Standpunkt
Krieg gegen Frieden und Wohlstand
Der unentschuldbare Überfall Russlands auf die Ukraine wird weitreichende Folgen haben. Vor allem die Weltwirtschaft wird einen enormen Schaden erleiden. Bedingt durch die Covid-Pandemie entstanden bereits in vielen Teilen der Welt große Einbrüche. Die Zahl der Armen hat zugenommen, Unterernährung und Hungertote steigen wieder an.
Proteste gegen den Krieg in der Ukraine gibt es weltweit Foto: AFP
Selbst vor Putins Waffengang befand sich die Welt schon auf einem gefährlichen Kurs. Inflationäre Tendenzen bedrohen die allgemeine Versorgungssicherheit. Es treten immer mehr Engpässe auf in den internationalen Versorgungsketten.
Insbesondere die Energiepreise und damit auch die Transportkosten sind enorm angestiegen. Für einen 40 Fuß-Container (rund 12 Meter lang) bezahlte man 2018 ab Hongkong 1.500 Dollar. Heute kostet es mindestens 12.400 Dollar, um den gleichen Container von Asien nach Europa zu befördern. Ein Kilo Luftfracht auf der gleichen Route kostete 2018 zwischen 2,7 bis 3,2 Dollar. Heute hat sich der Preis mehr als vervierfacht: 12-14 Dollar pro Kilo.
Während der Ölpreis sich wieder den 100 Dollar pro Barrel nähert, hat sich der Erdgaspreis vervierfacht. Von Entlastung durch erneuerbare Energien gibt es keine Spur. In Deutschland wird die notwendige Spannung im Netz durch den Einsatz von Kohle- und Gaskraftwerken aufrechterhalten. Notfalls wird Atomstrom aus Frankreich, der Schweiz oder Tschechien bezogen. Die Franzosen, die rund zwei Drittel ihres Stroms auf nuklearer Basis herstellen, bieten deshalb ihren Konsumenten Preise, die halb so hoch sind als in Deutschland.
Preisauftrieb gibt es in allen Transportbereichen. 2020 zahlten Fluggesellschaften noch rund 200 Dollar für 1.000 Liter Fuel. 2021 verdoppelte sich der Fuel-Preis auf 400 Dollar. Nunmehr sind um die 900 Dollar für die gleiche Menge Kerosin zu zahlen.
Kosten werden beim Kunden landen
Mit dem Krieg in der Ukraine und den sich jagenden Sanktionen und Gegensanktionen wird alles schlimmer. Ein Beispiel: Nach dem Ausbruch des Irak-Krieges stiegen die Versicherungsprämien für Handel wie internationale Handelsträger um 200 bis 300% an.
Diese Kosten werden selbstverständlich beim Endverbraucher abgeladen. Inflation ist bleibend angesagt. Die Preise für Energie und die meisten Konsumgüter werden sich weiterhin steigern. Die Kaufkraft der meisten Menschen wird entsprechend gemindert.
Schwerwiegender ist die allgemeine Verunsicherung durch den nunmehr heißen Krieg um die Ukraine. Niemand weiß, wie lange dieser blutige Konflikt dauern und wie er ausgehen wird. Doch die innereuropäischen Beziehungen mit Russland werden nachhaltig gestört bleiben und weltweite geopolitischen Auswirkungen haben.
Die Welt danach wird definitiv eine andere sein. Aber keine bessere.
Gefährlicher Populismus
Die nationalistische Versuchung ist in vielen Teilen der Welt dominierend. Shlomo Sand, israelischer Historiker, sieht überall den „Kult der Nation“ als zentrales politisches Anliegen. Der Begriff „Demokratie“ hat seine Wurzel im griechischen Wort „demos“, das Volk. Doch die Römer steuerten das Wort „populos“ bei, das gleichzeitig das „Volk“, aber auch die „Volksmassen“ oder despektierlich der „Pöbel“ bedeutet.
Immer mehr Politiker geben vor, im Namen des „Volkes“ zu reden. Wobei kein Volk eine totale Einheit darstellt. Putin will angeblich im Namen des russischen Volkes dessen ukrainische Urheimat rückerobern. Präsident Xi strebt die Einheit des früheren chinesischen Imperiums an. Trump wollte Amerika „great again“ machen. Boris Johnson trat aus Europa aus, um an den Einfluss des britischen Imperiums anzuknüpfen. Erdogan träumt vom osmanischen Reich. Orban von einem Groß-Ungarn.
Bei den französischen Präsidentschaftswahlen wetteifern von der extremen Linken bis zur extremen Rechten praktisch alle Kandidaten mit nationalistischen Parolen. In Luxemburg träumen die Riesenzwerge vom ADR von einem „Lëtzebuerg fir d’Lëtzebuerger“. „Le nationalisme, c’est la guerre“, warnte François Mitterrand vor dem Europäischen Parlament. Leider hatte er recht. Siehe Putin.
Wie ist der derzeitige Kriegszustand zu beenden? Nur über einen schnellen Waffenstillstand und eine Rückbesinnung auf die Mittel der Diplomatie. „Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen“, befand der weise Helmut Schmidt.
Die Integrität der Ukraine ist nicht verhandelbar. Aber bessere kollektive Sicherheitsbedingungen schon. Wirtschaftliche Sanktionen mögen zu diesem Zeitpunkt unumgänglich sein. Waren aber noch nie entscheidend. Zumal Sanktionen nicht nur jenen schaden, die man treffen will, sondern auch die Initiatoren von Sanktionen.
Die Welt hält den Atem an. Hoffentlich wird die notwendige Zufuhr von Sauerstoff zum Gehirn dadurch nicht beeinträchtigt!
* Der Autor ist ehemaliger LSAP-Minister und ehemaliger Europaabgeordneter.