Gastbeitrag
Die Gewalttätigkeit des Wissens
Als epistemische Gewalt wird die Gewalt auf der Ebene des Wissens bezeichnet. In postkolonialen Ansätzen bedeutet dies vor allem, dass der Westen mit Beginn der Kolonisierung bestimmt und wertet, was als „Wissen“ anerkannt wird. Neben einer systematischen Zerstörung von Wissen der kolonisierten Gesellschaften in der Zeit des Kolonialismus führt dieses „westliche Wissen“ dazu, dass bis heute noch eine Abwertung von unter anderem indigenem Wissen stattfindet. Daneben resultiert dies in einer indirekten Leugnung der Geschichte(n) der kolonisierten Völker.
Ein Zusammenhang zwischen Schädelform und psychischen Merkmalen ist wissenschaftlich heute längst widerlegt und ausgeschlossen Foto: dpa/Christian Charisius
Neben den oben angeführten Punkten gibt es noch andere Faktoren, die dazu führen, dass nicht der Begriff „Einfluss“, sondern „Gewalt“ in diesem Kontext benutzt wird. Wenn Claudia Brunner von einem „Effekt der Normalisierung und Rechtfertigung von anderen Gewaltformen direkter und indirekter Art“ spricht, dann verweist sie darauf, dass das Wissen und somit auch die Wissenschaft nie unabhängig war. Aus dem Verständnis von Wissen entwickeln sich Überlegenheitsgefühle, die historische geopolitische Konsequenzen hatten und bis heute haben. Nicht ausschließlich, aber vor allem das westliche Wissen steht in einem direkten Zusammenhang mit anderen Gewaltformen.