Interview

„Die Iraner haben ihr Vertrauen in den Westen ein Stück weit verloren. Vor allem in Europa.“

Obwohl schon lange in Luxemburg lebend, ist Fari Khabirpour gut vernetzt mit der iranischen Community. Mit dem Tageblatt sprach er über die aktuelle Situation und einen möglichen Regimewechsel.

Fari Khabirpour setzt sich für ein Ende des Mullah-Regimes und eine demokratische Zukunft im Iran ein

Fari Khabirpour hofft auf ein Ende des Mullah-Regimes im Iran und auf eine demokratische Zukunft des Landes Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Tageblatt: Herr Khabirpour, Sie haben sich mit Ihrer Einschätzung zu einem möglichen militärischen Schlag gegen das iranische Regime früh an der öffentlichen Debatte beteiligt. Wie betrachten Sie die Lage heute?

Fari Khabirpour: Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen dem Land Iran und dem Regime, das dort nach wie vor regiert. Wenn man beide in einem Atemzug nennt, verliert man den tieferen Sinn dieses Landes aus den Augen. Der Iran ist ein uraltes kulturelles Gefüge, gewebt aus Poesie, Mystik und philosophischer Tiefe. Was heute regiert, ist nicht die Seele des Landes, sondern ein politisch-religiöses Machtgerüst, das sich seit Jahrhunderten seiner eigenen Legitimität vergewissert, statt dem Volk zu dienen. Die persische Kultur war immer stärker als jede Ideologie. Der Islam im Iran ist eine Form des Glaubens, die über politische Machtansprüche hereinbrach – wie einst eine Flut, die versucht, ein Land über seine natürlichen Grenzen hinweg zu fluten. Der Glaube der Menschen, ihre urbane Welterfahrung, ihre Dichtung – all das blieb bestehen, auch wenn die Machtelite versuchte, es zu überdecken.

Den Großteil der Bevölkerung bilden jedoch schiitische Muslime. Schah Mohammad Reza Pahlavi wurde 1979 durch die Islamische Revolution unter Ayatollah Chomeini gestürzt. Spielte bis dahin der Islam keine große Rolle im Iran?

Nicht in der Politik. Erst mit der Gründung der Islamischen Republik wurde die Religion Teil der politischen Ordnung und Führung. Nun erleben wir deren Ende. Zum Teil wurde der Islam den Muslimen aufgezwungen. Die Mullahs indoktrinierten jahrhundertelang insbesondere die einfachen Leute. Nachdem, was die Menschen alles erlebt haben unter dem Regime, sind sie heute nicht mehr so sehr dem Islam zugewandt wie zuvor. Im Iran war der politische Islam immer das Vehikel einer politischen Elite. Erst nach 1979 wurde Religion zur Staatsdoktrin, zur Norm, die alles Leben reglementierte. Die Menschen im Iran haben viele Jahre unter dieser Ideologie gelitten. Viele erlebten, wie Glauben zur Waffe wurde. Daraus entstand eine tiefe Ermüdung gegenüber jeder Form religiöser Machtpolitik. Das heißt nicht, dass Menschen ihre spirituellen Empfindungen verloren hätten. Es bedeutet aber, dass die Vorstellung eines politischen Islams als gesellschaftliche Leitidee heute kaum mehr eine Zukunft hat – sie ist verbraucht, überstrapaziert, entzaubert. Was wir sehen, ist der Anfang einer neuen Orientierung: die Hinwendung zu Vernunft, Freiheit und kultureller Selbstbestimmung.

Es gibt ja nicht nur den Islam des Regimes, sondern anderer Gruppen wie die der Volksmudschahedin, eine der größten oppositionellen Gruppen.

Es war in der Tat möglich, dass sich eine konservative Gruppe mit einer linksgerichteten Gruppe wie die der Volksmudschahedin 1979 zusammentat, um den Schah zu stürzen. Diese warfen ihm vor, das Volk unterdrückt zu haben und gleichzeitig Paläste errichtet zu haben. Die Mullahs kamen mit der Unterstützung der Linken an die Macht. Nachher ließ Khomeini jeden von ihnen, der nicht das Land verließ, systematisch umbringen.

Handelt es sich also um eine Renaissance der Monarchie? Die jüngsten Demonstrationen in europäischen Städten wie etwa in München zeigen, dass es sehr viele Schah-Anhänger gibt. Von einer Schah-Nostalgie ist sogar die Rede.

Renaissance ist ein starkes Wort. Viele Iraner, auch im Exil, schauen mit Nostalgie auf die Zeit vor 1979. Was sie wirklich suchen, ist nicht die Rückkehr einer früheren Ordnung, sondern die Rückkehr der Würde, der Freiheit und eines Landes, das sich nicht länger von Angst und dogmatischer Finsternis beherrschen lässt. Im Iran gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts eine intensive Auseinandersetzung mit demokratischen Ideen, parlamentarischer Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit. Schon lange vor dem Schah – in den Quellen von Philosophen, Mystikern und Dichtern – findet man eine Sehnsucht nach einem Menschsein, das nicht durch Gewalt und Repression erstickt wird. Ich hoffe, dass es sich um eine Renaissance der Vernunft handelt. Anders als in Ländern wie Afghanistan, das von den Taliban beherrscht wird und wo die Religion eine ganz andere Rolle spielt. Die persische Kultur ist eine ganz andere. Zwar stand sie jahrhundertelang unter dem Einfluss des Islam, hat ihn aber nicht komplett angenommen.

