Neue Nationale Kampagne „AI4LUX“
Premier Frieden will Luxemburg zu Europas führender KI-Nation machen
Eine Partnerschaft mit der europäischen KI-Hoffnung Mistral AI soll die Verwaltung einfacher, Informationen zugänglicher, extreme Wetterereignisse vorhersehbarer und Medizin persönlicher machen. Über mögliche Folgen für Gesellschaft und Arbeitsmarkt wird kommende Woche eine Tripartite beraten.
Premier Luc Frieden hat hohe Ziele für sich und sein Land gesteckt: europäische Datensouveränität mit Luxemburg als Pionier Foto: Editpress/Alain Rischard
„Zukunftstechnologien entstehen nicht von selbst“, sagt Premierminister Luc Frieden. „Sie brauchen attraktive Bedingungen“, fährt Forscher Frieden fort. „Und die schaffen wir“, schließt Raumfahrer Frieden. Nein, Luxemburgs Regierungschef hat nicht plötzlich seine Persönlichkeit gespalten. Er ist lediglich für das Video zur neuen nationalen KI-Kampagne in drei unterschiedliche Rollen samt unterschiedlicher Kostüme geschlüpft.
Die Ambitionen von Premier-Forscher-Raumfahrer Frieden sind hoch. Luxemburg soll Europas führende Nation werden, wenn es um die konkrete Anwendung von Künstlicher Intelligenz geht. „Wir brauchen KI und wir wollen KI zu den Leuten bringen“, sagt Frieden am Mittwochvormittag im Luxembourg Learning Center, wohin der Premier zum Kick-off der Kampagne „AI4LUX“ geladen hat. KI ist Chefsache.
Luxemburgs Wirtschaft stärken und Europa souveräner machen
Um seine hochgesteckten Ziele zu erreichen, ist der luxemburgische Staat eine „weltweit einzigartige“ Partnerschaft mit dem französischen Unternehmen Mistral AI eingegangen, wie die Partner an diesem Tag mehrfach betonen. Mistral AI ist eines von Europas Vorzeige-Start-ups im Bereich KI, gegründet 2023 von Arthur Mensch, Timothée Lacroix und Guillaume Lample, die zuvor bei Meta und Google DeepMind forschten. Mit dieser Kooperation wolle Luxemburg vor allem drei Ziele erreichen, sagt Frieden. „Die Einführung von KI im öffentlichen Sektor beschleunigen, das luxemburgische KI-Ökosystem stärken und die europäische KI-Souveränität verbessern.“
Arthur Mensch, CEO von Mistral AI Foto: Editpress/Alain Rischard
„Auch für uns ist das eine sehr wichtige Partnerschaft“, sagt Arthur Mensch, CEO und Mitgründer von Mistral AI, der zur Vorstellung von „AI4LUX“ aus Paris angereist ist. Man wolle dem Rest von Europa zeigen, wie man mit den richtigen politischen und technologischen Ambitionen einen Einfluss auf die öffentlichen Dienstleistungen und die Arbeitsbedingungen in der Verwaltung haben könne, so Mensch. Dabei habe der Staat eine wichtige Rolle zu spielen: bei Bildung, der Medienkompetenz und den Lernprozessen sowie ganz allgemein bei der Verbreitung der Technologie.
Premierminister Frieden macht deutlich: „Eine KI im Dienste der Bürger, das ist das Ziel.“ Man wolle mithilfe der neuen Technologie die Lebensqualität aller Bürger steigern. Damit das gelinge, brauche es jedoch einen breiten gesellschaftlichen Dialog, so Frieden, es sei wichtig, „die Leute auf dem Weg nicht alleinzulassen“. Er wolle eine „wahre digitale Kultur“ im Land schaffen. Als Premierminister sehe er zuerst die Möglichkeiten von KI. „Offensichtlich braucht es auch einen bestimmten europäischen Rahmen an Regeln“, doch das dürfe nicht auf Kosten der Innovation geschehen. Frieden kündigte für die kommende Woche auch eine Tripartite zum Thema KI an. Am 12. März sollen Vertreter von Regierung, Patronat und Gewerkschaften in Senningen zusammenkommen, um gemeinsam über die Zukunftstechnologie und ihre Folgen für die Gesellschaft und den luxemburgischen Arbeitsmarkt zu beraten (siehe Kasten).
