Asylpolitik
Wie drei Flüchtlinge mit ihren Traumata leben müssen und die Gesellschaft nur zuschauen kann
Fast jeder dritte Asylbewerber leidet unter traumatischen Erlebnissen oder einer psychischen Erkrankung. Die verschärften Bedingungen der EU-Abschottungspolitik treffen sie besonders. Hilfsmöglichkeiten gibt es für sie kaum – nicht einmal für den elfjährigen irakischen Kurden Ardwan.
Fotos: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Ardwan freut sich. Er nimmt den Regenschirm und strahlt. Sein Vater Azad hält den Jungen an der Hand. Die beiden sind durch das Drehkreuz der Maison Retour auf dem Kirchberg nach draußen gekommen. Seit mehr als anderthalb Monaten leben sie in der Einrichtung, in der vorher das Aufnahmezentrum SHUK war. Sie wurde unter Innenminister Léon Gloden (CSV) für Asylbewerber eingerichtet, deren Antrag abgelehnt wurde oder die unter die sogenannte Dublin-III-Verordnung fallen – die also in das Land zurückgeschickt werden, in das sie zum ersten Mal den Boden der Europäischen Union betreten haben.
Für Ardwan und Azad wäre dies Bulgarien. Doch dahin möchten sie auf keinen Fall zurück. Zahlreiche Flüchtlinge berichten, dass Pushbacks, Inhaftierungen und Misshandlungen in dem südosteuropäischen Staat für sie zum Alltag gehören. „Bulgarien ist die Hölle“, sagen sie. Für den Hotelmanager aus der Stadt Zakho – auf Kurdisch: Zaxo – in der Autonomen Region Kurdistan im Norden Iraks, an der Grenze zur Türkei gelegen, und seinen Sohn war der Balkanstaat nur eine Durchgangsstation. „Wir hatten über Freunde erfahren, dass Ardwan in Luxemburg geholfen werden kann“, sagt der 37-Jährige. „So machten wir uns auf den Weg.“
Ardwan und sein Vater Azad Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Ardwan leidet unter einer Autismus-Spektrum-Störung und zudem unter ADHS. Letzteres erklärt seine Hyperaktivität. Sein Vater hat viele Hoffnungen in Einrichtungen wie das „Centre pour enfants et jeunes présentant un trouble du spectre de l‘autisme“ (CTSA), das über mehrere Standorte in ganz Luxemburg verfügt, sowie in die „Fondation Autisme Luxembourg“ gesetzt. Deren Bekanntheit hat sich über die europäischen Grenzen hinaus herumgesprochen. „In seiner Heimat hätte Ardwan vergleichbare Möglichkeiten nicht“, weiß Azad. Zwar gibt es in Zakho das Zakho Autism Center, eine seit zehn Jahren bestehende Einrichtung für Autisten. Allerdings seien dort alle Altersstufen zusammen in einer Klasse und die Bedingungen für Ardwan längst nicht so gut. Der Junge fasst seinem Vater ins Gesicht und liebkost ihn, während dieser spricht. Die Unterbringung in der Maison Retour sei für seinen Sohn nicht gut, sagt Azad. Ardwan könne nicht schlafen. Vater und Sohn sind zusammen mit etwa 35 anderen Personen in einem Raum.
Schreckenszeit in geschlossener Einrichtung
Darunter ist auch Mohammad, der für Azad als Dolmetscher fungiert. Der 32-jährige Palästinenser aus Jordanien hat nach eigenen Worten längere Zeit in einer Einrichtung für Geflüchtete gelebt. Die Ärzte haben ihm dort eine Persönlichkeits- und eine Angststörung sowie ADHS diagnostiziert, verbunden mit Suchtproblemen. Mehrfach hatte er suizidale Gedanken geäußert. „Es war eine schreckliche Zeit“, sagt Mohammad über seine Erfahrungen in den Niederlanden. „Jugendliche und andere Insassen wurden dort von den Wärtern geschlagen. Einer beging Selbstmord, und ich war Zeuge davon“, erzählt er und zeigt Fotos von der Situation in der Einrichtung – und von den Verletzungen, die er sich selbst zugefügt hat.

Mohammad leidet an posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Auch im ärztlichen Gutachten ist die Rede davon, dass sich Mohammad immer wieder am ganzen Körper ritzt. Seine Aufenthalte in verschiedenen Asylunterkünften hätten sich immer wieder schwierig gestaltet und seien von vielen Unterbrechungen geprägt gewesen. Er habe, wie aus dem Gutachten eines Utrechter Arztes hervorgeht, „aufgrund seiner Weigerung, in eine Einrichtung unter Aufsicht eingewiesen zu werden, seinen Anspruch auf Unterbringung in eine Struktur für Asylsuchende (COA) verloren“.
