Politik
Der Experte Rémy Bonny offenbart: So vernetzt sind Anti-Gender-Bewegungen in Europa und der Welt
Die belgische NGO „Forbidden Colours“ deckt die Verbindungen von frauen- und queerfeindlichen Gruppierungen weltweit auf. Der Direktor Rémy Bonny spricht mit dem Tageblatt über die Finanzierung sowie die Organisation der Bewegungen – und darüber, welche Rolle Luxemburg dabei spielt.
Rémy Bonny ist der Direktor der NGO „Forbidden Colours“ und beschäftigt sich intensiv mit Anti-Gender-Bewegungen weltweit Quelle: Privat
Rémy Bonny ist online zum Tageblatt-Interview zugeschaltet. Der Politikwissenschaftler und Aktivist gilt als Experte für ultrakonservative, antidemokratische Netzwerke und deren Einfluss auf LGBTIQ+-Rechte in Europa. „Die Anti-Gender-Bewegungen in Europa gleichen einem Spinnennetz“, sagt er. „Sie setzen sich aus zivilgesellschaftlichen, religiösen und politischen Gruppierungen zusammen.“ Diese seien in Europa aktiv, stünden jedoch oft in Verbindung mit Russland oder den USA, vor allem finanziell.
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2025 publizierte das „Forum for Sexual and Reproductive Rights“ des Europäischen Parlaments den Bericht „Next Wave: How Religious Extremism Is Reclaiming Power“ und hielt fest: Zwischen 2019 und 2023 beliefen sich die Ausgaben zur Förderung von Anti-Gender-Bewegungen in Europa auf 1,18 Milliarden US-Dollar. Russland war in dem Zeitraum mit 211,9 Millionen US-Dollar größter Einzelinvestor. Über die Hälfte des Gesamtbudgets kam aus 28 europäischen Ländern wie Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Polen oder Spanien. Mindestens 171 Millionen US-Dollar des Budgets von Anti-Gender-Bewegungen sind öffentliche Gelder, stammen also aus Staatsbudgets und EU-Mitteln.
„Wir beobachten, dass religiöse Initiativen zu staatlich organisierten Strukturen heranwachsen“, merkt Bonny an. Als Beispiel nennt er Ungarn: „Die Regierung von Viktor Orbán (Fidesz) finanziert und organisiert gezielt europäische Anti-Gender-Aktivitäten.“ Das „Mathias Corvinus Collegium“ (MCC), eine von Orbán gegründete Elite-Universität, betreibt seit 2022 eine Niederlassung in Brüssel. Die Verantwortlichen beschreiben das MCC als „Europas wichtigsten Thinktank“. „Sie organisieren fast monatlich Anti-LGBTIQA-Events“, weiß Bonny. „Häufig in exklusiven Locations und unter Einbindung europäischer Politikerinnen und Politiker.“

Die Budapest Pride 2025 fand trotz Verbot durch die ungarische Regierung statt und erfuhr viel Zuspruch Foto: Attila Kisbenedeck/AFP
2025 veranstaltete die MCC die Konferenz „Women and Conservatism“. Eine der zentralen Fragen gibt die Richtung vor: „What does conservatism offer her – and why aren’t more convinced?“ Die belgische EU-Abgeordnete Barbara Bonte von der rechtspopulistischen Vlaams Belang zählte zu den Sprecherinnen. Ein anderes Event befasste sich mit dem Thema „Does gender self-identification threaten women’s rights and child safety?“. Die Psychotherapeutin Stella O’Malley, die MCC-Gastforscherin Ashley Frawley und die österreichische Politikerin Faika El-Nagashi (ehemals Die Grünen) waren eingeladen. O’Malley und El-Nagashi gelten als transfeindlich. El-Nagashi trat 2025 wegen Differenzen zu den Rechten von trans Personen aus ihrer Partei aus. Frawley präsentierte bei der Konferenz eine Recherche, in der von „extremist policies of the trans lobby“ die Rede sein soll.
Einfluss aus Russland und den USA
„Ungarn orientiert sich an Russland“, so Bonny. „Russland nutzt Ungarn als Trojanisches Pferd, um ins EU-Parlament einzuziehen.“ In dem Zusammenhang erwähnt er Katalin Novák (Fidesz), Ungarns ehemalige Präsidentin (2022-2024) und Familienministerin (2018-2022). 2023 begnadigte sie den stellvertretenden Direktor eines Waisenhauses, der wegen der Verwicklung in pädokriminelle Vorfälle im Heim verurteilt wurde. Ein Skandal, wegen dem Novák zurücktrat. „Bereits vor ihrem Amtsantritt pflegte Novák Kontakte zu Russland, was ihre politische Karriere vermutlich begünstigte“, sagt Bonny. „Sie engagierte sich in internationalen Anti-Gender-Bewegungen. 2017 brachte sie den ‚World Congress of Families‘ (WCF) zur Verteidigung ‚traditioneller‘ Familien nach Budapest. Russland finanzierte das Event mit.“
Russland nutze die Anti-Gender-Rhetorik aber auch innenpolitisch – und dies spätestens seit den Anti-Putin-Protesten 2011. „Das Regime stellte die LGBTIQ+ Community als inneren Feind dar, um Oppositionelle zu diskreditieren“, so Bonny. „Das ist politisches Kalkül und hat weniger mit der Verteidigung einer Ideologie zu tun.“
Schlüsselfiguren der russischen Anti-Gender-Bewegung seien der ultranationalistische Ideengeber Alexander Dugin und der Oligarch Konstantin Malofejew, der ihn finanziell unterstütze. Malofejew soll zudem der Hauptinvestor der pro-russischen Separatisten in der Ostukraine sein. Er steht seit 2014 auf der Sanktionsliste der EU. „Seine Gelder sind teils eingefroren, doch er investiert sein Crypto-Vermögen in unterschiedliche Organisationen“, sagt Bonny. Wichtig sei auch Vladimir Yakunin, ein Jugendfreund des russischen Präsidenten Wladimir Putin und ehemaliger Leiter der staatlichen russischen Eisenbahngesellschaft. Seine Ehefrau sei im WCF aktiv. Er selbst soll Mitbegründer eines Netzwerks sein, das Geld in ultrareligiöse Gruppierungen in Europa pumpe.
