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Das Feld der verlorenen Talente: Wie kann Luxemburg seine Spieler halten?

Vergangenen Freitag schockte Fabio Domingos die FLF, als er seinen Wechsel zu Kap Verde verkündete. Innerhalb von 18 Monaten hat Luxemburg drei Toptalente an andere Verbände verloren. Der nationale Verband will nun zu juristischen Mitteln greifen. Eine Patentlösung gegen den Exodus scheint es jedoch nicht zu geben.

Manuel Cardoni, technischer Direktor des nationalen Fußballverbandes, spricht bei einer Pressekonferenz

Die Spitzenspieler, die nicht für Luxemburg auflaufen, könnten inzwischen eine eigene Nationalmannschaft füllen Grafik: Tageblatt

„Mich trifft so eine Nachricht am meisten“, sagt Manuel Cardoni über die Entscheidung von Fabio Domingos, in Zukunft für Kap Verde und nicht für Luxemburg spielen zu wollen. Der Technische Direktor der FLF ist beim Verband der Chefausbilder. Am Montag befand er sich auf einer Konferenz in Mönchengladbach. Dort darf er einen Vortrag halten, weil die Resultate Luxemburgs in Deutschland und anderen Ländern Aufmerksamkeit erregen. Vor allem aber sind die Nachbarländer erstaunt, wie viele talentierte Fußballer aus einem 680.000-Einwohner-Staat kommen können.

Die Konferenz ist eine willkommene Abwechslung für Cardoni, der in den vergangenen Tagen einen weiteren Rückschlag erleiden musste. Innerhalb von weniger als 18 Monaten hat er nämlich drei Juwelen verloren, die er selbst mit herangezüchtet hat.

Den Anfang machte Gil Neves. Der Mittelfeldspieler aus Düdelingen wechselte 2024 zu Benfica Lissabon, wurde kurz danach für Portugal nominiert und im vergangenen Sommer Europameister mit der U17. Rund ein Jahr später folgte der nächste Schock. Brian Madjo (Aston Villa), der drei A-Länderspiele für Luxemburg bestritt, entschied sich, in Zukunft für England aufzulaufen. Damit nicht genug: Am vergangenen Freitag teilte Fabio Domingos (Paris SG) Nationaltrainer Jeff Strasser mit, dass er seine Berufung für die Länderspiele gegen Malta ablehne und stattdessen Kap Verde eine Zusage gegeben habe.

„Diese Entscheidung ist sehr schwer nachzuvollziehen. Kein Trainer oder Sportdirektor von Kap Verde hat jemals mit dem Jungen im Vorfeld geredet. Er wurde nur nominiert, weil ein Scout des Verbandes ihn bei uns auf der Liste gesehen hat“, sagt Cardoni, der nach der Entscheidung noch ein Gespräch mit dem 18-Jährigen führte.

Da Domingos für zwei Testspiele berücksichtigt wurde, ist eine Rückkehr zur FLF noch immer möglich. Doch es wird wohl nicht der letzte Fall sein, denn das Nachwuchsleistungszentrum in Monnerich steckt voller Talente mit doppelter Staatsbürgerschaft.

Ungenutzes Potenzial

Die Liste der Spieler, die nicht für Luxemburg spielen wollen oder können, ist lang (siehe Aufstellung unten). Hätte Strasser die Möglichkeit, alle diese Spieler zu berufen, hätte der Kader eine ganz andere Tiefe und die FLF-Auswahl könnte wahrscheinlich einen großen Schritt nach vorne machen.

Schon länger beschäftigt man sich in Monnerich mit dem Gedanken, gegen den Exodus juristisch vorgehen zu wollen. Von Vorteil ist nun, dass auch der große Nachbar Deutschland auf eine Lösung in dieser Frage drängt. Der DFB will sich bei der FIFA für Ausbildungsentschädigungen bei Verbandswechseln starkmachen. Mit Belgien hat Deutschland einen Verbündeten. Frankreich hält sich derzeit in dieser Thematik zurück.

„Ist es denn richtig, dass Spieler, die in einem Verband über manchmal sechs, acht, zehn Jahre ausgebildet worden sind, zum Nulltarif von heute auf morgen den Nationalverbandswechsel durchführen können? Ich sage nein“, sagte DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig vor ein paar Monaten im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Manuel Cardoni, technischer Direktor des nationalen Fußballverbandes

Manuel Cardoni, technischer Direktor des nationalen Fußballverbandes Foto: Editpress/Alain Rischard

Wir geben ihnen alles und fordern im Gegenzug nichts

Manuel Cardoni

Technischer Direktor der FLF

Genauso wie Cardoni und Strasser hat auch Rettig ein Problem damit, dass einige Verbände sehr große Scoutingabteilungen haben, um Talente zu entdecken und von einem Wechsel zu überzeugen. Dies war bei Domingos auch der Fall.

