Leserbrief
Satire im Jahre 2021, Wirklichkeit im Jahre 2031?
Heul’ doch: Heutzutage sind viel zu schnell alle möglichen Gefühle verletzt, finden unsere Leserbriefschreiber
Im Zuge der ominösen Capitani-Casting-Affäre scheint es an der Zeit zu sein, drastische Entscheidungen zu treffen und – und es handelt sich hier nur um einen Anfang – zu verlangen,
– dass in Zukunft kein deutscher Schauspieler mehr zurückbehalten wird, um einen Nazi darzustellen, da sonst das Vorurteil aufrechterhalten wird, dass alle Deutschen Nazis sind;
– dass für einen Film über die Republik Kongo kein schwarzer Schauspieler auserkoren wird, um die Rolle Mobutus zu spielen, da sonst das Vorurteil aufrechterhalten wird, dass alle schwarzen Präsidenten Tyrannen sind;
– dass in Zukunft keine weibliche Schauspielerin – man beachte unsere dreifache Genderung (keine weibliche Schauspielerin), die hoffentlich jede und jeden und jede*n und jede/n und jedeN davon überzeugen wird, dass wir dem Zeitgeist und der Zeitgeistin und Zeitgeist*in usw. huldigen – mehr genommen wird, um die Rolle einer hysterischen Frau zu spielen, da sonst das Vorurteil zementiert wird, alle Frauen seien hysterisch;
– dass in Zukunft kein weißer heterosexueller Mann über 40 mehr die Rolle eines skrupellosen Kapitalisten erhält, da sonst das Vorurteil bei den nicht weißen, nicht heterosexuellen, nicht männlichen, nicht skrupellosen, nicht kapitalistischen und relativ jungen Bevölkerungsgruppen – denn auch sie haben Vorurteile – aufrechterhalten wird, dass alle weißen heterosexuellen Männer über 40 skrupellose Kapitalisten sind;
– dass in Zukunft kein Piratenfilm mehr gedreht werden darf, in welchem die Piraten als Gesetzesbrecher dargestellt werden, da dadurch das Vorurteil gefördert werden könnte, dass die Mitglieder der Piratenpartei alle Gesetzesbrecher sind;
– dass in Zukunft kein Film mehr gedreht werden darf, in welchem Wölfe oder Wölfinnen oder WölfINNeN oder Wölf*inn*e*n Menschen angreifen, da dadurch Vorurteile gegen diese jetzt auch bei uns beobachtete Tierart genährt werden könnten, was der vom Gesetz anerkannten Würde der Tiere widersprechen würde;
– dass in Zukunft kein Schauspieler, keine Schauspielerin usw. mehr genommen wird, dessen, deren usw. Vorname Gottfried, Théophile, Théodore, Gottlieb, Gotthelf, Dieudonné, Jesus, Moses, Abraham, Mohammed, Maria usw. lautet, da dadurch die Gefühle der Athei*a*st*INN*en – man sollte auch neben dem theo eine thea vorsehen – verletzt werden könnten;
– dass Goethes Faustfigur in ein und derselben Aufführung jeweils zu einem Drittel von einem biologisch zertifizierten Mann, von einer ebenso beglaubigten Frau und schließlich von einem, einer oder einerIN VertreterIN des dritten Geschlechts verkörpert wird, ansonsten dieselbe Aufführung von den Spielplänen gestrichen gehört;
– dass das Luxemburger Nationalepos, „De Renert“, unverzüglich in „De Renert, D’Renesch, d’Renert“ umbenannt wird, da sich andernfalls sämtliche nicht männlichen Wölfe brüskiert fühlen;
– dass keine öffentliche Rede mehr abgehalten werden darf, in deren Begrüßungsteil nicht alle (bis Redaktionsschluss) ca. 60 eingetragenen sozialen Geschlechter namentlich Erwähnung finden;
– dass kein Privatgespräch mehr ohne Glottisschlag mehr geführt werden darf, ansonsten Verhaftung und Internierung sowie Umerziehung durch die Gender-Sittenpolizei drohen;
– dass alle politischen Wahlen in allen Ländern, die seit unserer Zeitrechnung abgehalten worden sind, annulliert werden, da diese Listen erwiesenermaßen nie auch nur annähernd paritätisch nach Geschlechtern besetzt waren.