Neben Russland würden sich aber auch Anti-Gender-Bewegungen aus den USA – „eine Mischung aus MAGA-Zugehörigen und vermögenden evangelischen Kreisen“ – auf Europa auswirken. Eine der einflussreichsten Organisationen sei die christliche „Alliance Defending Freedom“ (ADF), die ein EU-Büro in Wien und Vertretungen in Brüssel unterhält. Die ADF bekomme Gelder unterschiedlicher Sponsoren, arbeite als juristische Unterstützerin konservativer Gruppen und bringe regelmäßig Stellungnahmen vor dem Europäischen Gerichtshof ein.
Was ist mit Luxemburg?
„Es ist schwer, ein Land ohne Verbindung zur Anti-Gender-Bewegung zu finden“, hält Bonny fest. Ist Luxemburg die Ausnahme? Im Bericht „Next Wave: How Religious Extremism Is Reclaiming Power“ ist das Großherzogtum nicht vertreten. Bonny ist auch keine internationale Anti-Gender-Organisation mit Ableger in Luxemburg bekannt. Er schätzt die hiesige Bevölkerung und Politik als progressiv ein, als Alliierte im Kampf für Frauen- und LGBTIQA+-Rechte. Das bedeute aber nicht, dass Luxemburg von den Auswirkungen der Anti-Gender-Bewegungen verschont bleibe. „Das Hauptziel ist häufig nicht, demokratische Wahlen zu gewinnen, sondern die Gesellschaft zu polarisieren und das politische System zu destabilisieren“, sagt Bonny.

Rémy Bonny fällt bisher nur eine direkte Luxemburger Verbindung zu Anti-Gender-Bewegungen im Ausland auf: der ADR-Politiker und EU-Abgeordnete Fernand Kartheiser Foto: Fred Marvaux
Er kommt auf den EU-Abgeordneten Fernand Kartheiser (ADR) zu sprechen. Der ehemalige Doppelagent für die Geheimdienste CIA (USA) und GRU (Russland) pflege Kontakte mit Anti-Gender-Akteur*innen aus den USA sowie aus Russland, weiß er. 2025 kostete ihn eine Moskau-Reise bekanntlich die Mitgliedschaft in der European Conservatives and Reformists (ECR), der rechtspopulistischen Fraktion im EU-Parlament. „Wir wissen, dass Kartheiser sich mit Vertretern aus Russland und der internationalen Anti-Gender Bewegung trifft, wie der ADF“, so Bonny. „Kartheiser ist ein Sonderfall: Er verheimlicht diese Verbindungen nicht.“ Russlands Interesse an Luxemburg erklärt Bonny sich mit Geld: Luxemburg bleibe ein wichtiger Finanzplatz.
Auswirkungen auf den Alltag
Politische und wirtschaftliche Wahrheiten, die nur bedingt spiegeln, wie sich Anti-Gender-Bewegungen auf Betroffene auswirken. Die Folgen seien vielfältig, so Bonny. Sie reichen von der Verabschiedung queerfeindlicher Gesetze über die Entlassung oder Benachteiligung homosexueller Lehrkräfte – beispielsweise in Ungarn – bis hin zum Suizid. „Anti-Gender-Gesetze führen nachweislich zu mehr Mobbing, eingeschränkten Hilfsangeboten und erhöhten Suizidraten unter Jugendlichen“, offenbart der Experte. „An den Händen dieser Politiker*innen klebt Blut.“
Doch lassen sich die Anti-Gender-Bewegungen noch aufhalten? „Es gibt keine ‚one size fits all‘-Lösung“, antwortet Bonny. „Wir brauchen Parteien, die Farbe bekennen, statt Anti-Gender-Bewegungen zu ignorieren. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dadurch nehme ihre Sichtbarkeit ab. Genauso wichtig ist es, in die Zivilgesellschaft zu investieren. Die Budgets werden europaweit gekürzt, Fördermittel aus den USA brechen weg. Ich verstehe, dass mehr EU-Gelder in die Verteidigungspolitik fließen, aber: Was nützen uns Waffen, wenn wir keine Zivilgesellschaft mehr haben, die unsere Werte verteidigt?“
Neben der Politik trage auch jede Einzelperson Verantwortung. „Wann immer Sie Hassrede auf Social Media beobachten – melden Sie die Vorfälle“, rät Bonny. Zwar bezweifelt er, dass die Plattformbetreibenden durchgreifen, doch er hält den digitalen Widerstand für essenziell. „Anti-Gender-Bewegungen erwecken den Eindruck, sie seien die gesellschaftliche Mehrheit. Das stimmt nicht“, warnt er. Am Ende plädiert Bonny für einen respektvollen Austausch: „Wir müssen taktvoll sein – und bereit zum Gespräch.“