Editorial

Holtz und Philipp haben dem Fußball, dem Sport und Luxemburg geschadet. Sie müssen jetzt gehen.

Das Fass ist übergelaufen. Der nationale Fußballverband braucht einen Neustart. Paul Philipp und Luc Holtz müssen dafür Platz machen. Das haben sie sich selbst zuzuschreiben.

Zeit für einen Neustart ohne zwei: Luc Holtz und Paul Philipp führten die „Rout Léiwen“ in ungekannte Höhen und ließen sie jetzt brutal abstürzen

Zeit für einen Neustart ohne zwei: Luc Holtz und Paul Philipp führten die „Rout Léiwen“ in ungekannte Höhen und ließen sie jetzt brutal abstürzen Foto: Editpress/Gerry Schmit

Die Dummheit ist hausgemacht, der Rufschaden längst international. Innerhalb weniger Tage haben Paul Philipp, Luc Holtz und Gerson Rodrigues die „Rout Léiwen“ und ihren guten Ruf maximal ruiniert. Den hatten sich das Team und der luxemburgische Fußball, auch dank der drei Genannten, mit erfrischendem Spiel und relativem Erfolg hart erarbeitet. Dass dieser gute Ruf jetzt dahin ist, davon zeugen die zahlreichen internationalen Presseberichte. Und in Luxemburg wird der Fall mittlerweile in der Chamber diskutiert. Der Schaden ist also angerichtet. Es ist ein Schaden für den luxemburgischen Fußball, für den luxemburgischen Sport und für das ganze Land.

Das muss Konsequenzen haben.

Offenbar vollkommen unfähig, auch nur einen Funken Schuld bei sich selbst zu suchen, haben FLF-Präsident Philipp und Nationaltrainer Holtz mit ihren Aussagen zuletzt leider deutlich unter Beweis gestellt, worum es ihnen geht: um sich selbst und um nichts anderes. Hätte Minister Georges Mischo (CSV) ihnen nicht die Pistole auf die Brust gesetzt beziehungsweise die Hand an den staatlichen Geldhahn gelegt (die staatlichen Zuschüsse für das „Nation Branding“ wurden bereits gestrichen), wer weiß, ob die FLF überhaupt wieder von ihrem Selbstzerstörungskurs zurückgerudert wäre?

Diese demonstrativ zur Schau getragene Rücksichtslosigkeit und Engstirnigkeit hat sowohl Philipp wie Holtz für ihr jeweiliges Amt disqualifiziert: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende – einen Neustart kann es nur ohne die beiden geben, sie sind nicht mehr tragbar – und das haben sie sich selbst zuzuschreiben.

Die Ereignisse der vergangenen Tage im Schnelldurchlauf: Holtz schloss einen kritischen Journalisten von einem Pressetermin aus. Philipp verleumdete diesen Journalisten später, weibliche Abgeordnete beleidigte der FLF-Präsident bei gleicher Gelegenheit als „Pseudo-Politiker“. Im Stadion wurden Frauen, die gegen Gewalt protestierten, die Banner mit Gewalt entrissen – auf FLF-Anweisung hin, wohlgemerkt. Man habe sich verlesen, hieß es später von offizieller Seite aus. Einer Teilnehmerin wurde bei diesem völlig überzogenen Vorgehen der Sicherheitsdienste der Finger gebrochen. Der Spieler, Gerson Rodrigues, dessen Nominierung trotz seiner Verurteilung wegen mehrerer Gewalttaten, darunter häuslicher Gewalt, die ganze Dynamik erst ausgelöst hatte, zeigte sich bis zuletzt vollkommen uneinsichtig und schob vor dem Irland-Spiel in den sozialen Medien seiner Ex-Freundin die Schuld am eigenen blutigen Gesicht zu. Zuvor postete er: „Only God can judge me“ – ein Gericht hatte ihn bekanntermaßen da längst und sehr irdisch „gejudged“. Und only Holtz nominierte ihn trotzdem weiter. Die FLF reagierte mit einem Entschuldigungsschreiben ohne Entschuldigung. „Nous présentons nos excuses les plus sincères à toutes les personnes qui se sentent offensées par cette affaire“, steht dort zu lesen. Anders ausgedrückt: Sorry, dass euch das stört, was wir nicht falsch gemacht haben. Ein weiteres Kunststück missratener Krisenkommunikation.

