Krieg im Iran
„Ich habe 90 Millionen Angehörige im Iran“ – Der Künstler Alborz Teymoorzadeh zum Angriff auf sein Heimatland
Israel und die USA griffen am vergangenen Samstag den Iran an. Was geht Menschen aus dem Iran durch den Kopf, die nicht vor Ort sind? Einer von ihnen ist der Künstler Alborz Teymoorzadeh: 2024 wies die Luxemburger Regierung ihn aus, jetzt hofft er auf eine Zukunft in Belgien – während sein Geburtsland unter Beschuss steht.
Der Künstler Alborz Teymoorzadeh spricht mit dem Tageblatt über die Situation im Iran und worauf er jetzt hofft Foto: Editpress/Julien Garroy
„Ich habe 90 Millionen Angehörige im Iran, darunter auch Blutsverwandte“, sagt der iranische Künstler Alborz Teymoorzadeh dem Tageblatt. Damit beantwortet er die Frage, ob er aktuell um Familie und Bekannte im Iran bange. Seine Familie litt in den 1970er-Jahren unter der Islamischen Revolution und dem Regime unter Ayatollah Chomeini. Jetzt solidarisiert sich Teymoorzadeh mit dem ganzen Volk – und fühlt sich machtlos.
Erinnerungen unter Beschuss
Der Künstler verließ den Iran 2019 für ein Masterstudium in Architektur an der Universität Luxemburg, etablierte sich später als Künstler im Großherzogtum. Die Luxemburger Regierung verlängerte seine Aufenthaltsgenehmigung 2024 nicht und erkannte den künstlerischen Mehrwert seiner Arbeit ab. Trotz wärmster Empfehlungen aus der Szene und der Aussicht auf eine Festanstellung in Teilzeit in der Escher Kulturfabrik. Die Ausweisung löste im Kultursektor eine Welle der Empörung aus. Momentan lebt Teymoorzadeh in Belgien, wo er einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt hat. Die enge Verbundenheit zum Iran verlor er in der Zeit nicht.
Zur Person
Alborz Teymoorzadeh, 1987 im Norden des Irans geboren, zog 2019 zum Architekturstudium an der Universität Luxemburg ins Großherzogtum. Hier beteiligte er sich an mehreren Kulturprojekten. Auszüge seiner Arbeit sind auf Instagram (@alborztb) einsehbar.
„Die Meldungen über zerstörte Krankenhäuser und die getöteten Kinder ziehen dir den Boden unter den Füßen weg“, offenbart er. Es sind jedoch nicht nur die verheerendsten Angriffe, die den Künstler bewegen. „Krieg zerstört auch Alltagsorte, die das Leben und die Erinnerungen der Bevölkerung ausmachen“, sagt er. Er teilt den Link zum Kebab-Restaurant „Moslem“: Das Video zeigt Köche in Bewegung und Warteschlangen vor der Theke. Ein Traditionsladen, gegründet vor über 100 Jahren. „Jetzt liegt er in Schutt und Asche“, so Teymoorzadeh. „Er wurde bei den Angriffen zerstört. Ganz gleich, wer am Ende im Iran die Macht ergreift: Die Menschen vergessen nicht, was ihnen genommen wurde.“
Ähnliches gelte für die aufstrebende Kunstszene im Iran. „Es entstanden kürzlich neue Initiativen, wie das Kulturzentrum Kaarestan in Teheran. Es befindet sich in einem historischen Gebäude, dem Haus der ersten iranischen Opernsängerin Fakhereh Saba“, sagt Teymoorzadeh. „Der Programmschwerpunkt liegt auf hybrider Kunst und Soundarbeiten – aber wer weiß, ob das Gebäude heute noch steht. Jetzt herrscht Stillstand.“
Seine Worte wiegen schwer, trotzdem wirkt er unaufgeregt. Fast schon gelassen. Er führt das auf die Widerstandsfähigkeit des iranischen Volkes zurück. „Wir sind an Unruhen, Konflikte, Krieg gewöhnt“, meint der Künstler. „Im Laufe der Zeit haben wir Bewältigungsmechanismen entwickelt, um den Verstand nicht zu verlieren. Es ist tragisch, aber: Das ist unsere Stärke.“
(K)ein Hoffnungsträger
Der Schah-Sohn Reza Pahlavi ist für manche seiner Landsleute derzeit ein Hoffnungsträger, der den anhaltenden Unruhen im Land ein Ende setzen könnte. Pahlavis Vater war der letzte iranische Schah (1941-1979) und galt als autoritärer Herrscher. Er wurde im Zuge der Islamischen Revolution gestürzt und flüchtete mit seiner Familie. Reza Pahlavi, der in den USA lebt, positionierte sich in der Vergangenheit als Übergangsführer für eine demokratische Zukunft des Irans sowie als Gegner der Islamischen Republik. Er verurteilt die Attacken auf den Iran nicht. Teymoorzadeh schätzt ihn als Bedrohung ein.
