Olympia

Alysa, die Rebellin: US-Star krönt Eiskunstlauf-Comeback mit Gold

Alysa Liu vergoldet ihr vielbeachtetes Comeback. Der Olympiasieg ist für die US-Eiskunstläuferin auch ein ganz persönlicher Erfolg.

Eiskunstläuferin Alysa Liu mit Goldmedaille bei internationalem Wettbewerb in Italien

Eiskunstläuferin Alysa Liu hat in Italien die Goldmedaille erhalten Foto: AFP/Antonin Thuillier

Alysa Liu unterzog ihr Gold einem kräftigen Bisstest, dann hielt die frisch gekürte Olympiasiegerin ihre Medaille in die Kameras und streckte vergnügt die Zunge heraus. Frech, fröhlich und frei – auch im größten Moment ihrer Karriere blieb sich die Eiskunstläuferin treu. Die Milano Ice Skating Arena hatte die 20-Jährige zuvor in eine Bühne verwandelt, die Kür war ihr Konzert, wie ein Pop-Star auf dem Eis elektrisierte sie mit einem Lächeln und purer Energie die Zuschauer. Und hätten es die Regularien erlaubt, Liu hätte ganz sicher sofort eine Zugabe gegeben.

„Als ich auf dem Eis gestanden und die Jubelrufe gehört habe, habe ich mich diesem Publikum so verbunden gefühlt“, sagte Liu nach ihrer Traum-Kür bei den Olympischen Winterspielen in Mailand: „Ich möchte wieder da draußen sein.“

Liu hatte die Japanerinnen Kaori Sakamoto und Ami Nakai zum Abschluss der Eiskunstlauf-Wettbewerbe auf die Plätze verwiesen. Erstmals seit Sarah Hughes vor 24 Jahren gewann wieder eine US-Läuferin die Frauen-Konkurrenz. Auf der Tribüne jubelten Freunde und Familie, auch Landsmann Ilia Malinin, der bei den Männern als hoher Favorit denkwürdig gescheitert war, spendete begeistert Beifall für den Höhepunkt einer besonderen Comeback-Story.

Über Fleiß und Arbeit zum Erfolg

„Diese Reise war unglaublich. Ich habe nichts zu beklagen und bin für alles sehr dankbar“, sagte Liu. Am Donnerstagabend war sie für sich gelaufen, sicher auch für ihre Liebsten, aber nur bedingt für eine Medaille. Sie liebe es, Athletin zu sein, sagte die Star-Läuferin aus Clovis/Kalifornien einmal. In erster Linie versteht sich Liu aber als Künstlerin. „Der Wettkampf ist eher eine Bühne für die Darbietung“, erklärte sie im 60-Minutes-Interview vor den Spielen.

Das ist ihr Empfinden, ihre Sichtweise, ihre Meinung. Eine zu besitzen und zu vertreten, ist ihr wichtig – und Beispiel für den Reifeprozess, den Liu bewältigt hat. Einst war sie ein Wunderkind, mit 13 Jahren bestand sie als jüngste Läuferin den dreifachen Axel.

Ein außergewöhnliches Talent ist jedoch nicht genug. Nur Fleiß und Arbeit führen zum Erfolg. Liu erinnert sich an eine „abnormale“ Kindheit durch das tägliche Training. Eiskunstlauf sei wie ein Job gewesen: „Als Kind weißt du nicht, was du willst. Auf dem Eis zu stehen, fühlte sich an wie eine Verantwortung, eine Bürde.“ Trainer bestimmten ihr Outfit, zu welcher Musik sie zu laufen hatte, auch auf ihre Ernährung nahmen sie Einfluss.

Neues Leben nach dem Olympia-Debüt 2022

Mit 16 Jahren – wenige Monate nach ihrem Olympia-Debüt in Peking (6. Platz) – hatte Liu genug. Der Sport war zum Käfig geworden. Liu brach aus. Sie reiste, flog nach Nepal, wanderte ans Basecamp des Mount Everest, machte Roadtrips mit Freunden. Sie ging ans College für ein Psychologie-Studium. Ihren Instagram-Account löschte sie, um dem Eiskunstlauf-Algorithmus zu entfliehen.

Liu ließ das Kind, das musste, hinter sich und kam zurück als junge Erwachsene, als gereifte Person mit großem Selbstbewusstsein und gefestigtem Ich. Sie trägt blondierte Strähnen im dunklen Haar, was aussieht wie ein Heiligenschein. Wenn sie lächelt, blitzt ein Piercing unter ihrer Oberlippe hervor. Gestochen hat sie es selbst.

„Sie ist eine Rebellin, ein Freigeist und mir in vielen Aspekten sehr ähnlich“, sagt ihr Vater Arthur Liu, der einst in China pro-demokratische Demonstrationen organisierte und 1989 aus der Heimat in die USA floh.

Zwei Jahre im Eiskunstlauf-Exil waren seiner Tochter genug. Zur Saison 2024/25 kehrte sie nach zweieinhalbjähriger Pause aufs Eis zurück. Nun hat sie die Kontrolle – über ihre Musik, ihre Kür, ihre Kostüme. Und besitzt nach dem Erfolg im Teamevent zwei olympische Goldmedaillen.

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