„Der männliche Körper ist nicht die Norm“
Beim „Fraestreik“ am 8. März rücken Aktivist*innen die körperliche und mentale Gesundheit von Frauen ins Zentrum
Tausende Menschen zogen am Sonntag durch Luxemburg, um am internationalen Frauentag für eine feministische Gesundheitspolitik zu demonstrieren. Zwischen politischen Forderungen erzählen Teilnehmerinnen auch persönliche Geschichten – von medizinischen Blindstellen, struktureller Ungleichheit und Gewalt.
Foto: Editpress/Alain Rischard
„Unser Gesundheitssystem ist sexistisch.“ Der Satz fällt klar und ohne Umschweife. Cleo Thoma vom CID Fraen an Gender steht auf der Bühne, die Stimme über Lautsprecher verstärkt. „Der männliche Körper wurde viel zu lange als universelle Norm betrachtet“, sagt sie. „Alles, was davon abweicht, wurde als Sonderfall behandelt.“
Das Wetter meint es gut an diesem Sonntagnachmittag. Über der Hauptstadt steht eine fast frühlingshafte Sonne, als sich auf der place de Paris Tausende Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten versammeln. Viele tragen violettfarbene Kleidung. Die Stimmung ist friedlich, aber entschlossen – und sie trägt eine klare Botschaft durch die Straßen der Stadt.
Organisiert wird der Marsch von der Plattform JIF („Journée internationale des femmes“), einem Netzwerk, das seit 2011 die Aktionen rund um den 8. März in Luxemburg koordiniert. In diesem Jahr rückt die Plattform bewusst die gesundheitlichen Folgen gesellschaftlicher Ungleichheit ins Zentrum. Denn Gesundheit, so der Ausgangspunkt, beginne nicht erst im Krankenhaus. Sie sei untrennbar verbunden mit Lebensbedingungen – mit Einkommen, Arbeit, Wohnsituation, Gewalt oder Diskriminierung.
Wenn Arbeit und Care krank machen

Natalia Kowbasiuk spricht über die Doppelbelastung vieler Frauen zwischen Beruf, Familie und Care-Arbeit Foto: Carole Theisen
Während sich der Demonstrationszug ab 14.00 Uhr von der place de Paris über die avenue de la Liberté in Richtung Oberstadt bewegt, werden diese Zusammenhänge in vielen Gesprächen spürbar. Für Natalia Kowbasiuk ist die Frage der Gesundheit eng mit der Realität vieler Frauen verbunden: „Frauen tragen immer noch eine doppelte Last – die Arbeit und das Zuhause. Und das ist schwer mit Gesundheit zu vereinbaren.“ Die gesellschaftliche Erwartung, gleichzeitig beruflich erfolgreich zu sein, Kinder zu erziehen und den Großteil der Care-Arbeit zu übernehmen, sei nach wie vor Realität. „Ich glaube, dass unsere Gesellschaft noch immer unterschätzt, welche Verantwortung Frauen tatsächlich tragen“, sagt sie.
Frauen tragen immer noch eine doppelte Last – die Arbeit und das Zuhause. Und das ist schwer mit Gesundheit zu vereinbaren.
Natalia Kowbasiuk
Diese strukturelle Überlastung ist auch ein zentrales Thema der Reden auf der Abschlusskundgebung.
„Wenn wir Gesundheit ins Zentrum dieses Marsches stellen, dann nicht als Symbol, sondern weil es eine Notwendigkeit ist“, erklärt Eolia Verstichdl von der Organisation „Innocence en danger“. „Unsere Körper sind keine Waren und keine Budgetvariablen. Schmerz, Krankheit und Erschöpfung sind keine individuellen Schwächen – sie sind das Ergebnis eines Systems, das Frauen und marginalisierte Menschen aufreibt.“

Rita Rommerskirchen berichtet von eigenen Erfahrungen mit medizinischen Fehldiagnosen und davon, wie Beschwerden von Frauen oft lange nicht ernst genommen werden Foto: Carole Theisen
Viele der Demonstrierenden erleben diese Realität ganz konkret. Rita Rommerskirchen erinnert sich an eine Erfahrung aus ihrer Jugend: „Mit 17 hatte ich plötzlich starke Krämpfe. Ich bin ein Jahr lang von Arzt zu Arzt gegangen.“ Die Reaktionen waren ernüchternd. „Mir wurde gesagt: Du hast nichts, stell dich nicht so an.“ Erst ein Jahr später stellte sich heraus, dass geplatzte Zysten die Ursache der Schmerzen waren. Für Rommerskirchen zeigt diese Erfahrung ein strukturelles Problem. „Die Möglichkeit, dass es eine spezifische Frauenkrankheit sein könnte, stand damals überhaupt nicht zur Debatte“, sagt sie. Dass medizinische Forschung lange vor allem den männlichen Körper als Referenz genommen hat, ist ein wiederkehrendes Thema auf der Demonstration.
Die Folgen seien konkret spürbar. „Das bedeutet Krankheiten, die nicht erkannt werden, Schmerzen, die bagatellisiert werden, Symptome, die psychologisiert werden“, sagt Cleo Thoma. „Das sind keine individuellen Frauenprobleme. Das sind politische Gesundheitsfragen.“
Selbstbestimmung über den eigenen Körper

