Kommentar

Lesen als essenzielle Kulturtechnik

PISA-Schock und Künstliche Intelligenz: Schon wird von einem „Ende des Lesens“ und einer „postliterarischen Zeit“ gesprochen. Dabei sind das (Bücher)lesen und die Literatur von essenzieller Bedeutung für die menschliche Gesellschaft.

Am Mittwoch wurde die Buchmesse in Frankfurt eröffnet. Gastland ist Tschechien.

Am Mittwoch wurde die Buchmesse in Frankfurt eröffnet. Gastland ist Tschechien. Foto: Andreas Arnold/dpa

„Das Lesen ist wie das Atmen eine essenzielle Lebensfunktion“, schreibt der Schriftsteller Alberto Manguel in seinem Buch „Eine Geschichte des Lesens“. Die Rede ist dabei nicht nur vom Verstehen einzelner Worte und Sätze auf Plakaten, Aufschriften und Reklamesprüchen, Bedienungsanleitungen, Namens- und Hinweisschildern, von Briefen und Mitteilungen auf gedrucktem Papier sowie auf den Displays von Tablets und Smartphone-Displays, sondern vom Lesen von Büchern.

Als Manguels Buch 1996 erschien, war Windows 95 bereits auf dem Markt, und die CD-ROM hatte ihren weltweiten Siegeszug als Standardausstattung von PCs schon angetreten. Die Buchverlage setzten mittlerweile auf DVD‑ROM als letzten Schrei. Und doch markierten die 90er Jahre eine Blütezeit der Buchbranche, auch wenn sie bereits an der digitalen Schwelle stand und der Wandel vom klassischen Sortiment-Buchhandel zu großen Filialketten im Gange war. Die kleine Buchhandlung für Bibliophile und Literaturliebhaber war schon vom Aussterben bedroht.

Drei Jahrzehnte später, während die Frankfurter Buchmesse läuft und die Schwedische Akademie in Stockholm verkündet, wer den Literaturnobelpreis gewonnen hat, wird von einem „Ende des Lesens“ gesprochen. Soll etwa diese alte Kulturtechnik aussterben, obwohl wir überall lesen müssen, um uns in der modernen Welt zurechtzufinden? Hat es sich im Zeitalter der omnipräsenten Smartphones und der künstlichen Intelligenz ausgelesen? Der PISA-Schock über die schwache Lesekompetenz von Schülern, die kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen durch KI, die schwächelnde Buchbranche mit sinkenden Umsatzzahlen, weniger Buchläden und eine schrumpfende Vielfalt („Bibliodiversität“) – man könnte es meinen. Obwohl wir von Massen von Büchern umgeben sind, denken wir, das Lesen sei an ein Ende gekommen, stellt Carolin Amlinger fest. Die Basler Literaturwissenschaftlerin weist auf die Bewohner der „Bibliothek von Babel“ in Jorge Luis Borges’ gleichnamiger Erzählung hin, die vor lauter Büchern kein einziges Buch mehr verstehen. Borges’ unendliche Bibliothek ist Wirklichkeit geworden.

Die digitale Textflut droht, uns in eine „postliterarische Zeit“ zu führen. Dies gilt es zu verhindern. Der britische Journalist James Marriott beschreibt den Zusammenhang des Verlusts der Lesekultur mit populistischen Tendenzen und der Polarisierung in der Gesellschaft. Denn Lesen ist mehr als eine einsame Beschäftigung. Sie verbindet die Menschen und integriert sie in die Gesellschaft. Lesen geht immer, Vorlesen auch. Verbunden mit dem haptischen Glücksgefühl, das ein Buch vermittelt, ist es einfach unersetzlich. Oder anders gesagt, wie es Gustave Flaubert im Juni 1857 in seinem Brief an Mademoiselle de Chantepie ausdrückte: „Lies, um zu leben!“

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