Mehr Boykotts?

Der Gaza-Krieg und seine Folgen für den Sport

Konflikte zwischen propalästinensischen und israelischen Athleten gibt es im Sport immer wieder. Nach dem Großangriff der islamistischen Hamas blicken viele Experten mit Sorge auf Olympia 2024.

Die Olympia-Bühne in Paris könnte verstärkt für politische Botschaften benutzt werden

Die Olympia-Bühne in Paris könnte verstärkt für politische Botschaften benutzt werden Foto: Alain Jocard/AFP

Acht Jahre muss Fethi Nourine seine Sperre noch absitzen, dann dürfte der algerische Judoka wieder an Wettkämpfen teilnehmen. Um einem möglichen Duell mit einem Israeli aus dem Weg zu gehen und so seine Unterstützung für Palästina zu demonstrieren, hatte Nourine die Olympischen Spiele in Tokio boykottiert. Der Internationale Judo-Verband sperrte den Athleten daraufhin für zehn Jahre. Nourine und sein Trainer hätten „die Olympischen Spiele als Plattform für Proteste und zur Förderung politischer und religiöser Propaganda genutzt“, hieß es in der Begründung des Judo-Verbands. 

Nourines Rückzug gehörte in Tokio noch zu den Ausnahmen. Aber was passiert in Paris? Keine neun Monate sind es noch bis zur Eröffnungsfeier der Spiele in Frankreich. Die Eskalation der Lage in Nahost nach dem Großangriff der islamistischen Hamas auf Israel trifft auch den professionellen Sport. Athleten, muslimische oder jüdische, Israel-Unterstützer oder Palästina-Anhänger, könnten die Olympia-Bühne diesmal verstärkt für ihre politischen Botschaften nutzen – und so gegen die Olympische Charta verstoßen.

„Der Grundgedanke der Olympischen Spiele ist es, die ganze Welt im friedlichen Wettbewerb zu vereinen. Die Olympischen Spiele können ein Beispiel für eine Welt sein, in der alle die gleichen Regeln haben und einander respektieren. Der Sport muss Brücken bauen, anstatt Mauern zu errichten oder Spaltungen zu vertiefen“, teilte das IOC mit. „Athleten können nicht für die Handlungen ihrer Regierungen verantwortlich gemacht werden.“

Für das prestigeträchtigste Sportevent der Welt will sich auch der palästinensische Ringer Rabbia Khalil qualifizieren, auch wenn das Saison-Highlight für ihn derzeit bedeutungslos ist. „Wie soll ich an Sport denken und mit dem palästinensischen Ringerverband in Ramallah über zukünftige Pläne sprechen, wenn meine Landsleute in Gaza getötet werden und um ihr Leben kämpfen?“, fragte der in Köln lebende Kampfsportler und ergänzte: „Ich gehe davon aus, dass immer mehr arabische oder propalästinensische Athleten Wettkämpfe boykottieren werden, wenn sie gegen israelische Sportler antreten müssen. Sportler werden auch immer mehr dazu bereit sein, die Konsequenzen dafür zu tragen.“

Müsste Khalil morgen gegen einen Israeli antreten, würde er das nicht tun. „Das hat aber keine religiösen Gründe, weil er Jude ist. Sondern weil es immer schon Krieg zwischen beiden Völkern gibt“, erklärte Khalil, dessen Großeltern einst aus Palästina geflohen waren. 

Religion und Politik in der Umkleidekabine lassen

In der Vergangenheit waren es vor allem arabische Sportler, die Wettkämpfe gegen Israelis boykottierten oder durch strittiges Verhalten auffielen. Der ägyptische Judoka Islam El Shehaby verweigerte bei Olympia in Rio de Janeiro 2016 dem Israeli Or Sasson den Handschlag. 2008 in Peking war bei den Schwimm-Vorläufen über 100 Meter Brust der Iraner Mohammad Alirezaei nicht angetreten, weil auch der Israeli Tom Beeri im Becken war. 

Ähnliche Vorfälle gab es auch jenseits der Spiele. So wurde der israelischen Tennisspielerin Shahar Peer 2009 die Einreise ins Arabische Emirat Dubai untersagt. Bei einem Judo-Wettkampf 2017 in Abu Dhabi durften israelische Judokas nur ohne Landessymbole antreten, die Nationalhymne wurde nicht gespielt. 

„In letzter Konsequenz ist es immer ein antisemitischer Hintergrund, der hinter solchen Boykotten steht“, hatte Nahost-Experte Alex Feuerherdt nach dem Eklat um den algerischen Judoka Nourine im Deutschlandfunk erklärt. Wenn sich die Sportler zu ihrem Boykott äußerten, argumentierten sie meist, dass sie für den Kampf der Palästinenser einträten und deshalb israelische Sportler boykottierten. Die politische Linie der jeweiligen Staaten werde dabei auf den Sport übertragen, sagte Feuerherdt.

Nach Meinung des Sportphilosophen Gunter Gebauer sollten Religion und Politik keine Rolle im Wettkampf- und Spielgeschehen des Sports spielen. „Sportler, die tiefgläubig sind, sollten ihre Religion in der Umkleidekabine lassen. Und politisch engagierte Sportler ihre Politik.“ Schließlich regulierten Wettkampfregeln das Verhalten der Athleten – „nichts anderes“. (dpa)

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