Editorial

Luxemburg hat dazugelernt und war besser auf den Regen vorbereitet als in der Vergangenheit

Die rumänische Botschaft in der Pulvermühle wurde vom Hochwasser heimgesucht

Die rumänische Botschaft in der Pulvermühle wurde vom Hochwasser heimgesucht Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Der extreme Starkregen in der Nacht von Montag auf Dienstag hat in Luxemburg einmal mehr gezeigt, wie verletzlich unser Land gegenüber Wetterextremen ist. Keller liefen voll, Straßen wurden überschwemmt, Materialschäden entstanden. In manchen Ortschaften wird es noch Tage dauern, bis der Schlamm beseitigt und das gesamte Ausmaß sichtbar ist. Besonders betroffen war unter anderem Beringen bei Mersch: Dort fielen innerhalb weniger Stunden 187 Liter Regen pro Quadratmeter.

Dass Luxemburg dennoch mit einem blauen Auge davongekommen ist, liegt zum einen daran, dass die Flussläufe relativ wenig Wasser führten, zum anderen aber auch an den Lehren aus der Vergangenheit. Man war vorbereitet, wie auch Tageblatt-Wetterexperte Philippe Ernzer bilanziert. Zumindest besser als in der rezenten Vergangenheit.

Die Natur war immer unberechenbar, doch der Klimawandel hat diese Unberechenbarkeit in den vergangenen Jahren verstärkt. Das Bewusstsein dafür scheint in der Bevölkerung inzwischen gewachsen zu sein. Schon am Montag war spürbar, dass Warnungen ernster genommen werden. Die Behörden haben rechtzeitig informiert, Gemeinden frühzeitig Vorkehrungen getroffen. In Differdingen etwa wurde vorsorglich eine Hochwasserschutzwand errichtet, in Bollendorf und Berdorf verteilte die freiwillige Feuerwehr Sandsäcke, andernorts hielt man Einsatzkräfte in Bereitschaft.

Nicht nur die frühzeitigen Warnungen am Montag waren von Bedeutung, sondern auch die offene Kommunikation der Behörden im Nachhinein. So hatte ein Meteorologe vom staatlichen Wetterdienst am Dienstagmorgen gegenüber Radio 100,7 eingeräumt, dass sie die Situation zuerst etwas unterschätzt hatten und deshalb aber später am Abend noch die Warnstufe Rot ausgerufen haben. In Extremsituationen werden immer Fehler oder Fehleinschätzungen passieren, der offene Umgang damit stärkt aber das Vertrauen.

Auch in den sozialen Medien hat sich etwas verändert: Spott über Wetterwarnungen ist zumindest gefühlt seltener geworden, beziehungsweise drücken Nutzer vermehrt ihre Dankbarkeit für Warnungen aus. Die Bilder und Erinnerungen an die verheerenden Überschwemmungen von 2021 sind noch allgegenwärtig – und wirken nach.

Einen wichtigen Beitrag leisten auch private Wetterplattformen wie Meteo Remich oder Météo Boulaide, betrieben von Tageblatt-Wetterexperte Philippe Ernzer. Trotz heftiger Anfeindungen und Beleidigungen, die sie nach wie vor erfahren, leisten sie wertvolle Aufklärungsarbeit und tragen dazu bei, dass unsere Gesellschaft Risiken besser einschätzt. Auch am Montag haben sich wieder viele über diese Plattformen auf dem Laufenden gehalten.

Die Erfahrung der vergangenen Nacht sollte uns bestärken, den Hochwasserschutz konsequent auszubauen, Flussläufe zu renaturieren und die Bodenversiegelung zu begrenzen. Vor allem hier gibt es noch viel Luft nach oben. Denn Wetterextreme werden uns künftig häufiger treffen, nicht seltener. Wohlwissend, dass es einen absoluten Schutz nicht gibt, wie auch ein betroffener Anwohner aus Rollingen bei Mersch weiß: „Die Natur ist halt die Natur.“

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