Editorial

„Quiet Quitting“: Die stille Revolution auf dem Arbeitsmarkt

Besonders die jungen Arbeitnehmer schätzen das Homeoffice

Besonders die jungen Arbeitnehmer schätzen das Homeoffice Foto: Pixabay

Im Sommer ging auf dem sozialen Netzwerk TikTok ein Video zum „Quiet Quitting“ viral. Ein 24-jähriger Mann aus New York sprach sich dort gegen die „Hustle Culture“ aus. „Hustle Culture“ beschreibt ein Phänomen, welches das Arbeiten über die eigene Belastungsgrenze hinaus beschreibt. Das Leben wird ganz und gar vom Job bestimmt.

Beim „Quiet Quitting“ handelt es sich nicht um eine Form der Kündigung, sondern es geht dabei darum, nur so viel zu arbeiten, wie es auch im Vertrag steht – ohne unbezahlte Überstunden zu leisten und Zusatzaufgaben zu übernehmen. Das Ziel des Lebens ist es demnach nicht mehr, Karriere zu machen, sondern die Work-Life-Balance in den Vordergrund zu stellen. Vor allem junge Menschen der Generation Z sehen das Hauptziel ihres Lebens nicht mehr darin, möglichst schnell beruflich erfolgreich zu werden. Wer hinter der Bezeichnung „Quiet Quitting“ jedoch nur jugendliche Naivität, Faulheit und Leistungsverweigerung vermutet, urteilt vorschnell.

Steht da nicht vielmehr die Frage dahinter, ob sich Leistung erbringen noch lohnt? Die Generation Z sieht sich seit ihrer Jugendzeit mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert: Dazu gehören der Klimawandel, die Corona-Krise, der Ukraine-Krieg, Gaskrise, Inflation, wie auch die immer weiter steigenden Immobilienpreise. So hat sich der Traum von den eigenen vier Wänden für viele von ihnen bereits ausgeträumt, egal wie engagiert sie in ihrem Job sind. Ihnen ist klar, dass sie nie den Wohlstand erreichen werden, der für die Eltern und Großeltern heute als selbstverständlich gilt. Genauso wenig wissen sie, wie ihr Leben in 20 oder 30 Jahren aussehen wird. Dann leben sie lieber im Hier und Jetzt und stellen die eigene Gesundheit in den Vordergrund.

Während es (nicht nur) in Luxemburg in vielen Bereichen an Arbeitskräften fehlt, zeigen sich viele Arbeitnehmer in Luxemburg unzufrieden. Laut dem letzten „Quality of Work Index“ der CSL nehmen die mentale Belastung und der Zeitdruck auf der Arbeit stetig zu. Parallel dazu steigt die Anzahl der geleisteten Überstunden. In den vergangenen zwei Jahren haben viele Luxemburger und Pendler ihre berufliche Situation neu bewertet, im Hinblick auf das Homeoffice, auf die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben und in letzter Zeit auch aufgrund der steigenden Energiekosten.

Neu ist das Phänomen des „Quiet Quitting“ nicht. Bisher war es jedoch nicht üblich, dass diese Einstellung solch eine übergreifende Form annimmt, dass es zu einer gesellschaftlichen Erscheinung wird. Gefragt ist nicht nur ein Überdenken der gängigen Arbeitsmodelle. Eine moderne Arbeitswelt kann dieser Einstellung der jungen Generationen Rechnung tragen. Diese haben schließlich noch viele Jahre im Berufsleben vor sich.

Das „Quiet Quitting“ bedeutet noch mehr. Die jungen Menschen drücken dadurch aus, dass sie nicht mehr gewillt sind, im alten System zu funktionieren. Sie sagen dem gegenwärtigen Wirtschaftsmodell und dem ewigen Wachstum den Kampf an. 

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