Interview mit Iran-Expertin

„Das Regime kämpft gerade um seine Existenz“

Trotz Shutdown dringen Nachrichten aus dem Iran zu Gilda Sahebi in Berlin durch. Die Journalistin hat ein Buch geschrieben über den feministischen Aufstand nach dem Tod von Jina Mahsa Amini. Ein Gespräch über die aktuelle Lage im Land, den Zustand des Regimes – und die Bedeutung von Schah-Sohn Reza Pahlavi.

Demonstration in Berlin mit Hunderten Menschen, die den Tod von Revolutionsführer Ali Khamenei feiern

Am vergangenen Sonntag feierten auch in Berlin Hunderte Menschen den Tod von Revolutionsführer Ali Khamenei Foto: Christophe Gateau/dpa

Tageblatt: An Informationen aus dem Iran zu kommen, ist bekanntlich schwierig. Haben Sie gerade Kontakt zu Menschen vor Ort?

Gilda Sahebi: Ja, vereinzelt. Das Internet wurde wieder abgestellt am Samstagmorgen, direkt nach dem Angriff. Der Shutdown ist aber nicht so wie im Januar. Da ging mehr als zwei Wochen lang gar nichts durch. Jetzt ist es so, dass vereinzelt Nachrichten durchkommen und man auch miteinander schreiben kann. Das ergibt natürlich noch kein vollständiges Bild davon, was gerade los ist, aber schon mehr als nichts.

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Zur Person

„Das Regime kämpft gerade um seine Existenz“

Foto: Hannes Leitlein

Gilda Sahebi, geboren 1984 in Teheran, ist Journalistin, Autorin und Podcasterin. Sie arbeitet unter anderem für die ARD, den Spiegel und die taz. 2023 hat sie das Buch „Unser Schwert ist Liebe. Die feministische Revolte im Iran“ veröffentlicht. Ihr aktuelles Buch heißt „Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“.

Sehr unterschiedlich. Es kommt darauf an, wo die Menschen sind. In Teheran ist die Situation anders als irgendwo in der Provinz. Aus Teheran habe ich gestern (Sonntag, Anm. d. Red.) zuletzt Nachrichten bekommen, dass da sehr viel bombardiert wird, dass die Einschläge stark und mit hoher Frequenz erfolgen. Deswegen versuchen viele Menschen auch gerade, die Stadt zu verlassen. Eine Freundin hat mir geschrieben, dass ihre Verwandten in der Nähe des Evin-Gefängnisses wohnen und versuchen, Schutz auf dem Land zu finden. Das Gefängnis ist ein potenzielles Ziel. Im Juni letzten Jahres hat die israelische Armee auch hier angegriffen.

Was ich aber auch mitbekommen habe, war sehr viel Freude über die Tötung von Ali Chamenei, dem Revolutionsführer. Es mischt sich alles. Eine große Erleichterung in Teilen, weil Chamenei für viele Menschen das System verkörpert und dieses System für Gewalt und Repression steht. Gleichzeitig steckt man in einem Krieg und versucht irgendwie, sich und seine Familie zu schützen. Es gibt im Iran keine Schutzbunker wie in Israel. Das heißt, man ist sehr ausgeliefert.

Es ist fraglich, ob Chameneis Tod das Ende des Regimes bedeutet. Können Sie mit Ihren Kontakten vor Ort einschätzen, wie der Zustand des Regimes ist?

Nein, das kann niemand. Was man sagen kann: Es gibt jetzt wieder Kontrollen auf den Straßen. Das Regime will zeigen, dass es noch Macht hat und die Lage unter Kontrolle hat, was nicht stimmt. Denn das war schon verwunderlich: Am Samstagabend sind viele Menschen auf die Straßen gegangen und haben getanzt vor Freude. Das wurde nicht zerschlagen. Man wollte verhindern, dass etwas ausbricht. Wenn sie die tanzenden Menschen niedergeschossen hätten, dann hätte das sehr schiefgehen können für das Regime.

Aber ja, das System der Republik ist nicht weg, weil Chamenei getötet wurde. Gleichzeitig ist dieses Regime aber so schwach wie noch nie. Sowohl außenpolitisch als auch innenpolitisch. Die USA und Israel töten einen Vertreter nach dem anderen und sind der Islamischen Republik militärisch haushoch überlegen. Und innenpolitisch sitzt der größte Feind des Regimes im eigenen Land. Die Menschen haben nur noch Hass und Verachtung für dieses Regime übrig. Das ist eine Situation, die dieses System noch nie erlebt hat. Es kämpft gerade um seine Existenz.

Wie sieht es mit der Opposition im Land aus? In Europa gibt es die weitverbreitete Annahme, die sei vor allem pro-israelisch und pro-amerikanisch.