Die Ärztin Audrey Weinquin spricht über strukturelle Ungleichheiten im medizinischen Alltag und über Erwartungen gegenüber Frauen im Gesundheitssystem Foto: Carole Theisen
Auch im medizinischen Alltag selbst erleben viele Frauen strukturelle Ungleichheiten. Audrey Weinquin, Ärztin, berichtet: „Es kommt oft vor, dass Patienten überrascht sind, wenn sie sehen, dass ich eine Frau bin. Wenn sie nur den Nachnamen kennen, gehen viele automatisch davon aus, dass der Arzt ein Mann ist.“ Diese Erwartung spiegele sich auch in Entscheidungsstrukturen wider. „Obwohl heute viele Medizinstudierende Frauen sind, werden wichtige Entscheidungen im Gesundheitswesen noch immer vor allem von Männern getroffen.“

Monique Hoffmann erinnert daran, dass Frauen früher für bestimmte medizinische Eingriffe – wie Sterilisationen – oft ins Ausland reisen mussten Foto: Carole Theisen
Monique Hoffmann, 66 Jahre alt, erinnert sich an ihre Erfahrungen aus früheren Jahrzehnten. „Ich weiß, dass in der Medizin viel weniger Forschung über Frauen gemacht wird“, sagt sie. „Und als ich jung war, war das noch deutlicher. Wer sich als Frau sterilisieren lassen wollte, musste oft ins Ausland fahren. Hier im Land hieß es damals: Die Frau muss mindestens 25 Jahre alt sein und zwei Kinder haben“, sagt Hoffmann. „Sonst ging das nicht.“ Die Entscheidung über den eigenen Körper sei damit lange Zeit stark eingeschränkt gewesen.

Laureen (r.) berichtet über die Schwierigkeiten, im System Gehör und Schutz zu finden. Carina (l.) erzählt von ihrem Kampf um Gerechtigkeit für ihre Tochter, die Opfer sexueller Gewalt wurde Foto: Carole Theisen
Für manche Teilnehmerinnen hat die Frage der Gesundheit auch eine andere Dimension – die Erfahrung von Gewalt. Laureen, 30, erzählt: „Mein Exmann war 33 Jahre älter als ich. Er hat mich schon mit 14 manipuliert.“ Über Jahre hinweg habe er sie schrittweise an sich gebunden, „gegroomt“. Mit 25 sei schließlich eine Beziehung entstanden.
Die Folgen seien gravierend gewesen. Und als sie schließlich Anzeige erstattete, geschah nichts. „Obwohl es Zeugen und Beweise gab, ist die Anzeige nie durchgegangen“, sagt sie. „Es wurde einfach unter den Teppich gekehrt. Man hat manchmal das Gefühl, junge Mädchen sind einfach Freiwild.“ Besonders dann, wenn sie in schwierigen Lebenssituationen sind oder auf der Straße landen. „Da gibt es noch sehr viele Lücken.“
Ähnliche Hilflosigkeit beschreibt Carina, 40, deren Tochter Opfer sexueller Gewalt wurde. „Ich habe zehn Anzeigen erstattet – keine wurde weiterverfolgt. Der Täter, der eigene Vater des Mädchens, arbeitet bis heute mit Kindern.“

Isabelle Marchand (r.), Direktorin des Frauenhauses „Maison Sichem“, spricht über die schwierige Situation von Frauen ohne Sozialversicherung nach Gewaltbeziehungen Foto: Carole Theisen
Auch Isabelle Marchal, Direktorin des Frauenhauses „Maison Sichem“, kennt diese Realität aus ihrer täglichen Arbeit. Besonders schwierig sei die Situation für Frauen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus. „Wenn eine Frau sich von einem gewalttätigen Partner trennt, kann sie ihre Aufenthaltserlaubnis verlieren“, erklärt sie. „Und damit verliert sie auch ihre Sozialversicherung.“ Im Frauenhaus müssten dann teilweise medizinische Kosten selbst übernommen werden. „Wenn diese Frauen nicht bei uns wären, könnten sie sich oft gar nicht behandeln lassen“, sagt Marchal. Gesundheit ist somit auch eine Frage von Sicherheit, Anerkennung und sozialer Gerechtigkeit.
Am Ende der Demonstration versammelt sich die Menge auf dem Knuedler. Die Botschaft des Tages lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den mehrere Rednerinnen wiederholen: „Unsere Gesundheit ist politisch.“ Sie hängt davon ab, wie Arbeit organisiert ist, wie Macht verteilt wird – und ob Erfahrungen von Frauen gehört werden.