Editorial

Gesucht: Verteidiger des Völkerrechts

In Anbetracht des Krieges im Iran und im Nahen Osten muss sich Europa jetzt geeint hinter das internationale Recht stellen – sonst werden beide in der neuen Weltordnung bedeutungslos.

Friedenstaube fliegt vor blauem Himmel über Dubai mit Rauchspuren abgefangener iranischer Raketen.

Friedenstaube über dem blauen Himmel von Dubai, wo abgefangene iranische Raketen ihre Spuren hinterlassen haben Foto: AFP

Es ist schwer, den Anbruch einer neuen Epoche auszumachen, wenn man selbst mittendrinsteckt. Dafür braucht es eigentlich das kühle Blut und den geschärften Blick des historischen Abstands. Eigentlich. Die Umbrüche der vergangenen Jahre sind jedoch so deutlich, so tiefgreifend, dass selbst wir Zeitgenossen feststellen können, dass wir in einer neuen Zeit leben, in der die alten Regeln nicht mehr gelten. Und der Krieg, den die USA und Israel gerade gegen den Iran führen, ist ein neuer Krieg in dieser neuen Zeit.

Der lange Abschied vom Völkerrecht hat begonnen. Internationales Recht ist nicht mehr der gemeinsame Nenner der Nachkriegsordnung. Die Weltordnung ist dabei, sich von einer regelbasierten zu einer machtbasierten Ordnung zu wandeln. Der russische Angriff auf die Ukraine ist ein Ergebnis dieser neuen Ordnung, die US-Invasion Venezuelas ebenfalls. Und nun also der Angriff von USA und Israel auf den Iran. In Europa misst man diesen Konflikt noch immer an den Maßstäben der alten Welt: Ist es legitim, den Iran anzugreifen, um eine Atommacht zu verhindern? Gehört das zum Selbstverteidigungsrecht Israels? Darf sich der Iran im Gegenzug selbst verteidigen mit Angriffen auf Israel und US-Militärbasen in den Golfstaaten? Die Protagonisten dieses Krieges kümmern solche regelbasierten Überlegungen schon lange nicht mehr. Sie agieren in einer neuen Welt der Gelegenheiten, ihre Machtbereiche auszudehnen oder abzusichern.

Ein Wandel, der nicht erst mit dem russischen Überfall auf die Ukraine begonnen hat. Der Linken-Abgeordnete David Wagner hat recht, wenn er sich beim jüngsten Iran-Konflikt an den Irakkrieg 2003 erinnert fühlt. Ebenfalls ein Angriff, den die USA und Großbritannien damals ohne explizites UN-Mandat starteten, ein Bruch mit dem Völkerrecht. Man kann internationales Recht nur so oft brechen, bis es irgendwann bedeutungslos wird.

In Luxemburg bezieht man deshalb Position: Außenminister Xavier Bettel kritisierte am Sonntag den Angriff der USA und Israels als „nicht im Einklang mit dem internationalen Recht“. Und auch unter den Abgeordneten der Chamber herrscht parteiübergreifende Einigkeit: Diplomatie statt Eskalation. In Europa ist man sich da schon weniger einig. Die Staatschefs von Deutschland, Großbritannien und Frankreich haben am Sonntag eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, in der sie die Gegenangriffe des Irans verurteilen und ein Eingreifen in den Konflikt von europäischer Seite nicht ausschließen – vom Völkerrecht hingegen keine Rede. In bestem, verschleierndem Bürokratendeutsch steht dort: „Wir werden die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um unsere Interessen und die unserer Verbündeten in der Region zu verteidigen. Dies kann potenziell auch, falls notwendig, das Ermöglichen von verhältnismäßigen militärischen Defensivmaßnahmen einschließen, um die Fähigkeit des Iran, Raketen und Drohnen abzufeuern, an der Quelle zu zerstören.“

Dieser Vorstoß von drei der mächtigsten europäischen Nationen ist ein Signal in die falsche Richtung. In der neuen Weltordnung muss Europa für das Völkerrecht einstehen, es ist Teil unserer Identität. Wenn Europa sich nicht geeint hinter dieses internationale Recht stellt, werden beide in der neuen Weltordnung bedeutungslos werden.

Und Luxemburg? Zwar hat Premierminister Luc Frieden jüngst bei seiner von europäischem Selbstbewusstsein strotzenden Harvard-Rede erstmals kritischere Töne gegenüber den USA und ihrer globalen Sicherheitspolitik angeschlagen, ein so klares und deutliches Urteil wie sein Außenminister hat er bislang jedoch öffentlich nicht gefällt. Mit seiner kurzfristig anberaumten Regierungserklärung am Dienstagnachmittag vor der Chamber könnte Frieden nun ein Zeichen setzen. Für Europa, seine Werte und für das internationale Recht.

4 Kommentare
DanV 04.03.202612:19 Uhr

“Ayatollah Hasser”?

Seit Jahren sehen wir hilflos zu, wie dieser Ayatollah und seine Kumpanen Menschen massakrieren, die nur ein wenig Freiheit wollen und dafür einstehen.

Solche Monster darf man ruhigen Gewissens hassen.

Das Völkerrecht ist gut und schön, und wir leben sehr gut damit. Aber was macht man, wenn es nicht eingehalten wird? Oder gilt Völkerrecht nur für uns und nicht für die Menschen im Iran?

Es ist das erste Mal, dass ich mit Trump einverstanden bin. Er bombadiert zwar aus anderen (vielleicht falschen) Gründen, aber die Iraner haben dadurch eine Chance, sich zu befreien und eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Ich hoffe, sie bekommen die Gelegenheit, sie zu nutzen!

RCZ 03.03.202613:15 Uhr

Europa ist jetzt schon nur noch Zuschauer, schwach und machtlos. Erbärmlich, der Iran wird verurteilt weil er sich gegen den kriminellen Überfall von Israel und USA zu Wehr setzt. Keine Verurteilung für den erfolgten Völkerrechtswidrigen Angriff der Ayatollah Hasser?

Fraulein Smilla 03.03.202609:44 Uhr

Beim Voelkerrechtswidrigen Angriff auf den Irak 2003 waren nicht nur die USA und GB beteiligt , sondern auch eine Koalition der Willigen mit mehreren europaeischen Staaten -Italien , Polen , Daenemark , Spanien ..... ( Die ganze Liste auf Wiki abrufen ) Wir sollten uns auch abschminken, dass Kriege die mit dem Segen der UN Sicherheitsrat gefuehrt werden bessere Kriege sind . Lybien ist heute ein gescheiterter Staat .

Manfred Reinertz Barriera 03.03.202607:44 Uhr

MIt Trump haben die USA den Wilden Westen wieder als Leitpolitik in der Welt eingeführt, es gilt nur das Recht des Starken und sonst nichts...und Russland und China sind derselben Meinung, wir sind also in einem neuen Zeitalter angelangt...und müssen uns damit zurechtfinden nolens volens..

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