Olympia

Aus Wiltz zu den Winterspielen: So tickt die Ten-Raa-Familie

Während Gwyneth ten Raa ihre zweiten Olympischen Winterspiele in Angriff nimmt, richtet Joyce den Blick bereits nach vorne: 2030 möchte sie gemeinsam mit ihrer Schwester an den Start gehen – ebenfalls im alpinen Skisport. Die jüngste der drei Schwestern, Laurene, plant hingegen eine Fußball-Karriere. Doch wer steckt hinter dieser sportbegeisterten Familie aus Wiltz, die gleich zwei herausragende Skitalente hervorgebracht hat?

Lauren, Joyce und Mutter Peggy unterstützen Gwyneth vor Ort bei gemeinsamer Teamarbeit und Zusammenarbeit

Laurene (2.v.l.), Joyce (2.v.r.) und Mutter Peggy (ganz rechts) unterstützen Gwyneth vor Ort Foto: ATP/Jean-Claude Ernst

Als sich am Sonntag nach dem Riesenslalom die Tribüne in Cortina d’Ampezzo leert, sitzen Mutter Peggy und ihre Töchter Joyce und Laurene noch immer auf ihren Plätzen. Ein Sicherheitsbeauftragter bittet sie schließlich, die Tribüne zu verlassen – bis er anhand ihrer Kleidung bemerkt, dass sie aus Luxemburg kommen. „Oh, what are you doing here from Luxembourg?“, fragt er doch etwas ironisch. Joyce antwortet voller Stolz: „Hey, my sister is in the top 30!“ Es sei ein „überwältigender Tag“ gewesen, erklärt Mutter Peggy nach Gwyneths 30. Platz im Riesenslalom. „Es ist wirklich eine wunderschöne Atmosphäre. Für uns ist es jedes Mal etwas ganz Besonderes, bei ihren Rennen dabei zu sein.“

Weil die Familie aus Wiltz stammt, ist die Frage doch berechtigt, wie es eine junge Frau aus dem Nordwesten Luxemburgs plötzlich in die Top 30 bei einem alpinen Wettbewerb bei Olympia schafft. „Früher sind wir regelmäßig in den Skiurlaub gefahren und haben unsere Kinder dort in die Skischule geschickt“, erzählt Peggy. „Am Donnerstag fanden immer Skirennen statt – und da haben wir gemerkt, dass sie ganz vorne mitfahren können. Meistens war das an der Kleinen Scheidegg in der Schweiz. Sie konnten mit allen mithalten und hatten riesigen Spaß daran. Das Problem war nur: Die anderen Kinder lebten dort – wir nicht. Also haben wir mit der Schule vereinbart, dass sie gelegentlich freigestellt werden, um auf Skiern trainieren zu können.“

Die Jüngste spielt Fußball

Während Gwyneth (Jahrgang 2005) und Joyce (2003) immer mehr Gefallen am Skisport fanden, wurde es Laurene (2007) irgendwann zu viel. „Ich habe gemerkt, dass meine Schwestern stärker sind, und irgendwann hat mir die Motivation gefehlt“, sagt sie ehrlich. „Sie hatten einfach noch mehr Ehrgeiz auf den Skiern.“

Laurene entschied sich schließlich für eine andere sportliche Laufbahn – und das mit Erfolg. Im Sommer wechselte sie vom FC Wintger zum Erstligisten Ell, wo sie sich rasch zur Stammspielerin entwickelte. Zudem absolvierte sie bereits Einsätze für die U19-Nationalmannschaft.

