Interview zum Ostermarsch

„Die Leute haben mehr Angst“: Über eine Renaissance des Pazifismus und die Folgen der Aufrüstung

Auch in diesem Jahr ruft die „Friddens- a Solidaritéitsplattform“ zum Ostermarsch auf. Das Tageblatt hat sich im Vorfeld mit Mitorganisator Raymond Becker unterhalten, über eine mögliche Renaissance des Pazifismus und den Unterschied zwischen „verteidigungsfähig“ und „kriegstüchtig“.

Traditioneller Ostermarsch der Friedensplattform mit Teilnehmern und Transparenten für Frieden und Abrüstung im letzten Jahr

Der traditionelle Ostermarsch der „Friddensplattform“ im vergangenen Jahr Illustration: Editpress

Tageblatt: Herr Becker, wir haben vor ziemlich genau einem Jahr miteinander gesprochen, vor dem Ostermarsch 2025. Seitdem wurde keiner der Kriege beendet, über die wir uns damals unterhalten haben. Stattdessen sind sogar neue Konflikte hinzugekommen.

Raymond Becker: Was internationale Politik angeht, stehen wir in einem starken Sturm. Das vergangene Jahr hat die Dinge auf vielen Ebenen verschlechtert. Momentan gibt es weltweit 60 Kriege mit 80 beteiligten Ländern. Wir haben damals über rasante Militärausgaben gesprochen, die noch immer steigen. Die gesamte Geopolitik wird immer aggressiver. Was dabei vielleicht nicht genug beachtet wird, ist der USA-China-Konflikt, der auf uns zukommt. Das ist eine Gefahr, die immer größer wird. Und was noch hinzukommt: Die Demokratie ist furchtbar unter Druck, in der Defensive. Ich bin skeptisch, wenn ich auf die aktuelle Situation schaue, aber man soll ja den Kopf nicht hängen lassen.

Die Menschen scheinen sich angesichts der vielen Konflikte mehr und mehr zu sorgen. Ist die Friedensbewegung in Luxemburg im vergangenen Jahr gewachsen?

Ich kann einen Vergleich ziehen, zwischen der Ankündigung unseres Ostermarsches im vergangenen Jahr und in diesem. Letztes Jahr standen die Ukraine und Russland im Zentrum der Aufmerksamkeit, die Leute waren sensibilisiert, es wurde über das Fünf-Prozent-Ziel der NATO diskutiert. Wir haben damals Reaktionen bekommen, aber nicht so viele wie in diesem Jahr. Dieses Jahr sind es deutlich mehr. Weil die Leute meiner Ansicht nach mehr Angst haben. Weil sie nicht wissen, wie sich die Situation, hauptsächlich im Nahen Osten, weiterentwickelt. Auch wegen des total erratischen US-amerikanischen Präsidenten, der drei Mal am Tag seine Meinung ändert. Die Leute sind heute mehr berührt, sie spüren, dass sie sich mehr engagieren müssen, was den Frieden im Allgemeinen angeht.

Zynisch könnte man sagen, die Leute sind mehr berührt, weil der Krieg im Iran durch die steigenden Spritpreise direkt in ihre Geldbeutel greift.

Das ist richtig. Aber dass durch diese Situation, die Blockade der Straße von Hormus, eine humanitäre Katastrophe im Sudan auf uns zukommt, die wir uns nicht vorstellen können, das interessiert keinen. Was interessiert, ist, dass man jetzt 20 Cent mehr für den Liter Sprit bezahlen muss. Es gibt keine Diskussion darüber, dass man jetzt vermehrt die öffentlichen Transportmittel nutzen oder vielleicht etwas langsamer fahren könnte. Das macht mich ein bisschen wütend. Dass die Preise für viele Leute ein Problem sind, verstehe ich. Aber ich finde es schade, wenn man nur auf sich schaut und die Auswirkungen drumherum einem völlig egal sind.

Wir müssen uns als Europäer selbst verteidigungsfähig machen, unabhängiger werden von den USA, aber mit Maß und Verstand

Kann eine Figur wie Trump zu einer Renaissance des Pazifismus führen? Ein Gegenmodell bieten zu dieser Art von aggressiver Politik?

