Kommentar
Fehlender Kompass: Die Klimakrise muss ein Thema beim nächsten Landwirtschaftstisch sein
Die Bauernzentrale nennt ihre Erwartungen an das neue Agrargesetz und die nächsten Landwirtschaftstische. Und die Mitverantwortung des Sektors beim Klimawandel?
V.l.: Philippe Keipes, stellvertretender Direktor der Bauernzentrale, Christian Wester, Präsident, und Andy Brisbois, Vizepräsident Foto: Editpress/Alain Rischard
Es ist fünf vor zwölf für viele Bauern, für manche sogar fünf nach zwölf. So dramatisch spitzte es Andy Brisbois, Vizepräsident der „Centrale paysanne“, auf deren Pressekonferenz am Dienstag zu. Dabei ging es unter anderem um das nächste Agrargesetz, das die Entwicklung der Landwirtschaft für die kommenden sieben Jahre definieren und als Steuerungsinstrument dienen soll – und das mit den für November und Dezember angekündigten Landwirtschaftstischen in der Vorbereitung ist.
Klar ist, dass Landwirte unter einem enormen finanziellen Druck stehen. Dies liegt nicht nur daran, dass die Energie- und Düngemittelkosten in die Höhe geschossen sind, während die Preise für landwirtschaftliche Produkte fielen. Der extreme Sommer und die lange Dürre waren für den Sektor katastrophal. Nicht wenige Landwirte sahen sich gezwungen, teures Tierfutter nachzukaufen – was bei manchen zu Liquiditätsproblemen führte. Zwar wurde ihnen eine Beihilfe zugesagt. Aber Brisbois weiß: „Es dauert monatelang, bis wir mit dem Geld rechnen können. Bis jetzt hat noch keiner etwas davon gesehen.“ Von Soforthilfe kann keine Rede mehr sein.
Die Bauernzentrale sorgt sich generell um die Zukunft der Landwirtschaft. Von 2010 bis 2025 ist die Zahl der Betriebe von etwa 2.200 auf rund 1.800 gesunken. Was sind die Ursachen? „Wir vermissen eine tiefgründige Analyse“, so Bauernzentralen-Präsident Christian Wester. Immer weniger Landwirte müssten die gleiche oder eine größere Menge produzieren. Er wies darauf hin, dass es immer schwieriger sei, die Lebensmittelsicherheit in Europa angesichts multipler Krisen zu garantieren. Es fehle dem Sektor ein „Kompass“ zur Orientierung, bedauert Wester.
Die Bauernzentrale fordert daher beim Landwirtschaftstisch eine breite Debatte auf Basis gründlicher Analysen über die zukünftige Entwicklung der Betriebsstrukturen. Die Landwirte wollen „grundlegende Anpassungen“ und ein „kohärentes Paket von Maßnahmen mit einem gemeinsamen Ziel“, nicht eine „unkoordinierte Ansammlung einzelner Maßnahmen“. Sie fordern beschleunigte und vereinfachte Auszahlungsprozeduren. Aber auch für sie gilt es, sich an die Folgen der Klimakrise anzupassen und dem Klimawandel entgegenzuwirken. Die Verantwortung des Agrarsektors ist nicht von der Hand zu weisen. Nicht zuletzt dies muss ebenfalls ein Thema beim Landwirtschaftstisch sein.