„Ich glaube, dass meine Entscheidung richtig war, mich auf den Fußball zu konzentrieren“, sagt Laurene. „Wenn ich Gwyneth hier sehe, denke ich natürlich manchmal, wie cool es gewesen wäre, selbst hier zu fahren. Aber alles hat seinen Grund.“

Joyce gibt sich kämpferisch

Emotional wird es, als Joyce gefragt wird, wie es sich anfühlt, ihre jüngere Schwester bei Olympia zu sehen. Einerseits überwiege der Stolz, andererseits schmerze es – denn sie selbst konnte wegen einer Verletzung nicht um ein Olympia-Ticket kämpfen. 2019 zog sie sich einen Kreuzbandriss zu, der ihr noch immer zu schaffen macht. 2022 folgte ein weiterer schwerer Rückschlag: Bei einem Trainingsunfall in Hinterreit (AUT) stürzte sie so schwer, dass sie mit dem Hubschrauber ins Salzburger Krankenhaus geflogen werden musste. Dort wurde sie auf der Intensivstation behandelt – mit neun gebrochenen Rippen, einem Leberriss und Hämatomen an den Lungen.

Zwar kehrte sie danach in den Rennbetrieb zurück und startete unter anderem bei den Weltmeisterschaften in Saalbach, doch die Knieprobleme begleiten sie bis heute.

Trotzdem gibt sich Joyce kämpferisch: „Mein Ziel ist es, in vier Jahren in Frankreich gemeinsam mit Gwyneth am Start zu stehen. Dafür arbeite ich jeden Tag. Ich bin auf einem guten Weg und bleibe optimistisch.“ Mutter Peggy ergänzt mitfühlend: „Es ist hart für sie. Man ist hier, sieht die eigene Schwester fahren – und weiß, dass man selbst auch das Zeug dazu hätte.“

Roger: Manager, Wachser, Vater

Während Peggy und die Schwestern Gwyneth von der Tribüne aus unterstützen, ist Vater Roger immer ganz nah am Geschehen dabei – auf der Piste. Er übernimmt gleich mehrere Rollen im Team seiner Tochter. „Am Tag vor dem Rennen habe ich drei Stunden lang die Skier präpariert“, erzählt er. „Wachsen, Kanten schleifen, wieder wachsen – und immer wieder kontrollieren, ob alles perfekt ist. Am Renntag klingelt der Wecker um fünf Uhr: Walkie-Talkie, Akkreditierungen, Skier, Schuhe, Helme – und dann ab ins olympische Dorf.“

Gwyneth Paltrow mit ihrem Vater Roger Paltrow lächelnd bei einem Familienfoto

Gwyneth mit ihrem Vater Roger Foto: Privat

Roger ist nicht nur Servicemann, sondern auch Organisator, Planer und Ansprechpartner für Sponsoren und Medien. „Es gibt unglaublich viel zu koordinieren: Wo können wir trainieren? Welche Hotels kommen infrage? Wenn Rennen abgesagt werden, müssen Unterkünfte storniert werden. Wo können wir die Skier wachsen und schleifen? Es ist eine permanente Herausforderung.“

Nebenbei führt er sein Unternehmen JGL-Strategic-Solutions – benannt nach den Initialen seiner Töchter. „Wir sind ein kleines Ski-Team, aber wir haben großen Zusammenhalt und viel Freude an dem, was wir tun“, sagt er stolz. Ein gewisses Grundwissen brachte der Niederländer mit. „Ich habe schon als Kind Skier präpariert. Vieles habe ich mir zusätzlich vom Schweizer Team und von den Deutschen abgeschaut.“

Talent kommt nicht von den Eltern

Am Tag des olympischen Riesenslaloms spürt auch er die Anspannung. „Ich habe Gwyneth kurz vor dem Start gesehen – sie war nervös. Ich habe ihr noch ein paar aufmunternde Worte mitgegeben. Dann ging sie ins Starthaus – und dann lassen wir sie los. In den ersten Toren merkte man die Nervosität, aber danach ist sie richtig Ski gefahren. Das war eine enorme Erleichterung für uns alle.“

Woher kommt also dieses Talent, das sowohl Gwyneth als auch Joyce in die Wiege gelegt wurde? Bei dieser Frage müssen Mutter und Schwestern lachen. „Von mir hat sie es nicht – und auch nicht vom Vater“, sagt Peggy schmunzelnd. „Wir fragen uns selbst, woher das kommt. Sie hatten einfach immer Freude daran. Und als wir gemerkt haben, dass sie Talent besitzen, haben wir sie bestmöglich unterstützt.“

