Kommentar

„Jonkt Geméis ouni Anung“: Jung, weiblich, politisch engagiert – und vorverurteilt

Der sog. „Babyspinat“ enthält neben zahlreichen Vitaminen und Mineralstoffen auch eine Fülle an Antioxidantien und Karotinoiden wie Lutein, Zeaxanthin und Quercetin. Außerdem kann er schneller zubereitet und sogar roh verzehrt werden. Man kann ihn von vorneherein ätzend finden – oder einfach mal probieren.

Der sog. „Babyspinat“ enthält neben zahlreichen Vitaminen und Mineralstoffen auch eine Fülle an Antioxidantien und Karotinoiden wie Lutein, Zeaxanthin und Quercetin. Außerdem kann er schneller zubereitet und sogar roh verzehrt werden. Man kann ihn von vorneherein ätzend finden – oder einfach mal probieren. Foto: rawpixel.com

Und schon kriechen die Wutbürger, unter denen – ja, sorry! – viele alte Männer sind, aus ihren Löchern und halten die Mistgabeln hoch: Jill Goeres, 20 Jahre alt, wurde in Bech zur Bürgermeisterin gewählt. Damit ist sie die jüngste Person in Luxemburg, die ein Bürgermeisteramt bekleidet. Dass das bei einigen sauer aufstoßen würde, war wohl vorauszusehen. Während viele es als positives Zeichen bewerten, dass sich die häufig als faul und ahnungslos verteufelten jungen Menschen politisch engagieren, werfen einige User in den Kommentarspalten der Presseartikel Jill Goeres vor, „null Lebenserfahrung“ zu haben und deswegen „absolut ungeeignet“ für ein politisches Amt mit so viel Verantwortung zu sein.

Diesen Kritikern kann man nur antworten: Nur weil ihr in diesem Alter grün hinter den Ohren wart und nichts vom Leben kanntet, bedeutet es nicht, dass das bei anderen Menschen der Fall sein muss. Außerdem gibt es auch reichlich 60-Jährige, die „vun Tuten a Blose keng Anung hunn“. Ob Frau Goeres für dieses Amt geeignet ist, wird sich erst zeigen. Dafür muss man sie aber erst mal handeln lassen.

Eine Portion Skepsis ist immer gesund. Doch einer Person, die politisch tätig werden möchte, Kompetenzen einzig aufgrund ihres Alters abzusprechen, obwohl sie, mit Ausnahme einer kurzen Dankesrede, bislang keinen Pieps von sich gegeben hat und wahrlich noch keine Sekunde Zeit hatte, um sich zu beweisen, spricht Bände darüber, was manche Menschen in Luxemburg von jungen Frauen, die sich politisch engagieren, halten. Bei aller Kritik, dass eine 20-Jährige angeblich nicht für die Belange einer Gemeinde einstehen könnte, könnte man den Spieß genauso gut umdrehen: Können 70-Jährige ein politisches Sprachrohr für junge Menschen sein und Entscheidungen fällen, von denen sie selbst kaum betroffen sind?

Es ist schon leicht surreal: Vielerorts wird behauptet, junge Menschen, vor allem junge Frauen, würden sich nicht für Politik interessieren – und wenn sie es doch tun, wird trotzdem gekrächzt. 

Einige belächeln das Wahlergebnis und meinen: „Es ist ja nur Bech! Da läuft nichts, also ist es wurscht!“ Doch auch kleine Gemeinden verdienen es, mit einer kompetenten Hand geführt werden. Ob dies in Bech der Fall sein wird? Abwarten! Die „Granzerten“ mit der Glaskugel wissen aber scheinbar bereits mehr als der Rest des Landes. Zum Glück bilden sie eine – wenn auch laute – Minderheit und das allgemeine Echo zum Becher Wahlergebnis scheint eher positiv zu sein.

Mit 20 Jahren kann man, zumindest auf dem Papier, Firmen gründen, selbstständig werden, ein Haus kaufen. Das Wahlrecht gilt in Luxemburg ab 18: Wer wählen darf, sollte sich auch politisch engagieren und – wenn das Volk es so will – Bürgermeister*in werden dürfen.

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