Editorial
Vom nicht endenden sozialen und emanzipatorischen Kampf
Eine Nelke ist eine Nelke ist eine Nelke. Sie macht noch keine Revolution aus, hat aber hohen Symbolwert in Portugal. Foto: AFP/Patricia de Melo Moreira
Ein weitgehend unblutig verlaufener Militärputsch der linken „Bewegung der Streitkräfte“ (MFA) hat in Portugal vor 50 Jahren den „Estado Novo“, die älteste faschistische Diktatur Europas, beendet. Die Nelkenrevolution hat das Land nachhaltig verändert. Eine „unmögliche Revolution?“, fragt der Publizist und Zeitzeuge Phil Mailer in seinem gleichnamigen Buch. Der junge Ire arbeitete damals als Lehrer in Lissabon – und blieb dort. Es war ein Moment der Utopie, in dem alles möglich schien. Es gab Fabrik- und Landbesetzungen und ging um die Selbstverwaltung der Betriebe durch die Arbeiter. Die „unvollendete Revolution“, wie manche sagen, währte nur kurz, doch der Weg zu einer stabilen Demokratie und mit ihr auch zur Integration Portugals in die Europäische Gemeinschaft, die spätere Europäische Union, war geebnet. Allerdings liegt über dem Gedenken von heute und über dem romantisch verklärten Bild von der antifaschistischen Revolution der Schatten des jüngsten Rechtsrucks und des Aufstiegs der rechtspopulistischen und rechtsextremen Partei Chega. Ihr Erfolg bei den Wahlen ist ein politischer Rückschritt. Dabei ging es einst um Freiheit und Gerechtigkeit. Die Erinnerung an die Errungenschaften der MFA bleibt vor allem unter jenen Portugiesen lebendig, die noch heute mit Nelken der Revolution gedenken.