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„La grande tristezza“ – Italiens tiefer Fall

„La grande tristezza“ – Italiens tiefer Fall

Was ist aus dem einst stolzen Fußballland Italien geworden? Nach den verpassten Weltmeisterschaften 2018 und 2022 hat Italien nun bereits zum dritten Mal in Folge die Qualifikation verfehlt. „La grande tristezza“ beschreibt den Zustand der „Squadra Azzurra“ treffend – und doch fast noch zu milde. Denn es handelt sich längst nicht mehr um einen Betriebsunfall, sondern um einen historischen Absturz. Das Scheitern im Elfmeterschießen gegen Bosnien und Herzegowina steht sinnbildlich für einen schleichenden, aber tiefgreifenden Bedeutungsverlust. Während früher Stolz, Disziplin und unerschütterlicher Glaube dominierten, herrschen heute Verunsicherung und Mittelmaß.

Trainer Gattuso zog die Konsequenzen, trat zurück und sprach von einer „Schande“. Doch Rücktritte sind kein Ersatz für Reformen – sie markieren allenfalls den Anfang. Die strukturellen Defizite sind seit Jahren bekannt, aber immer noch ungelöst: Die Nachwuchsarbeit ist schwach, die Verbandsstrukturen sind verkrustet, es fehlt das Vertrauen in junge Talente, es gibt keine Identifikationsfiguren und eine Spielphilosophie ist bis heute nicht erkennbar. Vieles wurde ausgesessen, anderes schlicht verdrängt. Die Verantwortung dafür liegt auch bei der Führungsebene, denn bekanntlich stinkt der Fisch vom Kopf. Dass ein Trainer von Carlo-Ancelotti-Format die brasilianische „Seleção“ dem eigenen Nationalteam vorzieht, ist ein alarmierendes Signal.

Auch außerhalb Italiens wird die Krise aufmerksam verfolgt. Kritisiert werden der geringe Anteil einheimischer Spieler in Topklubs, überzogene Gehälter ohne entsprechende Leistungen, fehlender Kampfgeist sowie mangelnde Kreativität. Insbesondere die Nachwuchsarbeit steht in der Kritik: Es gibt zu wenig Raum für Individualität und zu wenig Mut, charakterstarke Spieler zu fördern. Anstelle von Spielfreude dominieren Sicherheitsdenken und Ideenarmut. Italien, das einst ein gefürchteter Gegner auf höchstem Niveau war, steht an einem Scheideweg. Entweder gelingt ein Neuanfang mit klaren Strukturen, moderner Ausbildung und dem Mut, alte Zöpfe abzuschneiden – oder das Land droht, den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren. Für eine Nation, in der Fußball weit mehr als nur ein Spiel ist, wäre das nicht nur ein sportlicher, sondern auch ein kultureller Verlust.

Die Tatsache, dass der neue Trainer Silvio Baldini mit einem Team, das nahezu ausschließlich aus U21-Spielern besteht, nach Luxemburg gereist ist, deutet zumindest auf die Bereitschaft zu einem radikalen Umbruch hin. Viele dieser „jungen Wilden“ spielen regelmäßig in der Serie A. Zu hoffen bleibt, dass aus der „grande tristezza“ bald wieder jener Stolz erwächst, der den italienischen Fußball einst ausgezeichnet hat. Forza Italia!

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