Autor Guy Rewenig hat recht, wenn er im Tageblatt vom Mittwoch von einer „Ausweitung der Arroganzzone“ schreibt. Doch es geht hier noch um mehr: Sehr viele Eltern in Luxemburg schicken ihre Kinder zum Fußball. Viele dieser Kleinen trainieren mehrmals die Woche und träumen davon, einmal das Trikot der „Rout Léiwen“ tragen zu dürfen. Sie verbringen also viel Zeit in dieser Bubble – doch inzwischen besteht der berechtigte Grund zur Sorge, dass ihnen dort, ohne alle über einen Kamm scheren zu wollen, von der Verbandsspitze her ein verkrustetes Gesellschaftsbild vorgelebt wird. Eine zumindest bizarre Interpretation des Wortes „Vorbildfunktion“.

Die Frage, um die es geht, ist die der strukturellen Gewalt gegen Frauen und wie dieser begegnet wird. Klar, Gerson Rodrigues wurde verurteilt und damit bestraft. Aber kann es deswegen vom Sport als edles Anliegen verkauft werden, diesen Spieler trotz seiner von einem Gericht festgestellten Tat zur Nationalmannschaft zu berufen? Wir sagen: Nein – Rodrigues hat eine zweite Chance verdient, selbstverständlich, aber dafür ist die „Nationalequipe“ der falsche Ort.

Wenn diese ganze Skandalgeschichte überhaupt etwas Gutes hat, ist es das: Sie legt alte Strukturen, gefährliche Loyalitäten und nicht förderliche Machtkonzentrationen offen und den Finger damit in die Wunde. Es sind Probleme, die nicht nur die FLF hat, sondern 2025 im organisierten Sport noch erschreckend weit verbreitet sind. So hat der Tischtennisverband mittlerweile eine neue Führung, doch die inakzeptablen, sexistischen Äußerungen ihres Sportdirektors Heinz Thews in einem Tageblatt-Interview (u.a. „Haben wenig davon, junge Damen in der Gegend rumzufahren“) wurden nie öffentlich aufgearbeitet. Der gleiche Verband, der seine eigenen Sportlerinnen – in diesem Fall Sarah De Nutte – sanktioniert, wenn sie öffentlich ihre Meinung sagen und Kritik üben. 

Im Falle der FLF wird all das jetzt aufgearbeitet werden müssen – und ab da wird es für alle schmerzhaft. Für uns inbegriffen, auch wir als Medien müssen vor der eigenen Haustür kehren. Die Berichterstattung war in vielen Sportteilen und Fernsehinterviews in dieser Sache weit entfernt davon, journalistischen Standards zu genügen. Richtiger medialer Kritik mussten sich die Herren der FLF auch zuvor kaum jemals stellen. Stattdessen gab es oft Lobeshymnen. Auch das kann einen Teil der Reaktionen aus dem Fußballverband erklären. Und auch hier steht demnach Arbeit an.

Unter den „Supportern“ der „Roten Löwen“ scheinen zudem viele zu sein, die lieber ihr Team anfeuern, als sich klar gegen Gewalt gegen Frauen zu positionieren oder den Einsatz dagegen, was nichts anderes als ein Kampf gegen Ungleichheit ist, sogar als „Propaganda“ verschreien.

Bezeichnenderweise waren es am Dienstagabend die irischen Fans, die gegen die Präsenz von Gerson Rodrigues auf dem Fußballfeld protestierten. In der 18. Minute hielten sie Rote Karten hoch – in Anspielung auf die 18 Monate Bewährung, zu denen der Spieler verurteilt ist. Fans der „Rout Léiwen“ machten kaum mit. Vielleicht passt das „rout“ daher so gut zu uns – weil es zum Schämen ist. Doch, und da sind wir wieder beim Vorbildcharakter: Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Demnach ist es Zeit zu gehen für Paul Philipp und Luc Holtz. Dass eine Ethikkommission eingesetzt wird, ist schön und gut. Doch sie soll nicht zum Aufpasser für Kindsköpfe à la Holtz und Philipp werden, sondern den dringend nötigen Neustart begleiten. Zudem hatten Ethikkommissionen im internationalen Sport allzu oft Alibi-Charakter. Und wenn sie dann mal ihre Arbeit machten, wurden die störenden Mitglieder ersetzt oder die Kommission abgeschafft.

Damit: Danke für die vielen schönen Spiele. Aber jetzt braucht es einen Neuanfang. Luxemburg will wieder stolz sein können auf seine „Rout Léiwen“. Philipp und Holtz dürfen dem nicht im Weg stehen.

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