Perfektionist giert nach mehr – und reißt die Engländer mit.
Der englische Mittelfeldspieler Jude Bellingham (10) feiert den ersten Treffer seiner Mannschaft im Viertelfinalspiel gegen Norwegen Foto: AFP/ Mauro Pimentel
Der Perfektionist Thomas Tuchel machte noch seinem Ärger Luft, da feierten sogar schon die Beatles den Matchwinner. „Hey Jude“, schrieb die legendäre englische Band bei Instagram und postete ein Bild von Jude Bellingham, der an diesem so schwierigen und kräftezehrenden Abend in Miami England ins WM-Halbfinale geschossen hatte.
„Schlampig“
Für Bellingham fand Tuchel nach dem 2:1 (1:1, 1:1) nach Verlängerung gegen kampfstarke Norweger nur das Wort „Weltklasse“. Doch mit der Mannschaftsleistung war der Deutsche überhaupt nicht zufrieden – und mit Blick auf das Halbfinale in Atlanta am Mittwoch (21.00 Uhr MESZ) gegen Weltmeister Argentinien mit Lionel Messi sogar besorgt. „Schlampig“ und „nicht schnell genug“ hätten die Engländer gespielt. Das Ergebnis, ja, das sei „fantastisch“, aber „ich bin nicht zufrieden mit der Leistung“. Der Sieg sei „pure Mentalität“ gewesen. Die extremen Bedingungen mit hohen Temperaturen und noch höherer Luftfeuchtigkeit ließ Tuchel nicht als Ausrede gelten.
Die Kommentare irritierten Matchwinner Bellingham sichtbar. „Vielleicht weiß er nicht, wie es ist, unter diesen Bedingungen gegen Erling Haaland, Martin Ödegaard, Antonio Nusa oder Alexander Sörloth zu spielen“, sagte der Mittelfeldspieler, der nach seinem Doppelpack (45.+2, 93.) bei sechs Turniertoren steht.
„Manchmal muss man auch dreckig gewinnen“
Gegen Norwegen zu bestehen, sei „nicht leicht“, daher könne er „nur in den höchsten Tönen“ von seinen Mitspielern sprechen. Und überhaupt: „Man kann nicht jedes Spiel gewinnen, indem man den Ball laufen lässt und 1.000 Pässe spielt. Manchmal muss man auch dreckig gewinnen – und genau das haben wir getan.“
Tuchel beschwichtigte wenig später. „Von ganzem Herzen liebe ich meine Spieler und mein Team, aber wir können besser spielen. Es gibt viele Dinge, die wir besser machen können“, sagte er – und erhielt für seine kritische Haltung viel Zuspruch aus der Heimat.
Wayne Rooney betonte in seiner Analyse, Tuchel habe „in puncto Mentalität genau richtig gelegen“, und Alan Shearer bewunderte den Mut des Deutschen, deutliche Worte zu finden.
Veränderte Flugkurve durch Skycam?
Der Auftritt in Miami war wahrlich nicht glanzvoll, und der Ausgleich nach dem 0:1 durch Andreas Schjelderup (36.) hätte eigentlich nicht zählen dürfen. Bevor Bellingham traf, hatte der Ball nach einem Abschlag von Norwegens Torhüter Örjan Nyland augenscheinlich das Kabel der Skycam getroffen. Dies dementierte die FIFA zwar, doch der Ball veränderte seine Flugkurve plötzlich und fiel abrupt zu Boden. Gegen die nun unsortierte Abwehr nutzte England die unverhoffte Chance.
Beim Siegtreffer half der im Turnier sonst so starke Nyland mit. Bellingham staubte ab. „Wir mussten alles geben und unseren Weg finden, vor allem in der zweiten Halbzeit und in der Verlängerung. Es waren das Herzblut und der Wille der Jungs, die uns über die Ziellinie gebracht haben“, sagte Kapitän Harry Kane: „Wenn man jemanden wie Jude hat, der das Spiel für uns entscheiden kann, ist das natürlich ein großer Faktor.“
Im Halbfinale
Kane, der gemeinsam mit Bellingham zwölf der 13 Tore der Engländer bei dieser WM erzielt hat, stimmte Tuchels Kritik indirekt zu – wählte aber positivere Worte. „Ich habe uns beim Training beobachtet und das Potenzial gesehen, vor allem im letzten Drittel. Wir haben das alles noch nicht ganz zusammengebracht“, sagte er, „aber wir stehen im Halbfinale einer Weltmeisterschaft, ohne unseren besten Fußball gespielt zu haben. Wenn wir diese Form am Mittwoch finden, könnte das den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage in diesem Turnier ausmachen.“