Forschung
Was LGBTIQ+-Menschen in Luxemburg fordern – und wovon sie träumen
Das „Laboratoire d‘études queer, sur le genre et les féminismes“ (LEQGF) präsentierte am Mittwoch die Ergebnisse des Projekts „Luxembourg LGBTIQ+ Panel“. Ein Blick auf die Lebensrealität queerer Menschen im Großherzogtum – und darüber hinaus.
Sandy Artuso (l.) und Enrica Pianaro (r.) bei der Präsentation der Forschungsergebnisse des „Luxembourg LGBTIQ+ Panel“ Foto: Isabel Spigarelli
„Je ne vois personne comme moi dans la rue au quotidien“ – das ist nur eine der Aussagen, die im Zuge der „Luxembourg LGBTIQ+ Panel“ von LEQGF gefallen sind. „Wir haben uns von dem Projekt erhofft, Menschen zusammenzubringen und die Sichtbarkeit von LGBTIQ+-Personen in Luxemburg zu erhöhen“, sagte Enrica Pianaro vom LEQGF bei der Präsentation der Ergebnisse der „Luxembourg LGBTIQ+ Panel“. An ihrer Seite: Sandy Artuso und Josée Thill, die zwei weiteren Mitglieder von LEGQF.
Luxembourg LGBTIQ+ Panel
Das Team organisierte zwischen März 2024 und Juni 2025 vierzehn Fokusgruppen (u.a. „femmes queer“, „frontalier-ères queer“, „seniors queer“). Die Idee? Daten zur Lebensrealität von LGBTIQ+-Menschen mit Verbindung zu Luxemburg und der Grenzregion erheben. Aus erster Hand, mittels Gruppengesprächen. 52 Personen folgten ihren Aufrufen, viele davon haben einen internationalen Hintergrund. Die anvisierte Zielgruppe waren Menschen ab 16, die sich selbst als LGBTIQ+ identifizieren.
Das LEQGF engagiert sich ehrenamtlich, wurde bei seiner Arbeit jedoch von rund 20 Partnerorganisationen, dem Ministerium für Gleichstellung und Diversität sowie dem Ministerium für Familie, Solidarität, Zusammenleben und Unterbringung von Flüchtlingen unterstützt. Die Liste ist auf lgbtpanel.lu einsehbar. Genauso wie die Resümees der einzelnen Fokusgruppen, illustriert von der Künstlerin Marine Henry. Der Abschlussbericht soll bald folgen.
Die Ergebnisse
Das Team machte bei der Analyse der Panels acht Themenschwerpunkte aus, darunter das Coming-out, die Intersektionalität und das Bildungswesen. Sandy Artuso fasste die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und verwies auf Gemeinsamkeiten zwischen den Gesprächsgruppen. „Die dominierende Heteronormativität beschäftigt fast alle unsere Teilnehmer*innen: Die Annahme, dass jeder Mensch heterosexuell und cis [Person, deren Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihr bei der Geburt aufgrund körperlicher Merkmale zugewiesen wurde, d.Red.] ist, vermittelt vielen das Gefühl, nur toleriert statt akzeptiert zu werden“, so Artuso. „Sie wählen mit Bedacht, wann sie ihre sexuelle Orientierung oder ihre Genderidentität offen ausdrücken – aus Angst vor Ausgrenzung.“
Das Bildungswesen ist dahingehend kein sicherer Ort, wie sich im Laufe der Präsentation bestätigte. Weder für LGBTIQ+-Angestellte noch für die Schüler*innen oder Studierenden. „Die Gewalt kommt nicht nur von Gleichaltrigen, sondern auch von den Lehrkräften“, berichtete Artuso.
Damit es besser wird
Gemeinsam mit Pianaro erinnerte sie mehrfach daran: LGBTIQ+-Menschen haben vielfältige Identitäten – und dadurch unterschiedliche Bedürfnisse oder Schicksale. Als Beispiel nannte Artuso eine lesbische, muslimische Asylbewerberin. „Sie war in ihrem Heimatland mit einem Mann verheiratet. Im Zuge der Asylprozedur in Luxemburg musste sie sich dafür rechtfertigen“, sagte Artuso. Initiativen zur sozialen Kohäsion würden sich zudem oft auf Nationalitäten beschränken und sich weniger mit Gender oder Sexualität befassen. Queere Senior*innen bräuchten derweil passende Angebote in ihrem lokalen Senior*innenclub und Betroffene genderbasierter Gewalt in queeren Beziehungen konkrete Anlaufstellen.
Weitere Projekte
Das LEQGF plant weitere Forschung zu Feminismus und Gender. Aktuell läuft das Projekt „Queering Urban History“ in Zusammenarbeit mit den „Deux Musées de la Ville“ in Luxemburg-Stadt. Mehr Infos: leqgf.lu.
Das LEGQF sieht Handlungsbedarf in fünf Aktionsfeldern – Forschung, Politik, Institutionen, Zivilgesellschaft und „action sociale“. Die Message an die Politik: „LGBTIQ+-Forderungen in den Kampf gegen faschistische Tendenzen integrieren.“ Die Communities äußerten zehn Bitten. Dazu zählen sowohl politische Maßnahmen wie die Stärkung der Gesetze gegen Diskriminierung als auch das Bedürfnis nach dezentralisierten queeren Aktivitäten und Treffpunkten.
„Am Ende jeder Fokusgruppe stand die Frage: ‚Wie würde ein queeres Luxemburg in deinen wildesten Träumen aussehen?‘“, erklärte Pianaro den letzten Slide der Powerpoint-Präsentation. Manche träumen von einem Altenheim „pour les gays“, andere vom Ende des Kapitalismus und der queeren Befreiung oder von der Pride als Feiertag. Ein anderer Wunsch müsste hingegen längst eine Selbstverständlichkeit sein: „De pouvoir être qui je veux et de ne pas avoir à me cacher.“