Ich habe ja schon bei unserem letzten Gespräch gesagt: Ich bin kein klassischer Pazifist, ich bin ein friedensbewegter Mensch, der versucht, mit konkreten Initiativen aus einer Situation herauszukommen. Deshalb habe ich immer Schwierigkeiten, wenn jemand bei der Friedensbewegung mit solchen Schlagwörtern auffährt. Das klingt gut, hilft uns aber nicht weiter. Wir müssen die klassischen NATO-Strukturen überarbeiten, davon bin ich mehr und mehr überzeugt. Wir müssen uns als Europäer selbst verteidigungsfähig machen, unabhängiger werden von den USA, aber mit Maß und Verstand. Nicht einfach Milliarden in den Raum schmeißen.

Macht Luxemburg das Ihrer Meinung nach mit Maß und Verstand?

Die Regierung ist dabei, das Gesetz so zu ändern, dass wir hier auch Kriegswaffen herstellen können. Ich kann Ihnen nur verraten, dass wir als Friddensplattform dabei sind, uns mit anderen Partnern darauf vorzubereiten. Wir werden das sehr ernst diskutieren. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, mit Rüstungsindustrie könnte man seine Wirtschaft mittel- und langfristig auf stabile Beine stellen. Wir haben in Luxemburg in diesem Jahr die Milliardenmarke gerissen bei den Verteidigungsausgaben. Bis zu den fünf Prozent kämen nochmal mehrere Milliarden dazu. Wie das bezahlt werden soll, diskutiert keiner. Das ist einfach verrückt, das ist kein Maß und kein Verstand.

Der traditionelle Ostermarsch der „Friddensplattform“ im vergangenen Jahr

Der traditionelle Ostermarsch der „Friddensplattform“ im vergangenen Jahr Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Wie sieht denn maßvolle und vernünftige Verteidigungsfähigkeit aus?

Es wird in letzter Zeit viel über eine interessante Theorie diskutiert: die Stachelschwein-Strategie. Ein Stachelschwein ist eigentlich ein recht harmloses Tier, aber wenn man ihm zu nahekommt, dann kann es einen stechen. Darauf sollte man seine Verteidigungsstrategie aufbauen. Man muss sich verteidigen können, man muss aber seinem Gegner auch kommunizieren, dass er – sollte er angreifen – mit schweren Verlusten zu rechnen hat. Dafür braucht man heute aber keine extrem teuren und schweren Waffen mehr, Kriege werden heute anders geführt als früher. Es kommt weniger auf Panzer an als auf Drohnen, Luftverteidigung oder Cybersicherheit.

Diesen Ausführungen würde Verteidungsministerin Yuriko Backes (DP) kaum widersprechen, denke ich.

Das ist möglich (lacht). Ein Land muss verteidigungsfähig sein in einem Gesamtkonzept. Wir sind mit anderen Ländern in der Diskussion. Aber was diskutieren wir überhaupt in der NATO? Ich persönlich habe noch keine Verteidigungsstratgie der NATO gesehen, die öffentlich diskutiert wird. Ich rede bewusst von „Verteidigungsfähigkeit“ und nicht von „Kriegstüchtigkeit“, wie man in Deutschland sagt. Das ist falsch, das geht zu sehr in die Offensive.

Das Geld für die Aufrüstung muss irgendwo aufgetrieben werden. Auch in Sparten, in denen man sich das heute in Luxemburg noch nicht vorstellen kann.

Sie saßen für „déi gréng“ einst im Gemeinderat. Heute scheint die Partei, die aus der Friedensbewegung heraus entstanden ist, die Aufrüstung relativ geräuschlos mitzutragen.

Ich bin im Moment zahlendes Mitglied bei den Grünen. Nicht mehr und nicht weniger. Das müssen die mit sich selbst ausmachen. Das gilt aber auch für die LSAP, die sind auch nicht mehr die friedenspolitische Partei, die sie einst waren. Und das gilt übrigens auch für die Gewerkschaften, die sich immer als Teil einer friedensbewegten Gesellschaft gesehen haben. Machen sie heute auch nicht mehr in dem Maße.

Fehlt es der Friedensbewegung an politischer Repräsentanz in den Parteien und Institutionen?

Wir haben sehr lose Kontakte mit den Parteien, eher mit den Jugendorganisationen der Parteien, aber das ist auch nicht immer ganz einfach. Wir wollen nach dem diesjährigen Ostermarsch auch eine Initiative starten, um wieder stärker mit den Gewerkschaften ins Gespräch kommen. Einfach mal schauen, ob sich da gemeinsame Wege finden lassen. Man muss sich bewusst machen: Die Aufrüstung wird nicht heute oder morgen beendet sein. Das Geld muss irgendwo aufgetrieben werden. Auch in Sparten, in denen man sich das heute in Luxemburg noch nicht vorstellen kann. Das wird auch ins Soziale hineingehen.

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