Gwyneth ten Raa aus Wiltz bei den Olympischen Winterspielen, Porträt und sportliche Ausrüstung

Aus Wiltz zu den Olympischen Winterspielen: Gwyneth ten Raa Foto: ATP/Jean-Claude Ernst

Roger sieht das ähnlich: „Das stimmt – ich war früher ein passabler Tennisspieler. Im Sommer gehe ich gern an den See, im Winter in die Berge. Mit dem Skifahren habe ich spät angefangen. Meine Töchter sind da anders: Gwyneth will alles gewinnen, was sie beginnt – egal ob Radfahren, Schwimmen oder Skifahren. Laurene war technisch ebenfalls sehr stark. Und Joyce ist technisch vielleicht sogar noch etwas stärker als Gwyneth.“

Ambitionierte Ziele

Bis vor zwei Jahren begleitete Mutter Peggy ihre Töchter an den Wochenenden regelmäßig in die Schweiz, damit sie dort trainieren und an Rennen teilnehmen konnten. „Doch jetzt sind sie so selbstständig, haben den Führerschein (sodass sie all das Material transportieren können) und ich arbeite seit zwei Jahren wieder Vollzeit“, sagt sie. Ihre Töchter erlebt sie daher während der Saison nur selten.

Von November bis April sind Joyce und Gwyneth meist mit ihrem Vater unterwegs. „Ich bin in erster Linie eine stolze Mutter“, sagt sie. „Früher stand Roger am Start, und ich habe sie im Ziel empfangen. Ich kümmere mich – aber mit den Skiern selbst habe ich wenig zu tun.“

Wenn Peggy Urlaub oder auch nur ein paar Tage frei hat, tut sie aber alles Mögliche, um ihre Töchter in den Bergen zu besuchen und Zeit mit ihnen zu verbringen. „Dann koche ich für sie und wir haben eine schöne Zeit zusammen“, sagt sie. „Wir rufen uns zwar täglich an, doch sich sehen und sich in den Arm nehmen, ist so viel mehr wert.“

Am heutigen Mittwoch bietet sich der Familie nun erneut die Gelegenheit, gemeinsam olympische Atmosphäre zu genießen. Gwyneth geht im Slalom von Cortina d’Ampezzo an den Start, der um 10.00 Ugr beginnt. „Ein Platz unter den Top 30 ist sicher wieder möglich“, ist die stolze Mutter überzeugt. Roger ergänzt: „Wenn die Piste so bleibt wie am Sonntag, kann sie eine starke Zeit fahren. Der Hang ist lang, viele werden im unteren Abschnitt müde. Aber körperlich ist sie wirklich stark. Wir fahren mit Risiko – aber kontrolliert. Dann kann es auch am Mittwoch klappen.“

Der Traum der gemeinsamen Olympia-Teilnahme

Und selbst nach dem Slalom vom Mittwoch ist das olympische Kapitel noch lange nicht abgeschlossen. Wie bereits angekündigt, träumen die Schwestern davon, 2030 gemeinsam in Frankreich am Start zu stehen. „Das ist absolut realistisch“, sagt Roger. „Für einen zweiten Quotenplatz müssen wir allerdings alles geben. Joyce hat großes Potenzial. Sie hat Gwyneth einmal gefragt, woran sie unmittelbar vor dem Start denkt. Gwyneth antwortete: ‚An nichts – ich will einfach gewinnen.‘ Joyce denkt manchmal noch zu viel nach. Daran arbeiten wir. Im Training ist sie oft stärker.“

Bis zum 1. Februar 2030 – dem Beginn der Olympischen Spiele in den französischen Alpen – bleibt der Familie noch Zeit genug, um diesen gemeinsamen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

1 Kommentare
Lucilinburhuc 18.02.202612:48 Uhr

Leider :
G. Ten Raa
Luxembourg
DNF
Trotzdem, weiter so !

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