Der Iran besitzt eine organische Kontinuität, eine urbane Zivilisation, die nur schwer zu zerstören ist

Ist ein Übergang zur Demokratie realistisch? Sind nicht unkalkulierbare Zustände wie nach den Militärschlägen des Westens gegen den Irak oder Afghanistan zu befürchten?

Die Angst vor einem Irak- oder Afghanistan-Szenario ist nicht unbegründet. Doch der Iran ist historisch, kulturell und politisch kein fragiles Gebilde. Er besitzt eine organische Kontinuität, eine urbane Zivilisation, die nur schwer zu zerstören ist. Es ist die Ironie der Geschichte, dass ein Land, das seit Generationen von äußeren Interventionen und inneren Machtkämpfen zerrieben wurde, heute vielleicht jene Kraft entfaltet, die es immer schon hatte: die Kraft zur Selbstbestimmung.

Was sagt das über die Zukunft?

Sie liegt nicht in einem äußeren Imperativ, sondern in der Entfaltung jener inneren Stärke, die das iranische Volk seit Jahrhunderten trägt: seine Kultur, seine Kunst, seine Poesie. Der Iran hat eine Chance, eine echte demokratische Chance. Aber sie hängt davon ab, dass sich Oppositionsgruppen verbinden, dass freie Wahlen möglich werden und dass demokratische Werte – Menschenrechte, Gleichstellung und Rechtsstaatlichkeit – nicht nur Worte bleiben.

Pahlavi soll als Integrationsfigur dienen. Ziel sind demokratische Wahlen.

Wie soll es nun weitergehen?

Die Hoffnung besteht darin, dass der Schah-Sohn Reza Pahlavi genügend Unterstützung findet. Er betonte mehrmals, dass er nicht gekommen sei, um Monarch zu werden, sondern um die verschiedenen Oppositionsbewegungen zu einen. Das Problem war lange deren Zerstrittenheit. Pahlavi soll als Integrationsfigur dienen. Ziel sind demokratische Wahlen. Die Demokratie hat im Iran eine Chance. Pahlavi braucht allerdings die Unterstützung der USA.

Das Regime wird gestützt von der Revolutionsgarde. Wie ist die einzuschätzen?

Die Revolutionsgarde ist keine demokratische Triebfeder. Sie ist ein Machtblock, ein Staat im Staat, der aus einem repressiven System hervorgegangen ist und davon profitiert. Eine gereifte Gesellschaft aber sucht keine autoritären Schutzmächte. Sie sucht Freiheit – nicht Ersatz-Hierarchien.

Apropos Schutzmacht. Wie wird der Westen im Iran gesehen?

Viele Iraner dachten, der Westen würde sie sehen, hören und verstehen. Doch sie sehen, dass wirtschaftliche Interessen oft lauter sind als die Stimme der Gerechtigkeit. Das hat Enttäuschung hervorgerufen, nicht Gleichgültigkeit. Die Iraner haben ihr Vertrauen in den Westen ein Stück weit verloren, vor allem in Europa. Sie rechneten mit einer internationalen Solidarität, aber diese kam auf politischer Seite nicht. Die Europäer haben die Menschen im Iran nicht unterstützt, sondern mit einem kriminellen Regime weiter Geschäfte betrieben. Am meisten Deutschland, aber Frankreich war nicht besser. Selbst als das Regime Russland bei seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine unterstützte, wurden noch Geschäfte gemacht. Wenn wir aber schon über die fehlende internationale Solidarität sprechen: Vor allem viele Linke in Europa haben sich beim Gaza-Krieg mit den Palästinensern solidarisiert. Überall hieß es „Free Palestine“. Über die Massaker im Iran war von ihnen nichts zu hören. Dabei sind, obwohl es keine offiziellen Zahlen gibt, rund hunderttausend junge Perser von der eigenen Regierung ermordet worden. Und die Welt schaute zu.

Fari Khabirpour

Er kam 1960 mit seinen Eltern aus dem Iran nach Luxemburg und wuchs im Großherzogtum auf. Der Psychologe und Psychotherapeut war unter anderem Leiter des SOS-Kinderdorfes, des „Centre de psychologie et d’orientation scolaires“ (CPOS) beim Bildungsministerium und des „Centre de rétention“. Der Autor mehrerer Bücher und Schriften gehört der Glaubensgemeinschaft der Bahá’í an. Die schiitisch-orthodoxen Autoritäten sehen in der modernistischen und reformorientierten Bahá’í-Lehre eine existenzielle Bedrohung, als direkten Angriff auf ihre Macht und Ordnung. Seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert wurden Bahá’í deshalb wiederholt diskriminiert und – nach der Revolution von 1979 in einer systematischen staatlich geförderten Kampagne – verfolgt, inhaftiert und getötet.

1 Kommentare
Fraulein Smilla 04.03.202612:35 Uhr

Khomeini kam mit Hilfe der Linken an die Macht und gleich nach der Machtergreifung liess er diese ueber die Klinge springen .Da hatten wohl einige Traeumer die politische Intelligenz des alten Mannes unterschaetzt . Dass die Volksmudschahedin im Krieg gegen den Irak an der Seite Sadams kaempften, haben die Iraner bestimmt nicht vergessen ..

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