Gewerkschaften reagieren auf Ankündigung einer KI-Tripartite
Die Präsidentin des OGBL, Nora Back, zeigt sich angesichts der anstehenden Tripartite erfreut. „Wir haben diese ja beantragt“, so Back. Man habe durch die Auseinandersetzungen des vergangenen Jahres bereits viel zu viel Zeit verloren. Angesichts der Arbeitslosenzahlen und der geopolitischen Lage im Iran meint die OGBL-Präsidentin, dass auch eine klassische Tripartite angebracht wäre. „Wir sind im klassischen ‚cas de figure‘ der Polykrise“, sagt Back. Durch die steigenden Ölpreise würde auch die Inflation in Luxemburg wieder anziehen. Dabei gilt für die OGBL-Präsidentin jedoch eine rote Linie: „Eines steht fest: Wir wurden nicht zwei Jahre lang ignoriert, nur um jetzt einer Indexmanipulation zuzustimmen.“
Auch Patrick Dury, Präsident des LCGB, freut sich, dass Premierminister Frieden auf die Initiative der Gewerkschaftsunion OGBL-LCGB eingegangen ist. Die Idee einer KI-Tripartite habe sich aus Erfahrungsberichten aus den Unternehmen ergeben. „Der Wandel hat eine andere Qualität und schreitet mit einer anderen Geschwindigkeit voran, als wir bisher gekannt haben“, sagt Dury. Seien früher aus drei Arbeitsplätzen zwei gemacht worden, ersetze KI-gestützte Software den Menschen nun teilweise komplett. „Um eins klarzustellen: Wir wehren uns nicht gegen das Modell, wollen es jedoch richtig anleiten.“ Unter dem früheren Arbeitsminister sei man mit dem Vorstoß auf taube Ohren gestoßen, meint Dury. Umso erfreulicher, dass die Regierung den Vorschlag der Gewerkschaftsunion nun aufgegriffen habe. (siw)
Der Premier hat sich schon in der Vergangenheit immer wieder als Technooptimist gezeigt. Im Luxembourg Learning Center, zwischen Büchern und im Schatten der ehemaligen Hochöfen, erklärt er noch einmal seine Philosophie: Jede technologische Evolution habe das Leben – trotz Risiken und anfänglicher Rückschläge – besser gemacht, vom Automobil bis zum Flugzeug.
40 Millionen
Euro investiert der Staat in die Zusammenarbeit mit Mistral AI
Die Zusammenarbeit zwischen Luxemburg und Mistral AI hat bereits im vergangenen Jahr begonnen, als sich Frieden und Mensch im Rahmen des KI-Gipfels in Paris in der luxemburgischen Botschaft trafen. Mittlerweile hat Mistral AI auch ein Büro vor Ort in Luxemburg. Schon bald könnte die Partnerschaft erste Früchte tragen. „Wir sind in einer Schlüsselphase“, sagt Frieden, der am Mittwoch gleich mehrere Projekte vorstellt, die kurz vor der Vollendung stehen. Neben einer Anwendung, die extreme Wetterereignisse vorhersehbarer machen, und einem Chatbot, der das Gesetzesportal Legilux zugänglicher machen soll, arbeitet man zusammen mit Mistral AI auch an einem Projekt im Gesundheitsbereich. Hier sollen Patientendaten analysiert werden, um am Ende eine personalisiertere Behandlung zu ermöglichen. Einen kurzen Vorgeschmack gibt es auch auf „Le Chat“, einen Chatbot, der in Zukunft Beamte bei ihren täglichen Aufgaben unterstützen soll. So sollen zum Beispiel routinemäßige und zeitaufwendige Aufgaben an die KI delegiert werden, wie das Überprüfen von Listen, das Sortieren von Post oder das Klassifizieren von Dokumenten.
Weil es sich bei vielen dieser Dokumente um vertrauliche Informationen handelt, betont der Premier, dass diese Daten „nicht in irgendeiner Cloud“ liegen werden, „sondern auf unseren Plattformen“. „Die Daten verlassen die luxemburgische Infrastruktur nicht“, sagt Mistral-CEO Mensch. Daten-Souveränität ist einer der Kernpunkte der luxemburgischen KI-Strategie.
Die Partnerschaft mit Mistral AI kostet Luxemburg insgesamt 40 Millionen Euro an staatlichen Investitionen, sie belaufen sich vor allem auf Gelder für Lizenzen und Support. „Es ist nicht der Betrag, der zählt“, sagt Frieden. Es handle sich vielmehr um wichtige Investitionen in wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt. Dass die Luxemburger Regierung bei aller Souveränität auch weiterhin Verträge mit US-Techkonzernen wie Microsoft oder Google hat, darin sieht Frieden keinen Widerspruch. „Wir sind und blieben ein offenes Land.“