Ich habe 90 Millionen Angehörige im Iran, darunter auch Blutsverwandte
Alborz Teymoorzadeh
Künstler
„Jetzt ist entscheidend: Wer handelt im Sinne des Irans?“, fragt der Künstler. Er zweifelt an Pahlavi, der in einem X-Beitrag sein Mitgefühl für die gefallenen amerikanischen Soldaten im Iran aussprach. „The Iranian people are forever in their debt“, schreibt er dort. Für Teymoorzadeh ist das ein Schlag ins Gesicht. „Jeder Tod ist bedauerlich. Die Tatsache, dass er die iranischen Opfer unerwähnt lässt, ist jedoch inakzeptabel. Er ist für mich kein Iraner.“
Der Künstler befürchtet, Pahlavi löse im Falle einer Machtübernahme eine weitere Gewaltspirale aus. Teymoorzadeh macht das an Pahlavis Vergangenheit fest und spricht von möglichen Rachegelüsten: „Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1980 wäre er dessen Nachfolger geworden, doch die iranische Verfassung wurde 1979 geändert – und so entging ihm diese Chance damals. Seine Rhetorik ist aggressiv und autoritär. Er will das Volk zum Schweigen bringen.“
Alternativen
Eine konkrete Alternative zu Pahlavi benennt Teymoorzadeh nicht, stattdessen holt er weiter aus: Die Wurzel der aktuellen Konflikte sei unter anderem die historische und gegenwärtige Kolonialisierung nicht-westlicher Länder. Diese reiche von der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte bis hin zu politischen Kämpfen um Ressourcen. „Im Iran herrscht derzeit offener Faschismus und wir sind uns dessen bewusst“, betont Teymoorzadeh. „Doch wir regeln das selbst. Es hilft uns nicht, wenn sich andere autoritäre Regime einmischen. Vor allem nicht, wenn die aus Interesse an Macht und Ressourcen einschreiten.“

Alborz Teymoorzadeh hält die offiziellen Gründe für den Angriff auf den Iran für wenig überzeugend Foto: Editpress/Julien Garroy
Die offiziellen Gründe für die Angriffe von Israel und den USA – darunter die Verhinderung der nuklearen Bewaffnung des Irans – überzeugen Teymoorzadeh nicht. „Wäre der Iran ernsthaft daran interessiert, hätte das Land längst eine Atombombe gebaut“, sagt er. „Die Angriffe zielen vielmehr darauf ab, die Unabhängigkeit des Irans zu verhindern. Die derzeitige politische Eskalation ist kindisch – zumal ein Staat (USA, d.R.) den Iran für die mögliche Entwicklung von Atomwaffen verurteilt, der selbst über solche verfügt.“ Am Ende äußert Teymoorzadeh mit Blick auf die Angreifer einen klaren Wunsch: „Lasst die Finger vom Iran.“