„Es muss ein Papier her, das die Verbände schützt oder etwas mehr Flexibilität zulässt“, sagt Cardoni und meint damit unter anderem den Fall Gil Neves. Der Mittelfeldspieler hat bereits einen Verbandswechsel getätigt und kann schon jetzt, mit 18 Jahren, für kein anderes Land mehr spielen als für Portugal. „Wenn Gil portugiesischer A-Nationalspieler wird, hat er wohl seiner Meinung nach die richtige Entscheidung getroffen. Ist dies jedoch nicht der Fall, würde er sich wahrscheinlich wünschen, die Zeit zurückdrehen zu können“, so Cardoni.

Bei der FLF prüft man bereits seit einer gewissen Zeit, ob es möglich wäre, dass die Eltern oder der Spieler selbst bei einem Verbandswechsel die Ausbildungsentschädigung aus eigener Tasche bezahlen müssen. Dies scheint jedoch juristisch schwer umsetzbar zu sein. „Wir geben ihnen alles und fordern im Gegenzug nichts“, gibt Cardoni zu bedenken. Als Kind von italienischen Einwanderern sieht er die Problematik noch aus einem ganz anderen Blickwinkel: „Man kann nicht immer nur von den Vorteilen in einem Land profitieren, irgendwann ist es auch an der Zeit, etwas zurückzugeben.“

Cardoni, Präsident Paul Philipp und Nationaltrainer Jeff Strasser wissen spätestens jetzt, dass die Gefahr, ein Talent zu verlieren, überall lauert. „Bei uns ist es viel dramatischer, wenn ein guter Spieler uns verlässt, als bei großen Nationen wie Deutschland“, sagt Cardoni.

Wie das Beispiel Domingos zeigt, kommt die größte Konkurrenz aus Afrika. Kap Verde hat sich kürzlich für die Weltmeisterschaft qualifiziert und hat nun ganz andere Argumente als vor ein paar Jahren. „Als die WM-Teilnahme feststand, wusste ich, dass es gefährlich werden würde“, so Cardoni. „Kap Verde hat ein ganz klares System. Sie haben ein Netzwerk zu der Diaspora aufgebaut und viel läuft über die Familie.“ Der Inselstaat ist aber nicht der einzige Konkurrent. Ob England, Portugal oder Spanien: In jeder dieser großen Fußballnationen spielt ein Nachwuchsakteur, der in Luxemburg ausgebildet wurde.

Ein ähnlich großflächiges Scoutingsystem wurde bei der FLF noch nicht aufgebaut, da die Zahl der Luxemburger, die im Ausland leben, sehr klein ist.

Luxemburgs nächster Nations-League-Gegner Malta setzt auf Einbürgerung und hat mit dieser Methode seine Nationalmannschaft im vergangenen Jahr deutlich verstärkt. Die Insulaner suchen seit Jahren gezielt nach Spielern mit maltesischen Vorfahren und wurden fündig. Die FLF wurde zwar auch fündig, doch in den meisten Fällen lassen die FIFA-Regeln einen Verbandswechsel nicht zu. Mit Leo Scienza (FC Southampton/ENG), Bernardo Schappo (Estrela Amadora/POR) und Noam Cohen (Hapoel Petah Tikva/ISR) stünden drei Spieler mit luxemburgischem Pass bereit, die wohl sofort von Strasser nominiert werden würden. „Wir beschäftigen uns regelmäßig mit Profilen, aber außer Anthony Moris und Maxime Chanot haben wir bisher keinen durchbekommen. Ich habe das Gefühl, dass es bei anderen Ländern geht und bei uns nicht“, sagt Cardoni.

Der Fokus des ehemaligen Jeunesse-Spielmachers liegt aber vor allem auf der eigenen Nachwuchsarbeit: „Wenn ein guter eingebürgerter Spieler uns verstärken kann, dann ist er willkommen. Für mich ist es aber viel wichtiger, dass wir unsere Jungs aus der Fußballschule gut ausbilden, sie den Sprung ins Ausland schaffen und eine Karriere machen können.“

Cardoni lässt sich trotz der rezenten Rückschläge nicht von seinem Weg abbringen und glaubt felsenfest daran, in Zukunft viele Talente ausbilden zu können, die schlussendlich auch für die „Roten Löwen“ auflaufen werden: „Wir sind sexy genug. Wer sich für uns entscheidet, der macht das mit dem Herzen.“

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