Diese ideologische Inanspruchnahme ist wirklich atemberaubend. Ich habe Freundinnen im Iran, die das Regime leidenschaftlich hassen. Eine dieser Freundinnen hat mir nach der Niederschlagung der Proteste geschrieben, sie wünsche sich, dass Israel und die USA in den Iran kommen. Weil, egal, wie viele Menschen die töten würden, das weniger seien als Chamenei getötet habe. Aber gleichzeitig ist sie auch sehr kritisch gegenüber Israel wegen Gaza. Es ist seltsam, anzunehmen, im Iran säßen 80 Millionen „pro-israelische“ Menschen. Die Situation ist wie in jedem Staat sehr differenziert. Die eine Opposition gibt es nicht im Iran. Das hat auch damit zu tun, dass das Regime jeglichen Widerstand seit 1979 mit extremer Gewalt ausgemerzt hat. Jede Person, die irgendwie herausragt oder Widerstand leistet, wird inhaftiert, gefoltert und getötet. Da kann es gar keine organisierte Opposition geben.

Gleichzeitig gibt es sehr viele Menschen im Land, die dieses Regime loswerden wollen. Die beispielsweise als Menschenrechtsanwälte arbeiten oder Aktivistinnen oder Musikerinnen oder Kulturschaffende, Studierende, junge Menschen. Diese Opposition gibt es, sie ist nur nicht organisiert.

Reza Pahlavi hat auch Unterstützer im Land, nicht nur außerhalb. Viele sehen ihn aber weniger als späteren Anführer, sondern eher als Hoffnungsfigur.

Gilda Sahebi

Journalistin und Autorin

In Luxemburg verurteilt der Außenminister den Angriff auf den Iran als Bruch mit internationalem Recht, in Deutschland ist man da zurückhaltender. Wie beobachten Sie die Debatte zur Einschätzung dieses Angriffs?

Wir haben das bei Venezuela gesehen oder bei Gaza oder bei Russland. Alle Leute benutzen das Völkerrecht, so wie sie es für richtig finden. Das sieht man auch an den Reaktionen der deutschen Bundesregierung, als Venezuela angegriffen und Maduro entführt wurde. Da hat man sich nicht besonders stark für das Völkerrecht eingesetzt und jetzt tut man das auch nicht. Ich meine, das ist offensichtlich ein völkerrechtswidriger Krieg. Da kann niemand ernsthaft sagen, das sei in irgendeiner Art und Weise vom Völkerrecht gedeckt. Damit bewerte ich nicht, ob der Krieg richtig oder falsch ist. Ich sage, das ist auf jeden Fall illegal. Aber das hört man so offen nicht von deutschen Politikern. Von manchen anderen Europäern schon.

In der iranischen Opposition im Exil fällt immer wieder der Name des Sohns des Schahs, Reza Pahlavi, als mögliche Figur, die eine Nachregimeordnung im Iran anführen könnte. Wie ist diese Person einzuschätzen?

Ich finde ihn sehr schwierig einzuschätzen. Er sagt, dass er nur als Mann des Übergangs dienen möchte, dass er das Land, wenn das Regime weg ist, in der Transitionszeit begleiten möchte, bis die Menschen im Iran selbst wählen können, wie es weitergeht, was für einen Staat, was für eine Staatsform sie wollen und welche Repräsentanten. Gleichzeitig spricht er immer sehr nationalistisch. Es geht immer zuerst um die territoriale Integrität, die Souveränität, nicht um Freiheit, Gleichberechtigung, Demokratie. Das macht unter anderem ethnische Minderheiten verständlicherweise sehr misstrauisch ihm gegenüber. Ob er sich wirklich nur als Mann des Übergangs sieht, das weiß am Ende nur er.

Pahlavi hat auch Unterstützer im Land, nicht nur außerhalb. Ich habe mit einigen Leuten gesprochen, die ihn unterstützen – aber nicht als späteren Anführer oder gar ideologisch, sondern als Hoffnungsfigur. Da ist zum ersten Mal eine prominente Figur, auf die man Hoffnung setzen kann, dass vielleicht endlich auch mithilfe dieses Menschen das Regime gestürzt wird. Er ist also eher eine Projektionsfläche.

Was sind Ihre Hoffnungen für die nächsten Tage?

Es ist unfassbar schwer einzuschätzen, was passieren wird. Ich hoffe, dass es so wenig zivile Opfer wie möglich gibt. Die Anschläge, die Angriffe gehen gerade unbeirrt weiter. Und laut Donald Trump sollen das noch mehrere Wochen sein. Man kann nur hoffen, dass gerade die Menschen, die ja die Quelle einer möglichen freiheitlichen Ordnung sind, nicht getötet werden auf dem Weg dorthin.

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