Dies führte dazu, dass er einige Zeit auf der Straße lebte. Eine Zeit lang wohnte er in einer Studentenwohnung und arbeitete bei einer niederländischen Warenhauskette in der Kommissionierung. Und er fand eine Freundin, eine COA-Mitarbeiterin, die schwanger wurde. Er hatte bereits mit seiner Freundin in Jordanien einen Sohn. Immer wieder spricht Mohammad von seiner sich verschlimmernden Situation. „Auf keinen Fall will ich in eine geschlossene Einrichtung zurück“, sagt er. Die Erlebnisse in den Niederlanden haben ihn erst recht traumatisiert, wie auch ein Gutachten seiner Psychologin bestätigt. Über die Umstände seiner Flucht spricht er nicht. Neben posttraumatischen Stresssymptomen leidet er an Angststörungen und Depressionen.
Mangel an Betreuung und Therapieplätzen
Mohammad ist einer von vielen traumatisierten Flüchtlingen, die an den Folgen von Krieg, Folter und Flucht leiden. Für die meisten fehlt es an geeigneten Betreuungsmöglichkeiten. Laut internationalen Untersuchungen wie einer der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health aus dem Jahr 2020 sowie zahlreichen anderen Studien leiden 30 Prozent der Geflüchteten an psychischen Erkrankungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen und benötigen eine psychotherapeutische Hilfe, bei sechs bis sieben Prozent besteht eine akute Not, bei etwa 40 Prozent wurden zumindest depressive Symptome festgestellt. Andere Studien liegen sogar darüber. In den meisten Ländern, etwa in Luxemburg und Deutschland, erhält nur ein Bruchteil diese Hilfe in Form von Betreuung und Therapie, genauer: nur drei Prozent. Doch die Betreuung ist oft nicht ausreichend. Selbst für die einheimische Bevölkerung gibt es zu wenige Therapieplätze, die Wartelisten sind häufig lang.
30
Prozent der Geflüchteten leiden an psychischen Erkrankungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen
Einzelne Vorfälle von Gewalt, die von Geflüchteten ausging, haben dazu geführt, dass diese als Sicherheitsrisiko, als „Gefährder“, betrachtet werden. Die Verschärfung der EU-Asylpolitik hat den Fokus auf Abschiebungen gerichtet – nach dem Motto: Weniger Flüchtlinge, weniger Probleme. Dabei weiß man inzwischen, dass Gewalt aufgrund psychischer Erkrankungen sich in erster Linie gegen die Person selbst – als Autoaggression – und nur in Ausnahmefällen gegen andere richtet, erklärt der Experte Lukas Welz von der deutschen Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) in einem Interview mit der Organisation Pro Asyl. So kommt es zur pauschalen Stigmatisierung der Betroffenen. Problematisch in dieser Hinsicht sind in diesem Zusammenhang auch die von der Europäischen Union eingeführten und von Minister Gloden gepriesenen Screening-Verfahren. Denn die Erfassung psychischer Störungen durch ein Screening wird zurzeit vor allem als sicherheitspolitische Maßnahme betrachtet.
Nicht auszudenken wäre ein Register psychisch kranker Flüchtlinge. Davon abgesehen, dass sich eine traumatisierende Erfahrung während der Flucht noch verschlimmert, die Flucht demnach erneut zum Trauma würde. Die Flucht an sich, der lange Aufenthalt in Einrichtungen zusammen mit Menschen aus anderen, fremden Kulturen, die Lager, Containergebäude und Hallen, die in den Augen der Betroffenen wie Gefängnisse sind, die monate- oder gar jahrelangen Verfahren und das schier endlose Ausharren in Ungewissheit führen zur Retraumatisierung, zu Belastungsstörungen, Depressionen, Suizidgedanken.
Derweil lebt Ardwan in seiner eigenen Welt. Was den Elfjährigen betrifft, der bald Geburtstag hat, sei auf die EU-Aufnahmerichtlinie verwiesen, die Menschen mit Behinderungen zu den Personen zählt, die besonders schutzbedürftig sind. Der Staat hat also die Pflicht, sie angemessen zu versorgen und zu schützen. Doch der Junge aus dem Norden Iraks, dessen Vater ihm ein glückliches Leben in Europa schenken wollte, hat nichts davon.